Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Ernüchternde neue Metaanalyse über den Nutzen von Vitamin D


Bochum, 27. Januar 2014:

Vor einigen Tagen erschien in LANCET Diabetes & Endocrinology online (1) eine Metaanalyse randomisiert-kontrollierter Versuche mit Vitamin D, die ergab, dass eine generelle Vitamin-D-Prophylaxe, mit oder ohne Kalzium, die Inzidenz von Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs, und auch Knochenbrüchen insgesamt sowie Schenkelhalsbrüchen nicht verringerte. Die Autoren sind der Meinung, dass man in zukünftigen Studien mit ähnlichem Design auch keine deutliche Risikoreduktion finden würde.

Als Schwellenwert für einen Nutzen von Vitamin D wählte man eine Risikoreduktion von 15%, mit Ausnahme von 5% für die Mortalität. Für Herzinfarkt und ischämische Herzerkrankung wurden 9 Versuche mit 48.000 Personen, für Schlaganfall und zerebrovaskuläre Erkrankungen 8 mit 46.000, für Krebs 7 mit 48.000 und für alle Knochenbrüche zusammengenommen 22 Studien mit 76.000 Personen berücksichtigt. Für diese Endpunkte lag das Ergebnis im Bereich der Wirkungslosigkeit, der mit <15% definiert worden war. Vitamin D-Gabe allein verringerte auch nicht die Schenkelhalsbrüche um 15% oder mehr (12 Studien, 27.000 Personen). Lediglich für Vitamin D zusammen mit Kalzium ergab sich bei in Institutionen wie etwa Seniorenheimen lebende Personen ein Nutzen (2 Studien mit ~3800 Personen), aber nicht für Menschen unter normalen Lebensbedingungen (7 Studien mit 56.000 Menschen). Ob Vitamin D mit oder ohne Kalzium die Mortalität verringerte blieb letztlich unklar (38 Versuche, 81.000 Personen).

Kommentar

Nach einer jahrelangen Welle der Euphorie über das „Sonnenhormon“ Vitamin D folgen jetzt immer mehr negative Studien und Metaanalysen. Selbst ein genereller Nutzen für das Skelettsystem wird als fraglich bis fehlend angesehen. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) hat in ihren Pressemitteilungen und Blog-Beiträgen stets eine abwartend bis skeptische Haltung eingenommen, abgesehen vom muskuloskelettalen System (2). Der Referent wurde dafür sowohl im Internet als auch persönlich von Befürwortern eines breiten Vitamin-D-Einsatzes oft heftig kritisiert. Karl Michaelsson, der Verfasser des Editorials (3) zu der jetzt erschienenen Arbeit führt aus, dass in den USA sich zwischen 2002 und 2011 der jährliche Absatz von Vitamin D mehr als verzehnfacht habe, von 42 auf 605 Millionen US Dollar. Einwänden, die Dosis müsse nur erhöht werden, um einen Nutzen zu erzielen, hält Micharlsson entgegen, dass hohe jährliche Vitamin D-Gaben das Risiko für Knochenbrüche und Stürze sogar erhöhen können (4), und ohne dringliche Indikation zur Vitamin D-Zufuhr bei ausgeprägtem Mangel sei der Schaden möglicherweise höher als sein Nutzen.

Zum kardiovaskulären Effekt von Vitamin D laufen zwei große Studien, die VITAL- und VIDAL-Studie (2), die in einigen Jahren wohl endgültige Klarheit bringen werden. Dabei wird auch das Krebsrisiko mitbeurteilt werden können. Eine Meta-Analyse zur Gesamtmortalität von Rejnmark et al. (5) bei 70.000 Patienten zeigte für Vitamin D mit oder ohne Kalzium zusammengenommen eine Mortalitätsverminderung von 7%, jedoch beeinflusste Vitamin D allein die Sterberate nicht.

Zur Frage einer Frakturverhinderung liegt eine ältere Metaanalyse von Tang et al. vor (6), die eine signifikante Minderung des Gesamtfrakturrisikos von 12% ergeben hatte, für Personen mit besonders guter Compliance von 24%. In der neuen Arbeit kommen die Befunde von Chapuy et al. (7,8) über eine Verringerung von Schenkelhalsbrüchen durch Kalzium und Vitamin D bei älteren Heimbewohnerinnen zum Ausdruck. Inwieweit die Grenze von 15% zum Nachweise eines Nutzens sinnvoll gewählt wurde – für die Gesamtmortalität von 5% – bleibe dahingestellt. Es muss auch bedacht werden, dass sehr heterogene Studien, vor allem in Bezug auf die Vitamin D –Dosis ausgewertet wurden: Diese lag von 200 bis 1100 Einheiten/Tag oder 100.000 bis 150.000 Einheiten alle 3 Monate. Auf den vielfach diskutierten U-förmigen Dosiseffekt von Vitamin D wurde nicht näher eingegangen.
Abschliessend stimmt der Referent dem Erstautor der Studie, Dr. Bolland aber zu, dass es an der Zeit sei, evidenzbasierte Grenzwerte für einen klinisch relevanten Referenzbereich von Vitamin D zu etablieren.

Helmut Schatz

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Literatur

(1) M.J. Bolland et al.: The effect of vitamin D supplementation on skeletal, vascular, or cancer outcomes: a trial sequential meta-analysis
THE LANCET Diabetes & Endocrinology, Early Online Publication, 24 January 2014
Doi:10.1016/S2213-8587(13)70212-2

(2) Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie: Wirkung einer Vitamin D-Gabe nur bei bestimmten Personengruppen und Patienten gesichert.
Pressemitteilung vom 25. Januar 2012

(3) K. Michaelsson: The puzzling world of vitamin D insufficiency
THE LANCET Diabetes & Endocrinology, Early Online Publication, 24 January 2014
doi:10.1016/S2213-8587(14)70008-7

(4) K.M. Sanders et al.: Is high dose vitamin D harmful?
Calcified Tissue International 2013; 92:191-206

(5) L.Rejnmark et al.: Vitamin D with calcium reduces mortality: Patient level pooled analysis of 70 528 patients from eight major vitamin D trials.
J.Clin. Endocrinol. Metab. 2012. 97:2670-2681

(6) B.M.P. Tang et al., Use of calcium or calcium in combination with vitamin D supplementation to prevent fractures and bone loss in people aged 50 years and older: a meta-analysis.
THE LANCET 2007. 370: 657-666

(7) M.C. Chapuy et al.: Effect of calcium and cholecalciferol treatment for three years on hip fracture in elderly women.
Brit.Med.J. 1994. 308:1081-1082

(8) M.C. Chapuy et al.: Combined calcium and vitamin D3 supplementation in elderly women: confirmation of reversal of secondary hyperparathyroidism and hip fracture risk: the Decalyos II study.
Osteoporos. Int. 2002. 13:257-264

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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4 Antworten auf Ernüchternde neue Metaanalyse über den Nutzen von Vitamin D

  1. Dr. No sagt:

    ich finde Den Titel Ihres Beitrages absolut unseriös!! Ich habe mir die Studie im original besorgt. Dort wurden in allen Studien lediglich Vitamin D Spiegel um die 60 bis maximal. 70 nmol/l unter Vitamin Substitution erzielt! Neuere Studien zu vitamin D zeigen, das die positiven Effekte erst ab 100nmol/l beginnen. (der Normwert von Vitamin D liegt bei 100-200nmol/l!!!) Die Dosis macht die Wirkung! Wo sollen dann bitte schön bei solch „homöopatischen“ die positiven Effekte von Vitamin herkommen? Und die Dauer der Einnahme? Gerade bei Tumorerkrankungen(welche den eigentlich ??) und Schenkelhalsbrüchen spielt die DAUER der Gabe eine wesentliche Rolle, der Knochen regeniert sich doch nicht nach 3 oder 6 Monaten, und die Festigkeit wird doch auch von anderen Faktoren wie z.B. Kraft bestimmt. Kollektive?(….ab 50 LJ – wurden hier z.B Seniorenheimbewohner oder postmenopausale Frauen untersucht?) Ich hätte mir in ihrem Beitrag eine etwas differenzierte Auseinandersetzung dazu gewünscht und nicht eine irreführende Headline

    • Helmut Schatz sagt:

      Liebe/r Kollege/in No,
      „unseriös“ ist schon starker Tobak – aber Spaß beiseite: Die Analyse muß man von Ihrer Aussage her tatsächlich als „ernüchternd“ bezeichnen: Vitamin D nützt nach ihr nur zusammen mit Kalzium bei älteren Heimbewohnerinnen. Ihre Vorbehalte und Einschränkungen, die natürlich berechtigt sind, finden Sie auch in meinem Kommentar angesprochen. Meine Distanz zu der Arbeit können Sie aus dem letzten Satz unschwer erkennen: „….stimmt der Referent… ABER zu….“. Warten wir es nun ab, bis etwa 2020, dann werden relevante Daten auf dem Tisch sein.
      Helmut Schatz

  2. PD Dr. G. Vlotides sagt:

    Sehr geehrter Herr Schatz,

    ich versuche vergebens im PubMed die Arbeit von Bolland et al. zu finden. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie die Möglichkeit hätten mir die Arbeit in elektronischer Form zu schicken!

    Vielen Dank und mit freundlichen Grüßen,

    George Vlotides

    • Helmut Schatz sagt:

      Sehr geeehrter Herr Kollege,
      ich habe die Arbeit nicht elektronisch und scanne Ihnen daher die 1. Seite mit dem Abstract ein. Bitte senden Sie mir doch Ihre Mail-Adresse, damit ich Ihnen diese mailen kann.
      Helmut Schatz

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