Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Rasch Gewicht abnehmen besser als langsam: Schneller am Zielgewicht ohne Unterschied im ‚Jojo-Effekt‘. Wieder ein Diät-Mythos widerlegt?


Bochum, 4. November 2014:

In Australien wurden 200 Übergewichtige zufallsverteilt in 2 Gruppen in einer 1. Phase entweder rasch für 12 Wochen mit einer 400-800 kcal-Diät oder langsam für 36 Wochen mit einer 400-500 kcal unter ihrem Tagesbedarf liegenden Kost einer Gewichtsabnahme unterzogen. In beiden Gruppen wurde eine Reduktion von 15% angestrebt. Die rasche Diätgruppe sollte 1.5 kg pro Woche abnehmen, die langsame 0.5 kg. Am Ende von Phase 1 erreichten 50% der langsamen und 81% der schnellen Diätgruppe dieses Ziel. Nach einer anschließenden 2. Phase von 144 Wochen war zwischen den beiden Gruppen kein Unterschied festzustellen: Den Großteil des verlorenen Gewichts hatten bei gradueller Gewichtsabnahme 71.2%, bei rascher 70.5% der Probanden wieder zugenommen. Eine intention-to-treat-Analyse ergab das gleiche Resultat: 76.3% vs. 76.3% Wiederzunahme (1).

Die rasche Gruppe erhielt 2x täglich energiearme Formula-Diäten, die in ihrer Zusammensetzung insbesondere auch einem Hungergefühl entgegenwirkten. Die langsame Gruppe erhielt nur 1-2 Formula-Getränke und ansonsten eine Kost nach den Australischen Ernährungsleitlinien. Als entscheidend wichtig an den Programm wird angesehen, dass es eingebettet war in Schulungsprogramme zur Ernährung und eine psychologische Betreuung zur Verhaltensänderung.

Kommentar

Diese Befunde widersprechen der weitgehegten Auffassung, dass man nicht rasch, sondern eher langsam an Gewicht abnehmen solle, um den gefürchteten Jojo- Effekt zu vermeiden. Diese Meinung kommt in vielen Leitlinien zum Ausdruck. Auch die S3-Leitlinie der Deutschen Adipositas-Gesellschaft empfiehlt eine Reduktionsprogramm von 500 kcal unter dem täglichen Kalorienbedarf (2).

Wenn sich die Befunde der Forscher aus Melbourne bestätigen sollten, wird man wohl umdenken müssen. Die Studienautoren diskutieren, dass es beim schnellen Gewichtabnehmen mit den neuen Formula-Diäten zu einem – wenn auch nicht signifikant – höheren Spiegel an 3-ß-Hydroxybutyrat gekommen war und auch dadurch das Hungergefühl geringer gewesen sei. Wichtig erscheint Kommentatoren der Studie die begleitende Ernährungsberatung und psychologische Begleitung. Einige sind der Meinung, dass zur „Weight Maintainance“ wohl auch Anti-Adipositas-Medikamente sinnvoll und nötig seien. Während in Deutschland davon zur Zeit nur Orlistat verfügbar ist, gibt es in den USA davon drei und wohl bald 4 weitere (3). Nur eine der bei uns im Fernsehen und in Zeitschriften vielfach angekündigten Formula-Diäten in der Apotheke oder im Supermarkt zu kaufen ist wohl kaum zielführend. Ich sehe das in meiner Praxis leider bei vielen meiner übergewichtigen Patienten, die trotz ständiger Beratung und Unterweisung dennoch der Werbung unterliegen und mit diesen Produkten allein nichts von ihrem Gewicht verlieren können.

Helmut Schatz

Literatur

(1) K. Purcell et al.: The effect of rate of weight loss on long-term weight management: a randomized controlled trial.
The Lancet Diabetes & Endocrinology, Early Online Publication, 16 October 2014. doi:10.1016/S2213-8587(14)70200-1

(2) H. Schatz: Adipositas-Leitlinie 2014: Gesamtkalorienzahl der Reduktionskost entscheidend, nicht deren Zusammensetzung.
DGE-Blogbeitrag vom 4. Juli 2014

(3) H.Schatz: Neue Anti-Obesitas-Medikamente zur Zulassung eingereicht.
DGE-Blogbeitrag vom 7. Juni 2014

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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