Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Gewichtsabnahme durch intranasales Oxytocin?


Bochum, 8. April 2015:

Auf der Jahrestagung der Endocrine Society 2015 in San Diego berichtete Elizabeth A. Lawson aus Boston, dass in einer Pilotstudie an 25 gesunden Männern die Gabe von Oxytocin-Nasenspray vor einer Mahlzeit zu einer Verringerung der Kalorienaufnahme geführt habe (1).

In der randomisierten, doppelblinden plazebokontrollierten crossover-Studie an 13 normalgewichtigen und 12 übergewichtig bis adipösen Männern zwischen 18 und 45 Jahren verminderte in einer standardisierten Versuchsanordnung intranasales Oxytocin (Syntocinon, Novartis) die Gesamtkalorienaufnahme um 122 kcal und die Fettaufnahme um 8.7 g. Zwischen den zwei Gewichtsgruppen bestand diesbezüglich kein Unterschied. Die Aufnahme von Kohlenhydraten oder Eiweiß war nicht unterschiedlich, auch nicht der gemessene Appetit oder die Appetit-regulierenden Hormone Leptin, Ghrelin oder PYY. Der Energieverbrauch in Ruhe änderte sich durch Oxytocin ebenfalls nicht.

Kommentar

In tierexperimentellen Studien wurde bereits gezeigt, dass Oxytocin zu einem Gewichtsverlust führt, einerseits durch Verminderung der Nahrungsaufnahme, möglicherweise durch eine Beeinflussung der appetitregulierenden Mechanismen im Gehirn, andererseits durch einen gesteigerten Energieverbrauch. Auch beim Menschen wurde in einer kleinen Studie mit intranasalem Oxytocin über acht Wochen ein Gewichtsverlust erzielt. Mögliche Mechanismen sind in dieser Arbeit jedoch nicht untersucht worden. Umgekehrt wurde auch berichtet, dass Oxytocin bei der Anorexia nervosa mit Erfolg eingesetzt werden könne. Mit einer Oxytocinwirkung bei psychiatrischen Störungen befasste sich ein früherer DGE-Blogbeitrag (2).

E.A. Lawson präsentierte eine Hochrechnung, nach der die 3x tägliche intranasale Gabe von Oxytocin über 12 Wochen eine Gewichtsabnahme von 4 kg, oder >17 kg in 1 Jahr bewirken könne. Die große Frage dabei ist natürlich, ob der Oxytocin-Effekt über längere Zeiträume anhält. Dies betonte auch der Moderator der Sitzung in San Diego, Dr. Bessesen. Man sah auch einige Nebenwirkungen wie Benommenheit, Nasenreizung und Bauchbeschwerden, allerdings ohne deutlichen Unterschied zu Plazebo.

Abschließend betonte Frau Lawson, dass Oxytocin gegenwärtig ein „heißes Hormon“ sei, mit vielerlei sozialen Effekten, insbesondere Steigerung der sozialen Interaktionen, erhöhtem Vertrauen und verbesserter Wahrnehmung sozialer Signale. Jetzt bedarf es freilich genügend großer, gut angelegter Studien, um die Wirkung einer Gabe von Oxytocin auf das Körpergewicht beim Menschen zu überprüfen, insbesondere über längere Zeiträume.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Elizabeth A. Lawson, Abstract OR40-2. Presented at the Annual Meeting of the Endocrine Society in San Diego, 8 March 201

(2) Helmut Schatz: Oxytocin aus dem Zwischenhirn, das ‘Kuschelhormon’, hilft offenbar auch bei Borderline-Persönlichkeitsstörung.
DGE-Blogbeitrag vom 17. Oktober 2013

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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