Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

GLP-1-Test zur Vorhersage der Stoffwechselwirkung eines Magenbypasses


Hannover, 18. November 2013

Die durch Magenbypass erzeugte Verbesserung des Kohlenhydratstoffwechsels ist von der Empfindlichkeit des Organismus auf das Darmhormon Glucagon-like-peptide-1 (GLP-1) abhängig. Dies fanden Matthias Tschöp und Mitarbeiter vom Institut für Diabetes und Adipositas am Helmholtz Zentrum München gemeinsam mit Kirk Habegger und Mitarbeitern vom Metabolic Disease Institute der University of Cincinnati am Tiermodell (1).

Fettleibigkeit (Adipositas) ist eine häufige Begleiterscheinung bei Diabetes Typ 2. Der chirurgische Eingriff des Magenbypasses zeigte sich bisher bei den meisten Patienten als effektive Methode zur schnellen Gewichtsreduktion. Daneben kommt es durch den operativen Eingriff zu einem Anstieg der GLP-1 Konzentrationen im Blut und – bereits vor Gewichtsabnahme – zur Verbesserung der Glukosewerte im Blut. Deswegen wird auch von „Metabolischer Chirurgie“ gesprochen. Die Stoffwechselverbesserung variiert jedoch erheblich von Patient zu Patient.

Die Forscher behandelten 197 männliche Long-Evans Ratten, die mit einer Diät mit hohem Fettanteil adipös gemacht worden waren, mit dem GLP-1-Rezeptoragonisten Exendin-4. Am Ende der Behandlung wurden die Ratten unterteilt in Responder und Nicht-Responder, bezogen auf den mit Exendin-4 induzierten Gewichtsverlust und die Verbesserung des Glukosestoffwechsels. Untergruppen von Respondern und Nicht-Respondern wurden nun einer Roux-en-Y-Magenbypass-Operation unterzogen. Nach der Operation zeigten Responder und Nicht-Responder ähnlichen Verlauf der Gewichtsverluste gegenüber Sham-operierten Ratten, aber nur die Responder auf Exendin-4, nicht die Non-Responder, zeigten eine Verbesserung im Glukosestoffwechsel.

Kommentar

Während die Magenbypass-Operation hinsichtlich ihrer Wirksamkeit auf den Gewichtsverlust bei adipösen Patienten mit Diabetes Typ 2 sehr erfolgreich ist, gilt dies weniger deutlich für die Verbesserung des Glukosestoffwechsels. In einer retrospektiven Kohortenstudie mit 4434 übergewichtigen Typ-2-Diabetespatienten, die sich einer Roux-en-Y-Magenbypass-Operation unterzogen hatten, wurde bei 68.2% der Patienten eine komplette postoperative Diabetes-Remission innerhalb von fünf Jahren erzielt. Bei etwa einem Drittel dieser initial remittierten Patienten trat der Diabetes jedoch innerhalb von 5 Jahren wieder auf (2). In der Swedish Obese Subjects (SOS) -Studie zeigten 72% der Patienten 2 Jahre nach Magenbypass-Operation eine komplette Diabetes-Remission, nach 10 Jahren war jedoch bei der Hälfte dieser Patienten der Diabetes wieder aufgetreten (3). Es wäre interessant zu wissen, ob die vom Diabetes remittierten Patienten mit ihrem Glukosestoffwechsel anders auf GLP-1 reagieren als die Patienten, bei denen der Diabetes nach initialer Remission wieder auftrat.

In der hier vorgestellten Tierstudie (1) zeigte sich, dass die Effektivität der Magenbypass-Operation auf den Glukosestoffwechsel umso stärker war, je empfindlicher die Ratten vor der Operation auf den GLP-1-Rezeptoragonisten Exendin-4 reagierten. Somit könnte die Empfindlichkeit gegenüber GLP-1 ein wesentlicher Indikator für den Erfolg eines Magenbypasses auf die Diabetes-Remission sein. Wenn sich diese Ergebnisse bei Patientenuntersuchungen bestätigen, könnte vor einem geplanten chirurgischen Eingriff die Reaktion auf GLP-1 getestet werden und es ließe sich vorhersagen, welche Patienten besonders von dem Eingriff profitieren würden. Für chirurgische Eingriffe ist dies besonders wichtig, da es sich um komplexe, keineswegs komplikationsarme und nicht leicht rückgängig zu machende Operationen handelt.

Andererseits muss man sich die Frage stellen, ob bei Diabetespatienten, die bereits auf GLP-1 mit verbessertem Glukosestoffwechsel und mit Gewichtsreduktion reagieren, ein Magenbypass überhaupt notwendig ist, da ja beides mit GLP-1-Rezeptoragonisten behandelt werden kann. Freilich ist die Gewichtsabnahme nach einem Magenbypass wesentlich größer als die, welche man durch GLP-1-Rezeptoragonisten erzielt.

Klaus-D. Döhler, Hannover

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Literatur:

(1) Habegger K.M. et al.: GLP-1 responsiveness predicts individual gastric bypass efficacy on glucose tolerance in rats,
Diabetes, doi: 10.2337/db13-0511; 2013

(2) Arterburn D.E. et al.: A Multisite Study of Long-term Remission and Relapse of Type 2 Diabetes Mellitus Following Gastric Bypass.
Obesity Surgery online: 18 November 2012.
http://link.springer.com/article/10.1007/s11695-012-0802-1

(3) Sjöström L.: Review of the key results from the Swedish Obese Subjects (SOS) trial – a prospective controlled intervention study of bariatric surgery.
J. Intern. Med. 2013; 273: 219-234.

Publiziert am von Prof. Klaus Döhler
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