Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Hämatopyrrollaktamurie (HPU) – eine „vergessene Stoffwechselstörung“?


Bochum, 26. Juni 2017:

In den 1950er bis 1960er Jahren wurde nach biochemischen Markern für psychische Erkrankungen gesucht. Kanadische Autoren beschrieben im Urin von Patienten mit Schizophrenie, Angstzuständen, Panikattacken und Alkoholismus eine sich mit dem Ehrlich-Reagens violettblau anfärbende Substanz, die sie wegen dieser Farbreaktion als „Mauve-Factor“ bezeichneten. Der Stoff wurde als ein Kryptopyrrol definiert, später als Hämopyrrollaktam. Bis heute wurden diese Befunde jedoch nicht bestätigt (1).

In der Alternativen Medizin, insbesondere der Orthomolekularen Medizin wird die HPU heute als „vergessene Stoffwechselstörung“ bezeichnet und verstärkt beachtet. Sie wird mit einem Vitamin B6- und Zinkmangel in Zusammenhang gebracht und es werden „orthomolekulare Produkte“, vor allem Vitamin B6 und Zink empfohlen. Es liess sich jedoch nie ein Zusammenhang mit einem Mangel dieser Substanzen nachweisen. Holländische Autoren bezeichneten die HPU daher im Jahre 2003 als „Pseudokrankheit“ (2). In den klassischen Lehrbüchern und auch im ICD-10-Schlüssel taucht sie nirgendwo auf (1).

Sieht man heute ins Internet, so findet man aber die HPU in vielen Beiträgen, so etwa am 9. Januar 2015 von Trudy Scott mit dem Titel: „Pyrroluria, high mauve, pyrrole disorders, malvaria, elevated kryptopyrroles and social anxiety“, gefolgt von 99 Kommentaren. Die Autorin empfiehlt ihr Buch „The Antianxiety Food Solution.“

Unser DGE-Mitglied Martin Merkel, Endokrinologikum Hannover, schrieb gestern die DGE an und schlug eine Veröffentlichung seiner Stellungnahme zur HPU vor: „Die Hämatopyrrollaktamurie (HPU) ist keine schulmedizinische Diagnose und auch keine Unterform der Porphyrien, keine Stoffwechselstörung im medizinischen Sinne und damit auch keine Erkrankung. Eine auf die erhöhte Ausscheidung von Pyrrolen im Urin aufbauende Diagnose oder Therapie entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage“. Im Arznei-Telegramm wurde im Jahre 2012 zu diesem Thema ein Kommantar des Apothekers Hellmann aus Hamburg abgedruckt (1). Dieser war auch Grundlage für einen entsprechenden Eintrag bei WIKIPEDIA.

Der Referent hatte vor Jahren den Artikel im Arznei-Telegramm zwar gelesen und angekreuzt, die Thematik aber nicht weiter verfolgt. Er wurde in seiner Praxis nie damit konfrontiert. Ich gehe davon aus, dass manches DGE-Mitglied von Patienten aber darauf angesprochen werden könnte, wie es wohl Herrn Kollegen Merkel in seiner Hannoverschen Praxis passiert sein dürfte.

Helmut Schatz

Literatur

(1) U. Hellmann: Kryptopyrrolurie – was ist davon zu halten? Arznei-Telegramm 2012. 43:87-88

(2) J.W.M. van der Meer et al.: Ned. Tijdschr. Geneeskd. 2003. 147:1720-1

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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Eine Antwort auf Hämatopyrrollaktamurie (HPU) – eine „vergessene Stoffwechselstörung“?

  1. Es ist natürlich immer viel schwieriger, die Nichtexistenz als die Existenz einer Sache nachzuweisen. Ich bin mit dem Thema nicht wirklich vertraut, möchte mir aber doch die beiden folgenden Fragen erlauben:

    1. Worauf (außer Case Reports) gründen die Vertreter der orthomolekularen Medizin ihre Annahmen? Gibt es irgendwelche Studien, womit sich die Mutmaßungen stützen lassen?

    2. Wie ist die normale Ausscheidung für Hämopyrrollaktam im Urin und wie gut ist die diagnostische Trennschärfe der verfügbaren Testverfahren? Es werden zwar von verschiedenen Firmen Schnelltests zur Quantifizierung der Hämopyrrollaktam-Ausscheidung angeboten, aber leider schweigen sie sich zur analytischen Qualität und zu wichtigen Fragen wie Sensitivität und Spezifität aus.

    Eigentlich sollten sich diese Fragen ja in einer einfachen Studie schnell beantworten lassen, zumal ja angeblich 10% der Bevölkerung betroffen sind. Es wundert mich, dass die Anhänger dieser Erkrankung nicht schon längst die erforderlichen Studienergebnisse vorgelegt haben.

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