Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Hat der Eid des Hippokrates heute noch eine Bedeutung?


ENDOKRINOLOGISCHES DISKUSSIONSFORUM

Bochum, 28. November 2016

In vielen unserer Arztpraxen in Deutschland, auch in der des Referenten, hängt der Eid des Hippokrates aus. Von Patienten wird man oft darauf angesprochen.  Schon als Medizinstudent wird man mit ihm bekannt, zumindest in der Vorlesung aus Geschichte der Medizin.

Vor einigen Tagen erschien nun im US-amerikanischen Nachrichtendienst Medscape / Endocrinology and Diabetes eine Befragung von Ärzten (1) zur heutigen Bedeutung des Eides von Hippokrates, entstanden von bald zweieinhalb Jahrtausenden. Damals gab es noch keine Krankenversicherungen, keine Gesundheitsindustrie, keine Krankenhausbetreiber oder  Pharmaindustrie. Der Arzt sollte moralisch und ethisch in erster Linie, wenn nicht ausschliesslich dem kranken Menschen verpflichtet sein. Hat dieses Postulat auch heute noch Gültigkeit? Mitarbeiter des Referenten wurden vor einigen Jahren angehalten, vor Übernahme einer Chefarztstelle „Zielvereinbarungen“ unterschreiben, der Gemeinsamer Bundesausschuss (GBA) und das AMNOG greifen in die „Therapiefreiheit“ ein. Welche Bedeutung – wenn überhaupt – kommt also dem hippokratischen Eid  heute noch zu ? In den USA, im Unterschied zu Deutschland müssen Mediziner beim Abschluss ihres Studiums nach meinen Informationen an vielen, wenn nicht den meisten Universitäten nach wie vor einen Eid in der einen oder anderen Version des hippokratischen Eides oder angelehnt an diesen leisten.

Unten finden Sie den Original-Fragebogen von U.S. Medscape. Bitte geben Sie im Anschluss Ihre frei formulierte Meinung ab, ob der Eid des Hippokrates heute noch zeitgemäss ist oder ein medizinhistorisches Relikt anzusehen ist.

Danke!

Helmut Schatz

Literatur

(1) Is the Hippocratic Oath Still Relevant? Medscape. Nov 22, 2016

 

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As a medical school student, which version of the oath did you recite?

The Hippocratic oath in its original form

The Oath of Maimonides

The Declaration of Geneva (1948)

The modernized oath by Louis Lasagna, MD (1954)

An alternative oath written by my medical school faculty

An alternative written by my medical school class

An alternative version that I wrote myself

Other

I didn’t recite any physician oath

How meaningful is taking the oath to how you practice medicine?

Very meaningful

Somewhat meaningful

Slightly meaningful

Not at all meaningful

Do you think the oath should be revised, preserved, or abandoned?

The oath should be revised or replaced

The original oath should be preserved

The oath should be abandoned

The Hippocratic oath focuses on putting patients first. In today’s healthcare environment, how often are you able to do this?

Always

Most of the time

Sometimes

Rarely

Never

Does the oath’s focus on putting patients first contribute to physician burnout?

Yes

No

Unsure

What is your age?

Under 34 years

35-44 years

45-54 years

55-64 years

65 years or older

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Liebe DGE-Mitglieder,

welche Bedeutung kommt dem Eid des Hippokrates nach Ihrer Meinung heute in Deutschland zu? Ist er nach wie vor von Bedeutung? Ist er überholt und kann heute keine Bedeutung mehr haben, da im deutschen Gesundheitssystem der Patient oft nicht mehr an vorderster Stelle stehen kann? Oder sehen Sie den Eid differenzierter, mit einigen nach wie vor gültigen und etlichen überholten Passagen?

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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10 Antworten auf Hat der Eid des Hippokrates heute noch eine Bedeutung?

  1. Dr. Frank Mayr sagt:

    Der Eid des Hippokrates enthält nach wie vor gültige, aber auch überholte Passagen. In Deutschland schwören angehende Ärzte offenbar diesen Eid nicht. Ich frage mich, ob ihn angehende Chirurgen in den USA schwören müssen oder auf ihn verzichten dürfen. Man muss ja versprechen, nicht chirurgisch tätig zu werden („keinen Blasenstein schneiden“). Heute akzeptiert jeder Chirurg, dass seine Klinik neben einer „Medizinischen“ Klinik existiert, er sollte aber die Geschichte nicht vergessen: Chirurgie war lange Zeit nicht „Medizin“. In Stockholm hiess das Universitätsklinikum von 1817 noch bis 1968 „Kongl. Carolinska Medico Chirurgiska Institutet“. Und in Österreich wird man auch heute noch zum „Dr. med. univ.“ promoviert, was nichts mit „Universität“ zu tun hat, sondern „Dr. der gesamten Heilkunde“ bedeutet, also der Medizin und der Chirurgie („Dr. medicinae universalis“).
    Das Motto des Karolinska Institutet stellt übrigens wie der Hippokratische Eid das Wohl der Menschen in den Vordergrund: „Att förbättra människors hälsa“.

  2. Helmut Schatz sagt:

    Als ich 1989 einen Dienstvertrag in Bochum unterschreiben sollte mit dem Passus, dass ich eine „ausreichende“ ärztliche Versorgung vorzunehmen habe, weigerte ich mich, denn ich wollte „bestmöglich“ therapieren.Aber man hielt mir vor, das stünde so in der Reichsversicherungsordnung.. Schließlich einigten wir uns auf die Formulierung einer „angemessenen“ Versorgung.. Sparer stellte ich fest, dass schon in den 1970er Jahren das Wort „ausreichend“ gegen „bedarfsgerecht“ ausgetauscht worden war.

  3. Dr. Junghans sagt:

    Ethik und Moral, wie einst im Eid geschworen, halte ich auch – und insbesondere heutzutage – für essenziell. Im Zeitalter der DRG’s, wo z.T. Zahlen und Finanzen ganz im Vordergrund zu stehen scheinen, sollte sich immer wieder auf das Grundsätzlich besonnen werden und der PATIENT im Zentrum aller Überlegungen und ärztlichen Handeln bleiben.

  4. Maja5 sagt:

    Das Einzige, meiner Erfahrung nach, was heute in Deutschland von dem Eid geblieben ist, ist, erstaunlich stark ausgeprägt, das Bestreben, das Fachwissen für den Patienten unbedingt geheim zu halten. Mit wenigen Ausnahmen, natürlich.
    Es sollte sich langsam herumgesprochen haben, daß Patienten heute lesen können und im Internetzeitalter ist das Bestreben nach dem Erhalten des status quo aus der Zeit des Hippokrates wenig sinnvoll.
    Die „Ich bin der Gott in Weiß“-Gehabe, immer noch so oft anzutreffen, erscheint heute nur lächerlich.

    • Fuzziwuzzi sagt:

      Liebes MAJA5-lein, Du hast ja so recht, lächerllich ist vieles. Aber auch Dein altkluges, ständiges Meckern über die eingebildeten, dummen, ja bösen Ärzte. Was musst Du für schlechte Erfahrungen haben, du Arme!

  5. eine schilddrüsenlose Patientin sagt:

    @ FUZZIWUZZI

    Der Beitrag ist leider etwas ungeschickt formuliert, aber der eigentliche Inhalt entspricht absolut meiner Meinung.

    Wegen Maja5 und anderen ähnlich aggresiven Schreibern, hatte ich mich schon vor geraumer Zeit aus dem HT-MB Forum ausgeklinkt.
    Mittlerweile habe ich ein Déjà-vu und frage mich, ob ich hier überhaupt noch mitlesen möchte. Dieses permanente, pauschale Schlechtreden der Ärzte tut mir in der Seele weh. – Schade, wenn Laien eine wissenschaftliche Plattform mit solchen destruktiven Aussagen torpedieren.

  6. Lieber Prof. Schatz,

    zu unserem Abschluss haben wir uns selbst eine Abschlussfeier in der Aula der Universität organisiert und uns geeinigt, im Rahmen der Zeremonie das „Genfer Gelöbnis“ (der originale Eid des Hippokrates erschien uns zu altbacken und inhaltlich nicht in allen Punkten zeitgemäß) zu rezitieren und schwören. Ich denke und hoffe, dass dies jeden von uns in einer Weise berührt hat, unser ärztliches Streben danach auszurichten. In der Hektik des von Kaufmännern gelenkten Klinikalltags verblassen die menschlichen Züge unseres Schaffens leider immer wieder. Daher ist es auch gut und wichtig für die eigene Bodenhaftung und unsere Patienten, sich in besinnlichen Momenten an seinen Idealen zu orientieren und an diesen Schwur zu erinnern. Die Textvorlage, die wir damals hundertfach gedruckt haben, liegt noch heute auf meinem Laptop…

    Der Eid (und seine Derivate) haben also noch heute einen großen Einfluss auf unser standesrechtliches Selbstverständnis der Berufsausübung. Die zentralen Punkte haben Eingang gefunden in Bundesärzteordnung, Deklaration von Helsinki und anderen wegweisenden Regularien. Auch wenn einzelne Passagen nicht mehr den Zeitläuften entsprechen und daher keine praktische Bedeutung haben, sind die Kernpunkte so aktuell und relevant wie eh und je.

    Beste Grüße aus München!

  7. Helmut Schatz sagt:

    Lieber Herr Kollege Störmann, danke für Ihren Kommentar. Könnten Sie bitte dieses Ihr Gelöbnis hier posten, wenn nicht allzu lang? Andernfalls eine gekürzte Version mit einem Link zum Volltext? Das würde gewiss viele Besucher unserer Homepage und natürlich auch mich sehr interessieren.
    Beste Grüsse
    Helmut Schatz

  8. Helmut Schatz sagt:

    Die Genfer Deklaration des Weltärztebundes („Genfer Gelöbnis“) wurde im September 1948 in Genf auf dessen 2. Tagung verabschiedete und ist im Internet nachzulesen. Sie lehnt sich an den Eid des Hippokrates an und stellt eine modernisierte Fassung dar.

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