Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Hormoninaktive Hypophysenadenome nach transspenoidaler Resektion: Bessere Progressionshemmung des Resttumorgewebes durch frühzeitigen stereotaktischen Einsatz des Gamma Knife


Bochum, 2. Mai 2017:

Auf dem Jahreskongress 2017 der Amerikanischen Neurochirurgen in Los Angeles stellte am 24. April 2017 Jason P. Sheehan für die Autorengruppe um Jonathan Pomeraniec aus Charlottesville die Ergebnisse einer multizentrischen Studie über den frühen oder späteren Zeitpunkt einer stereotaktischen Radiotherapie nach transsphenoidaler Operation von hormoninaktiven Makroadenomen der Hypophyse vor. Bei späterer Anwendung des Gamma Knife fand sich eine höhere Progressionsrate des Resttumorgewebes als bei frühem Einsatz (1).

Die Daten stammen aus einer Multicenter-Studie von 1987-2015 über  hormoninaktive hypophysäre Makroadenome an neun  Institutionen der International Gamma Knife Research Foundation. Die 222 vorher gematchten Patienten, welche die Studienkriterien erfüllten,  wurden in 2 Gruppen geteilt: Radiotherapie </= 6 Monate und >6 Monate nach Operation. Innerhalb der Nachbeobachtungsperiode von im Mittel 68.5 Monaten war das Risiko einer Tumorprogression in der späten Radiotherapiegruppe grösser. Es fand sich hingegen kein  Unterschied im Auftreten endokriner Störungen oder Ausfälle (Panhypopituitarismus): Bei 30%  der Patienten ohne endokrine Veränderungen traten nach früher Radiotherapie Endokrinopathien  neu auf, bei spätem Einsatz waren es 27% (n.s.).

Kommentar

Dass frühe stereotaktische Radiotherapie nach Operation hypophysärer, hormoninaktiver Makroadenome eine Progression besser verhindert als später Einsatz, wenn etwa kernspintomographisch schon ein Wachstum des Resttumorgewebes nachgewiesen wurde, ist verständlich. Das Gamma Knife ist die am häufigsten angewendete Methode der Radiochirurgie. Interessant ist der Befund, dass sich die hormonelle Situation nach früher oder später Anwendung des Gamma Knife nicht signifikant unterschied.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Jason P. Sheehan et al. : Early vs. late gamma knife radiosurgery following transsphenoidal surgery for non-functioning pituitary macroadenomas: A matched multicenter cohort study. Presentation at the 2017 American Association of Neurological Surgeons Annual Scientific Meeting, Article ID: 673128.
http://www.newswise.com/articles/early-vs-late-gamma-knife-radiosurgery[…]

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Insbesondere die neurochirurgisch tätigen Mitglieder der DGE werden gebeten, ihre eigenen Erfahrungen zu berichten und mitzuteilen, wann sie postoperativ die stereotaktische Strahlentherapie anwenden.

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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3 Antworten auf Hormoninaktive Hypophysenadenome nach transspenoidaler Resektion: Bessere Progressionshemmung des Resttumorgewebes durch frühzeitigen stereotaktischen Einsatz des Gamma Knife

  1. Prof. Rudolf Fahlbusch sagt:

    Die Ergebnisse der von Sheehan vorgetragenen Studie sind durchaus nachvollziehbar. Es betrifft alle bestrahlten Restsadenome bzw. Rezidive, die früh mit kleinerem (?) und später mit größerem Volumen behandelt wurden. Die Studie sagt nichts darüber aus, wieviel Restadenome auch ohne Strahlentherapie nicht weiter gewachsen sind, da sie nicht erfasst wurden. Sie sagt auch nichts über die Resultate einer Re-Operation aus, die in der Regel ohne neue auftretende HVL-Insuffizienz abläuft.

    Unsere Haltung: bei kleineren Restadenomen abwarten und im Falle der Größenzunahme operieren, ggf. bestrahlen. Letzteres immer dann, wenn das Adenom invasiv im Sinus Cavenosus entwickelt ist. Bei der Diagnose „Restadenom“ muss der Patient natürlich über alle Optionen aufgeklärt werden.

    Rudolf Fahlbusch

  2. Prof. Jürgen Honegger sagt:

    Jedes vierte hormoninaktive Hypophysenadenom weist zum Zeitpunkt der Operation eine makroskopische Invasion des Sinus cavernosus auf. Bei diesen Fällen verbleibt postoperativ ein Tumorrest im Sinus cavernosus. Solche Restadenome rezidivieren mit hoher Wahrscheinlichkeit (1), weshalb die frühe radiochirurgische Behandlung gerechtfertigt ist. Die Radiochirurgie, zum Beispiel mit Gamma knife wie in der Multicenter-Studie berichtet, ist besonders gut geeignet für die Bestrahlung kleiner Restadenome im Sinus cavernosus.

    Da ein Rezidiv/Progress aber oft erst nach Jahren bildmorphologisch sichtbar wird, verfolgen wir in Tübingen zunächst die Strategie der Beobachtung und stellen erst bei eindeutigem Progress die Indikation zur Radiochirurgie. So können in manchen Fällen viele Jahre gewonnen werden ohne den Patienten den Nachteilen der Radiochirurgie, z.B. Notwendigkeit der Substitution Bestrahlungs-bedingter hypophysärer Ausfälle, auszusetzen. Wenn man mit der Radiochirurgie bis zum Nachweis einer Progression abwartet, muss man jedoch den Nachteil eines höheren Bestrahlungsrisikos bei größerem Adenomvolumen in Kauf nehmen.

    Zum Schluss möchte ich noch auf eine medikamentöse Behandlung eines postoperativen Restadenoms aufmerksam machen: Ein hoher Anteil hormoninaktiver Hypophysenadenome exprimiert Dopamin-Rezeptoren. Die Ansprechrate der Dopamin-agonistischen Therapie wird mit 0-61% angegeben. Der off-label Einsatz von Dopamin-Agonisten zur Therapie eines operativ nicht zugänglichen Restadenoms sollte deshalb in Einzelfällen auch diskutiert werden.

    Literatur: (1) Raghava Reddy et al.: Can we ever stop imaging in surgically treated and radiotherapy-naïve patients with non-functioning pituitary adenoma? Europ J Endocrinol (2011) 165: 739-744

    Jürgen Honegger

  3. Dieter Lüdecke sagt:

    Nach meinen Erfahrungen mit fast tausend transnasalen HIA Operationen spricht Vieles gegen eine rasche Strahlentherapie. Es handelt sich meist um kleine, nicht ohne hohes Risiko resezierbare Adenome, wenn ein erfahrener Operateur tätig war. In jedem Falle sollte der Nachweis einer Wachstumsaktivität des Adenomrestes erfolgen, was in weniger als 1 Jahr problematisch ist. Das Wachstum ist nach unseren Studien mit etwa 1,5- 3 mm im Jahr sehr langsam (siehe Clinical Tumor Growth in Non-functioning Pituitary Adenomas. W. Saeger, B. Lüdecke, DK Lüdecke, 2008.

    Die Patienten sollten über die Möglichkeit zu einer Cyberknife-Behandlung, die bei vergleichbarer Wirksamkeit sehr viel schonender ist, informiert werden. Gute deutsche Erfahrungen wurden von der Arbeitsgruppe um B. Wowra in München auf dem DGAE Hypophysen Symposium berichtet (Kassel 2012).

    Ich würde meinen Patienten wenn möglich eine Gamma Knife Bestrahlung ersparen und das Cyberknife vorziehen.

    Dieter Lüdecke

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