Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Intrauteriner Jodmangel: Gibt es eine Fürsorgepflicht für Neugeborene und Kinder?


Bochum, 16. April 2014:

In der Diskussion um Jod und Schilddrüse in den letzten 2 Wochen wurde von keiner/m der Diskutant/innen die Auswirkung eines Jodmangels auf den Embryo und die Kinder angesprochen. Deshalb sollen hier die verheerenden Auswirkungen einer schweren Jodunterversorgung in der Schwangerschaft in der Schweiz vor 1922, dem Zeitpunkt der Einführung der Jodsalzprophylaxe, gezeigt werden. Im zweiten Teil dieses Beitrags werden die Befunde einer britischen Longitudinalstudie aus jüngster Zeit über Unterschiede in der kindlichen Gehirnleistung bei mäßiger Jodunterversorgung dargestellt. Darüber wurde bereits in einer Pressemitteilung der DGE berichtet.

1.) Lehrfilm der Medizinischen Fakultät Bern über den Kretinismus aus dem Jahre 1935 von F. de Quervain (1). Dieser Stummfilm stellt ein einmaliges, medizinhistorisches Dokument für die Auswirkungen des schweren, intrauterinen Jodmangels vor 1922, dem Zeitpunkt der Einführung der Jodsalzprophylaxe in der Schweiz dar. Heute ist der Kretinismus praktisch „ausgestorben“. Der Film kann auf der e-learning-Seite der Universität Bern angeklickt werden:

http://e-learning.studmed.unibe.ch/video/?c=endemischerkretinismusimkantonbernum1935

Download des Films (MP4)

2.) In der prospektiven Avon Longitudinal Study of Parents and Children (ALSPAC) wurde der Urin von 1040 schwangeren Frauen in Südengland im 1. Trimester auf Jodausscheidung getestet (2). Es wurde nach der WHO-Definition einer ungenügenden und ausreichenden Jodversorgung in der Schwangerschaft eine mütterliche Jodausscheidung unter und über 150 Mikrogramm/Gramm Kreatinin eingeteilt Im 8. Lebensjahr der Kinder prüfte man deren sprachliche Fähigkeiten und ermittelte den Intelligenzquotient IQ, im 9. Lebensjahr deren Fähigkeiten in einem Lesetest. Es wurden 21 sozioökonomische, elterliche und kindliche mögliche Einflussfaktoren berücksichtigt. Die Abbildung zeigt, dass die kindlichen Leistungen bei ungenügender Jodversorgung während der Schwangerschaft, auch graduell, in jeder Hinsicht schlechter waren als bei ausreichendem Jod.

In der umfangreichen Diskussion und dem Mailverkehr über den DGE- Blogbeitrag zur ZDF-Fernsehsendung vom 30. 3.2014 wurde unter anderem vorgeschlagen, man solle doch jeden Menschen selbst entscheiden lassen, ob er, wenn bei ihm ein Jodmangel nachgewiesen würde, Jod als Tabletten einnehmen oder lieber einen Kropf in Kauf nehmen wolle. Hier erhebt sich die Frage: Wie soll ein Embryo entscheiden, was er nun will? Und das Hauptproblem bei Jodmangel ist in diesem frühen Entwicklungsstadium gar nicht so sehr der Kropf, sondern die Gehirnentwicklung Der Referent ist der Auffassung, hier hat der Staat eine Fürsorgepflicht. Dies wird auch für das Vereinigte Königreich im Kommentar der Zeitschrift Lancet zu ALSPAC gefordert: „The study should be regarded as a call to action to public health policy makers in the UK“ (3).

Helmut Schatz

Literatur

(1) F. de Quervain: Endemischer Kretinismus im Kanton Bern. Stummfilm aus dem Jahre 1935.
Abteilung für Unterrichtsmedien, Medizinische Fakulötät der Universität Bern

(2) S.C.Bath et al.: Effect of inadequate iodine status in UK pregnant women on cognitive outcomes in their children: results from the Avon Longitudinal Study of Parents and Children (ALSPAC).
Lancet 2013. 382:331-337 (27. Juli – 2. August 2013)

(3) A. Stagnaro-Green, E.N. Pearce: Iodine and pregnancy: a call to action. Comment.
Lancet 2013. 382:292-293 (27. Juli – 2. August 2013)

Abb.
jodmangel

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Permalink.

3 Antworten auf Intrauteriner Jodmangel: Gibt es eine Fürsorgepflicht für Neugeborene und Kinder?

  1. „Hier erhebt sich die Frage: Wie soll ein Embryo entscheiden, was er nun will?“

    Der Embryo ist Teil der Schwangeren. Die Schwangere ist für ihre Ernährung verantwortlich, auch dafür, ob sie Jodsalz verwendet oder nicht, Nahrungsergänzungsmittel einnimmt oder nicht, sich ärztlich beraten lässt oder nicht, und so weiter. Wer sollte denn sonst für den Embryo entscheiden? Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie? Ärzte können nur beraten und informieren, aber nicht für Patientinnen entscheiden.

    Ihre Frage nach der Entscheidungsfähigkeit des Embryos ergibt eigentlich nur Sinn, wenn Sie eine stärkere Bevormundung schwangerer Frauen anstreben. Sie begeben sich hier auf ein politisches Terrain, nämlich auf das der Geschlechterpolitik.

  2. Ich habe mir jetzt noch den Anfang des verlinkten Propagandafilms angesehen.

    Was macht Sie so sicher, dass Jodmangel die Hauptursache der Behinderung war? Vielleicht war der Regelkreis gestört, und die Frau war mit Hormonen stark unterversorgt? Der TSH-Wert wurde damals ja noch nicht gemessen.

    Behinderte in der Öffentlichkeitsarbeit als abschreckendes Beispiel zu instrumentalisieren wird übrigens zunehmend als Diskriminierung betrachtet. Vielleicht sollte sich die DGE mal etwas politische Bildung genehmigen?

  3. Michael D'Angelo sagt:

    Erschreckend, was man für Filme als Dokumente aus der Mottenkiste herauszieht, um von der heutigen Problematik mit Jod, die es tagtäglich bei vielen Schilddrüsenkranken gibt, abzulenken.

    Waren das alles nur Kinder mit einem gravierenden Jodmangel in der Schwangerschaft, die man als abschreckendes Beispiel für den Jodmangel bringt, nur um heute Stimmung gegen eine ZDF-Sendung zu machen?

    Gab es damals keine Fehlernährung, so kurz nach dem 1. Weltkrieg, kein Vitamin A-Mangel, Vitamin D-Mangel, keine Bakteriellen Infekte oder Alkoholmissbrauch während der Schwangerschaft, die ähnliche Erscheinungsformen ausbildeten? Nein? Prof. Virchow hatte mal ne andere Erklärung für diese Kropfhäufigkeit.

    Und dann soll die Jodgabe alleine diese Kropfproblematik gelöst haben? Gab es keinen medizinischen Fortschritt oder eine verbesserte Gesundheitsvorsorge in der Schweiz? Nein?

    Und dann wird uns wieder so ein nettes Märchen aus England aufgetischt, von der schlechteren Intelligenz von Kindern, deren Mütter angeblich während der Schwangerschaft nicht genügend Jod genommen hatten und das auf einer großen Insel mitten im Meer.
    Fehlerfreies Vorlesen eines Textes im Alter von 8 bis 9 Jahren als Maßstab für die Intelligenz eines Kndes zu nehmen, ist ja schon alleine haarsträubend, aber das nun statistisch auf angeblich fehlende Jod zu schieben, dazu benötigt man doch sehr viele „Mietmäuler“, damit man damit dem Faß den Boden ausschlägt.

    Fehlerfreies Volesen hat nichts mt Intelligenz zu tun, sondern ist reine Übungssache. Dies müsste eigentlich jeder wissen, der Kinder hat oder mit Kinder zu tun hat.
    Müssen alle Kinder in diesem Alter gleich entwickelt sein? Gibt es keine Unterschiede in der Entwicklung von Kindern? Gibt es keine Kinder, die nicht gerne vorlesen und zu schüchtern sind, um fehlerfreie einen Text vorzulesen?
    Haben diese Stotterer im späeren Alter immer noch diese „Vorleseschwäche“ bzw. ist diese als Erwachsener geblieben? Unbekannt? Warum hat man das nicht weiter verfolgt?

    Kinder in begüterten Elternhäusern haben ne ganz andere schulische Unterstützung von dort, als Kinder aus dem „Prekariat“. Unterschiede sollen alle nun nur am Jod liegen? Was für eine Hypothese!

    Da fällt mir ein alter statistischer Witz ein: Es kann gut sein, daß statitisch signifkant die Anzahl der Geburten in einem Dorf mit der Anzahl der den dort lebenden Störchen korreliert. Aber ob es nun einen realen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Störche und der menschlichen Geburten gibt, darf wohl massiv bezweifelt werden.

    Und jetzt den Frauen durch den Staat eine Jodprophylaxe während einer Schwangerschaft aufzuwingen, ist schon ein starkes Stück. Wenn man eine jodsensiblen oder an einer SD-Autoimmunerkrankung erkrankten Schwangeren konzentriert Jod über Monate hinweg gibt, kann man damit einen Abort provozieren, also genau das Gegenteil bewirken, was man gerne haben hätte.

    Frauen mit SD-Erkrankung, die schon reines Thyroxin für die SD einnehmen, brauchen ihre Thyroxindosis während der Schwangerschaft nur zu erhöhen und kein Extra-Jod mehr. Ein Jodmangel bekommt der Fötus bei normaler Ernährung hier nicht, denn es ist ja schon genügend zusätzliches Jod drin.