Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Irisin – eher ein Mythos als ein körperbewegungsabhängiges Myokin


Bochum, 23. April 2015:

Ein am 9. März 2015 online erschienener Artikel eines internationales Teams unter der Seniorautorenschaft von Steffen Maak vom Institut für Muskelbiologie und Wachstum des Leibniz-Instituts für Tierbiologie in Dummersdorf, Deutschland kommt auf Grund von Western Blot – Analysen zu dem Schluss, dass Irisin höchstwahrscheinlich keine physiologische Rolle bei Menschen und anderen Spezies spielt (1).

In den letzten drei Jahren erschienen mehrere hundert Artikel über Irisin, die meist mit kommerziell angebotenen ELISAs (enzyme-linked immunosorbent assays) für Irisin erarbeitet wurden. Mehrere Eiweißkörper im Blutserum reagieren aber auch mit den – zumeist vier – in ELISAs verwendeten Antikörpern, die nur mit synthetischem Irisin getestet wurden. Somit ergaben sich viele offenbar falsch positive Ergebnisse. Das Team um Maak (1) verwendete deshalb anstelle eines ELISA die Technik des Western Blot mit Berücksichtigung der Proteingröße zur Bestimmung von Irisin, etwa bei Rindern mit einem hohen oder geringen Muskelanteil. Damit fanden sie in den geprüften Serumproben aber kein Eiweiß von der Größe des Irisins. Die Autoren zogen den Schluß, dass Irisin eher ein Mythos als Realität sei.

Kommentar

Nach dem Artikel von Boström et al. in Nature (2), über den auch im DGE-Blog vom 17. März 2012 berichtet wurde (3), wurden große Hoffnungen in das neu entdeckte Irisin zur Therapie von Übergewicht und Zuckerstoffwechselstörungen gesetzt. Es erschien eine große Zahl von Arbeiten zu diesem Thema. Eine Publikation von Sanchis-Gomar et al. (4) bezweifelte viele dieser Resultate aus Gründen der Bestimmungsmethodiken (5, DGE-Blog vom 20. Juli 2014). Erickson hatte schon 2013 die Existenz von Irisin als ein Hormon in Frage gestellt (6). Die jetzt vorgelegte Arbeit der Gruppe um Steffen Maak (1) scheint dies zu belegen. Wieder eine neue Enttäuschung? Ähnlich war es auch nach der Entdeckung des Leptin, als man hoffte, damit einen neuen Therapieansatz im Kampf gegen Übergewicht zu haben.

Helmut Schatz

Literatur

(1) E. Albrecht et al.: Irisin – a myth rather than an exercise-inducible myokine.
Sci Rep 5, 8889, DOI:10.1038/srep08889 (2015)

(2) P. Boström et al.: A PGC1-alpha-dependent myokine that drives brown-fat-like development of white fat and thermogenesis.
Nature 2012. 481: 463- 468

(3) H. Schatz: Irisin, ein neues Hormon aus dem Muskel zur Behandlung von Übergewicht und Zuckerstoffwechselstörungen?
DGE-Blogbeitrag vom 17. März 2012

(4) F. Sanchis-Gomar et al.: Inconsistency in circulating irisin levels: what is really happening?
Horm. Metabol. Res. 2014. 46: 591-596

(5) H. Schatz: Irisin, ein stoffwechselaktives Hormon aus dem Muskel: Widersprüchliche Ergebnisse.
DGE-Blogbeitrag vom 20. Juli 2014

(6) H.P. Erickson: Irisin and FNDC5 in retrospect: An exercise hormone or a transmembrane receptor?
Adipocyte 2013. 2: 289-293

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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