Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Kretinismus und Riesenkröpfe in der Steiermark – ein medizinhistorischer Beitrag


Bochum, 1. Oktober 2015:

Die erste bildhafte Überlieferung eines „kropferten Steirers“ mit drei großen, baumelnden Knoten vor der Brust stammt aus dem frühen 15. Jhd. Viele hunderte Jahre lang galt die Steiermark zusammen mit dem Schweizer Emmental als klassisches Kropfland in Europa.

Die Grazer Tageszeitung „Kleine Zeitung“ brachte am Sonntag, 20. September 2015 einen höchst interessanten Beitrag über die Geschichte des Kropfes in der Steiermark und den Alpenländern, versehen mit eindrucksvollen Bildern (1). Der Autor, Robert Engele, zitiert darin den römischen Satiriker Juvenal um 100 n.Chr.: „Wen wundert der angeschwollene Kropf in den Alpen“? Auch Berichte von Plinius d. J. schildern Kropfleiden der Alpenbewohner; insbesondere seien „die Frauen dort darüber sehr unglücklich“. Und Johannes Boemus schrieb 1520 über steirische „Mords-Kröpfe von solchen Ausmaßen, dass sie gar die Sprache behinderten und Frauen, wenn sie ihr Kind stillen wollten, zuerst ihren Kropf wie einen Sack über die Schulter schleuderten, damit das Kind überhaupt trinken könne“. Dass diese Beschreibung nicht übertrieben war, zeigt das Bild einer afrikanischen Kropfträgerin aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, welches der Referent einer Kollegin verdankt, deren Vater damals als Tropenarzt in Afrika tätig war.

kropf-afrika

Die Abbildung unten von „Cretinnen aus der Steyermark“ (links) und einer großen Struma aus dem Kanton Bern (rechts) stammen aus dem Artikel von Robert Engele, ebenso der Textausschnitt darunter (1).

kropf1

kropf2

Erste Jodgaben an „kretinöse“ Kinder erfolgten nach 1892/93 durch den österreichischen Nobelpreisträger Wagner-Jauregg (1). Durch die Jodsalzprophylaxe in Österreich, 1948 eingeführt und seit 1963 gesetzlich vorgeschrieben, sind dort, ebenso wie in den anderen Alpenländern, der endemische Kretinismus völlig und große Kröpfe weitestgehend verschwunden: in der Schweiz wurde Jodsalz bereits seit 1922 angewendet. Übrigens wird Jodsalzprophylaxe auch in den USA seit 1923, in Schweden seit 1930, Finnland seit 1948 und in Australien seit 1947-1953 betrieben. Auf dem Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wurde das Regel-Salz ebenfalls jodiert, nach der Wiedervereinigung Deutschlands ist dies nicht mehr der Fall.

Der Referent hat selbst noch in der Schilddrüsenambulanz der II. Medizinischen Universitätsklinik Wien in der Mitte der 1960er Jahre riesige Kröpfe gesehen, später dann kaum mehr. Erst während seiner Tätigkeit an der Universität Giessen betreute er wieder Patienten mit fast so großen Kröpfen wie in Wien, die oft aus Orten um den Vogelsberg kamen.

Im Zusammenhang mit der Jodierung von Salz und Speisen sowie Futter in Deutschland gab es im Blog der DGE heftige Debatten, mit zum Teil sehr pointierten, ja aggressiven Meinungsäusserungen von Jodgegnern. Ich bitte sehr herzlich, diesen medizinhistorischen Beitrag nicht nochmals ähnlich zu kommentieren. Diese Kommentare können ohnedies über die unten gebrachten Links zu einer Stellungnahme der DGE (2) und zu den Blogbeiträgen (3-7) nachgelesen werden.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Robert Engele: Der kropferte, hässliche Steirer: Jahrhundertelang galt der Kropf als das wahre Kennzeichen der Steirer. Und in Reiseberichten und Lexika wurde betont, wie schrecklich diese Ungetüme waren.
Kleine Zeitung, Graz, Sonntag, 20. September 2015, Seite 36 und 37

(2) DGE: Fehlinformation zur Jodversorgung gefährdet Gesundheit.
www.endokrinologie.net, Stellungnahme vom 2.4.2014

(3) Helmut Schatz: DGE kritisiert auf das Schärfste die tendenziöse und falsche Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ZDF über die Jodversorgung in Deutschland.
Blogbeitrag vom 3. April 2014

(4) Helmut Schatz: Jod in Salz und Tierfutter – ein „heisses“ Thema!
Blogbeitrag vom 14. April 2014

(5) Helmut Schatz: Intrauteriner Jodmangel: Gibt es eoie Fürsorgfepflicht für Neugeborene und Kinder?
Blogbeitrag vom 16. April 2014

(6) Helmut Schatz: Jodmangel in Deutschland. Offener Brief der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie.
Blogbeitrag vom 6. August 2014

(7) Helmut Schatz: Deutschland ist ein Land der Jodversorgung im unteren WHO-Normbereich.
Blogbeitrag vom 17. September 2014

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit verschlagwortet. Permalink.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.