Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Männlicher Hypogonadismus – exaktere Diagnosestellung durch „Harmonisierung“ des Referenzbereichs für Testosteron


Bochum, 23. Januar 2017:

Am 10. Januar 2017 wurde in einer Pressemitteilung der Endocrine Society (1) das Ergebnis einer Vergleichsstudie über (Gesamt-)Testosteron-Messergebnisse an >9000 Männern publiziert. Es wurden die in lokalen Laboratorien ermittelten Testosteronwerte mit dem Ergebnis der Messung in den übersandten Serumproben mit dem standardisierten Referenz-Assay des Centers of Disease Control and Prevention (CDC) verglichen, einer Flüssigkeitschromatographie-Tandem-Massenspektroskopie-Methode. Als „harmonisierter Normalbereich“ für Testosteron in einer gesunden, nicht-übergewichtigen Population Amerikas und Europas im Alter von 19-39 Jahren ergaben sich 264-916 ng/dL. Für Männer einschliesslich der Übergewichtigen wurden von 19-39 Jahre 228-895 ng/dL ermittelt, von 40-49 Jahre 208-902, von 50-59 Jahre 192-902, für sowohl 60-69 und auch 70-79 Jahre 190-902 sowie für 80-99 Jahre 119-902 ng/dL. Die Studie wird online ahead of print im Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism erscheinen (2).

Kommentar

Dr. Bashin und Kollegen (2) vom Brigham and Womens Hospital in Boston werteten folgende vier epidemiologische Studien in Europa und den USA aus: Framingham Heart Study, European Male Aging Study, Osteoporotic Fractures in Men Study und Male Sibling Study of Osteoporosis. Die meisten Teilnehmer waren Europäischer Abstammung.

Die Daten zeigen, dass der Wert für die Untergrenze des Referenzbereiches mit höherem Alter doch abnimmt und zum Teil deutlich unter dem Bereich liegt, den viele Laboratorien bei uns in Deutschland als Untergrenze angeben: So weist das endokrinologische Einsendelabor der Praxis des Referenten für Gesamttestosteron 274-865 ng/dL aus und das Labor des Universitätsklinikums Bergmannsheil der Ruhr-Universität Bochum, wo der Referent tätig war, heute 350-900 ng/dL (3.5-9.0 ng/L). Legt man die neuen Zahlen zugrunde, so wird gewiss bei vielen älteren, alten und sehr alten Männern ein Hypogonadismus dignostiziert und wohl vielfach auch behandelt werden. Das Einsendelabor des Referenten bestimmt zuzsätzlich zum Gesamttestosteron das Sexhormon-bindende Globulin (SHBG) und errechnet einen „Freien Androgen-Index“, der klinisch relevanter ist als das Gesamthormon. Der Referent wird sich bei seinen alten und sehr alten Patienten bezüglich einer Behandlung weiterhin wie bisher an den Symptomen zusammen mit den – jetzt niedrigeren – Referenzwerten für Testosteron orientieren.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Endocrine Society: Landmark Study Defines Normal Ranges for Testosterone Levels.
Current Press Release, January 10, 2017

(2) S. Bashin et al: Harmonized Reference Ranges for Circulating Testosterone Levels for Men in Four Cohort Studies in the USA and Europe.
J Clin Endocrinol Metab to be published ahead of print 2017

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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2 Antworten auf Männlicher Hypogonadismus – exaktere Diagnosestellung durch „Harmonisierung“ des Referenzbereichs für Testosteron

  1. Franz Schorpp sagt:

    Sehr geehrter Herr Prof. Schatz,
    beim gesunden Mann nimmt die Hormonprduktion ab einem gewissen Alter jährlich um 1% ab. Bei mir wurde vor ca. 40 Jahren das Klinefelter-Syndrom diagnostiziert. Seit dieser Zeit werde ich mit Testosteron behandelt (jetzt 78 J. alt).
    Sollte die Hormonbehandlung, bei Klinefelter-Syndrom mit zunehmendem Alter ebefalls reduziert werden, wie das beim gesunden Mann auf natürliche Weise geschieht?
    Warum ist der Referenzwert für Testosteron nicht einheitlich geregelt und in jedem Labor anders?
    Wie ist Ihre Meinug dazu Herr Prof. Schatz?

    Mit freundlichen Grüßen
    Franz Schorpp
    Vorstandsassistent der 47xxy-Klinefelter-Syndrom e.V.

    • Helmut Schatz sagt:

      Offizielle Empfehlungen für eine Testosteronsubstitution beim älteren und alten Mann kenne ich nicht, es erscheint mir aber sinnvoll, sich nach dem gemessenen Spiegel zu richten, der im Alter entspechend nach unten rückt.
      Also vor der nächsten Injektion Spiegel an der unteren Grenze des Referenzbereichs, der nach den neuen Daten mit dem Alter jetzt immer tiefer rückt. Alle Labore der Welt kann man nicht gleichschalten, das geht aucht in Deutschland schwer, wenn es auch Ringversuche gibt.

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