Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Diabetesmedikament Metformin: Vom ‚Rattengift‘ über den ‚Goldstandard bei Typ-2-Diabetes‘ zum Allheilmittel?


Bochum, 20. November 2014:

Gestern wurde in Science Translational Medicine von Amit Singhal et al. berichtet, dass Metformin in Zellkulturen, an mit Tuberkulose infizierten Mäusen und bei Metformin-behandelten Diabetespatienten tuberkulostatisch wirkte (1). Nach diesen Daten ist Metformin somit ein Kandidat für ein unterstützendes Therapeutikum bei Tuberkulose.

Die Autoren aus Singapur bzw. von einer Forschergruppe am Department Biomedizin und dem Universitätsspital Basel fanden zunächst, dass Metformin in Zellkulturen über den für Metformin schon lange bekannten Adenosinmonophosphat-aktivierten Proteinkinase (AMPK)–Mechanismus das intrazellulare Wachstum von Tuberkelbakterien hemmt. An mit Tuberkulose infizierten Mäusen erhöhte es die spezifische Immunantwort und verringerte das Bakterienwachstum. Es verstärkte die Bildung von reaktiven Sauerstoffverbindungen (ROS). Schließlich fand man bei tuberkulösen, mit Metformin behandelten Typ-2-Diabetespatienten weniger kavernöse Hohlräume in den Lungen.

Kommentar

Metforminhaltiger Tee aus der Geißraute (Galega officinalis) wurde schon im Mittelalter von französischen Mönchen bei diabetestypischen Symptomen verwendet (2). Ende der 50er Jahre wurde es von Jean Sterne in Frankreich in die Diabetestherapie eingeführt. Eine kleine, aber lautstarke Gruppe von Gegnern jeglicher oralen Diabetestherapie in Deutschland bezeichnetes es noch bis zur UKPDS-Studie (1998) als „Rattengift“. Heute ist es der Goldsstandard in der Behandlung des Typ-2-Diabetes. Und es ist auf dem Wege, fast zu einem „Allheilmittel“ zu werden. Schon lange ist bekannt, dass es den Lipidstatus bessert (3), jetzt gehört in die vorderste Reihe zur Behandlung des Syndroms der Polyzystischen Ovarien (PCOS). Es spricht vieles dafür, dass es auch antikanzerogen wirkt, insbesondere bei Brustkrebs, und dass es kardioprotektiv ist. Nach Rury Holman, Oxford, seien diese beiden Effekte aber noch nicht gesichert, weshalb gerade die GLINT-Studie anläuft (4). Nun könnte es nach den Autoren aus Singapur und Basel auch tuberkulostatisch wirken. Es stellt somit einen neuen Kandidaten für eine Zusatztherapie bei dieser Lungenerkrankung dar. Der Referent, der sich seit 1968 mit Metformin beschäftigt, ist sich ziemlich sicher, dass man noch etliche andere potentielle Einsatzgebiete finden wird. Ob es sich dabei um klinisch wichtige oder nur wenig bis kaum bedeutsame „pleiotrope“ Effekte handelt, wird die Zukunft zeigen müssen.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Amit Singhal et al.: Metformin as adjunct antituberculosis therapy.
Sci Transl Med 19 November 2014; Vol 6, 263: 263ra159
Sci. Transl. Med. DOI: 10.1126/scitranslmed.3009885

(2) Helmut Schatz: Titelbild mit Legende für ein Heft von „Diabetologia“ im Jahre 2010, Band 53.

(3) Helmut Schatz et al.: Studies on juvenile-type diabetes in children.
Diabetes Metab. 1975. 1:211-220

(4) Helmut Schatz: Metformin – wo ist die Evidenz? Rury Holman aus Oxford: ‘Die Evidenz ist unklar’.
DGE-Blogbeitrag vom 19. September 2014

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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