Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Neue Blutdruck-Leitlinien in den USA: Obere Grenze von 140/90 auf 130/80 mm Hg gesenkt


Bochum, 16. November 2017:

Auf der Wissenschaftlichen Tagung der American Heart Association (AHA) in Anaheim vom 11.-15. November 2017 wurden von der AHA und dem American College of Cardiology (ACC) die  neuen Leitlinien für den  Bluthochdruck bekanntgegeben (1,2). Der Erstautor, Dr. Paul Whelton aus New Orleans  betonte, dass in der neuen gemeinsamen ACC/AHA- Leitlinie 2017 die Definition eines normalen Blutdrucks mit den oberen Grenzwerten von <120 / <80 mm  Hg zwar gleichgeblieben sei,  aber ein Blutdruck zwischen 120/<80 und 129/<80  nicht mehr als „Prä-Hypertonus“, sondern bereits als „erhöhter Blutdruck“ eingestuft werden sollte, und zwischen 130/80-89 und 139/80-90 ebenfalls nicht als „Prä-Hypertonus“, sondern als „Hochdruck Stadium 1“  zu klassifizieren sei.  Ab 140/90  sei  nicht mehr von „Stadium 1“ nach der alten Klassifikation zu sprechen, sondern von „Stadium 2“ (Tabelle 1).

Tabelle 1 (aus Lit. 1 und 2):

Gegenüberstellung der Hochdruck-Leitlinien des ACC/AHA 2017 und des  Joint National Committee 7 (JNC 7) aus dem Jahre 2003

Die JNC 7-Leitlinie vom Dezember 2003 hatte bei „Prä-Hypertonie“ als erste therapeutische Maßnahme alleinige Lebensstil-Modifikationen empfohlen.  Erst ab Werten über 140/90 sowie bei  Diabetes und chronischen Nierenerkrankungen  über 130/80 sollte eine Pharmakotherapie in Betracht gezogen werden.  Im Jahre 2014 erschien die JNC 8 – Leitlinie mit aktualisierten Angaben  für Art und Reihenfolge des Einsatzes der verschiedenen Klassen von Antihypertensiva. Sie differenzierte dabei die verschiedenen Altersgruppen und Komorbiditäten, wobei man wegen nicht immer vorliegender harter Studien-Evidenen  für alle Personengruppen bei einem generellen Grenzwert von 140/90 für einen medikamentösen Einsatz als „Expertenmeinung“  festhielt.

Die Publikation  der neuen Leitlinie 2017 (1,2) umfasst  192 Seiten und 367 Literaturzitate, die Zusammenfassung mit den zentralen, besonders relevanten Ergebnissen 112 Seiten. Sie berücksichtigt in vielen, detaillierten Tabellen die vorliegende Literatur,  nimmt in Text dazu Stellung und zieht daraus Schlussfolgerungen, auch mit anschaulichen Schemata. Es werden die vielen Aspekte der Hypertonie berücksichtigt, von ihren Ursachen, den Techniken zur Blutdruckmessung und der Weisskittelhypertonie, den Komorbiditäten wie etwa Diabetes oder Aortenerkrankungen, Frauen, Männer, ältere Menschen bis hin zu Strategien zur Verbesserung der Hypertoniebehandlung.

Nach der neuen ACC/AHA-Leitlinie beträgt gegenüber der JNC 7-Definition die Prävalenz des Hypertonus in den USA 45.6% vs. 31.9%,  die  Zahl der Hypertoniker  103.3 Millionen vs. 72.2 Millionen, wie Paul Munter, Universität von Birmingham in Alabama und Kollegen errechneten und in  einer begleitenden Publikation in „Circulation“ darstellten. Die Hypertonikerzahl in den USA sei damit zwar beträchtlich gestiegen, aber  Patienten im Stadium 1 (zwischen 130/80 und 139/89)  solle man nur dann eine Pharmakotherapie anbieten, wenn sie schon eine kardiovaskuläre Erkrankung haben oder ihr 10-Jahres-Risiko  über 10% liegt. Alle übrigen sollten weiterhin den Rat für Lebensstilmodifikationen  befolgen wie Gewichtsabnahme, Einhalten der DASH-Diät (Dietätischer Ansatz zum Stopp von Hochdruck): Cholesterin-,  Fett- und Salzarm, Kaliumreich, 5x täglich Obst und Gemüse u.a. (3).  Die Änderungen im Lebensstil sollen von den behandelnden Ärzten verstärkt mit den Patienten zu besprochen werden. Deshalb würde der Pharmakaverbrauch nicht so stark steigen wie die Prävalenz der Hypertonie gemäss der neuen Definition.

Kommentar

Die derzeit aktuelle Einteilung des Bluthochdrucks der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie zeigt Tabelle 2.

Tabelle 2 (aus: Pocket-Leitlinien der European Society of Cardiology):

Definition und Klassifikation des Praxisblutdrucks (mmHg)

Deutsche Hypertoniespezialisten, die an der europäischen Leitlinie mitgearbeitet haben meinen, dass die Werte der Tabelle 2 in der  2018 erscheinenden Neuauflage  ebenfalls abgesenkt werden dürften. Ob dies auf 135/85 oder 130/80 sein wird, sei nicht vorhersagbar, vermutlich aber nicht auf systolische Werte unter 120 mmHg gemäss der SPRINT-Studie. Diese wurde wegen der Messmethode heftig kritisiert, worüber im DGE-Blog mehrfach berichtet wurde (4-6). Ob Lebensstilmodifikationen, wie in der neuen US-Leitlinie empfohlen,  breit eingehalten werden, erscheint dem Referenten fraglich. Zur Bekämpfung der Adipositas und Verhinderung des Typ-2-Diabetes waren solche Maßnahmen leider wenig erfolgreich.

Sofort nach Bekanntgabe am 13. November 2017 haben die Medien die neue Definition des Bluthochdrucks aufgegriffen. Es wurde beispielsweise getitelt: „New Blood Pressure Guidelines Mean Yours Might Be Too High“ (Maggie Fox in:  NBC News, Health, 14. November 2017),  oder : “35 Millionen Menschen sind über Nacht krank geworden”  (Heike Le Ker in:  „Spiegel Gesundheit“, 15. November 2017).

Literatur

(1), (2) Paul K. Whelton et al.: 2017 ACC/AHA/AAPA/ABC/ACPM/AGS/APhA/ASH/ASPC/NMA/PCNA
Guideline for the prevention, detection, evaluation, and management of high blood pressure in adults. Copublished in: 1. Hypertension. 2017;00:e000-e000, available at http://hyper.ahajournals.org, and 2. to appear in: Journal of the American College of Cardiology. DOI: 10.1016/j.jacc.2017.11.006

(3) Deutsche Hochdruckliga e.V. und Deutsche Gesellschaft für Hypertonie und Prävention: Mit der DASH-Diät den Bluthochdruck senken. 15.04.2014
http://www.hochdruckliga.de

(4) Helmut Schatz: Blutdruck doch tiefer absenken als nach den aktuellen Hypertonie-Leitlinien: auf 120 mm Hg systolisch nach der neuen SPRINT-Studie? (=ohne Diabetespatienten!).
DGE-Blogbeitrag vom 25. September 2015

(5) Helmut Schatz: Blutdrucksenkung doch unter 120 mm Hg systolisch? ACCORDION, die Follow-up-Studie von ACCORD, stützt die Daten der SPRINT-Studie auch für Diabetespatienten.
DGE-Blogbeitrag vom 16. November 2015

(6) Helmut Schatz: SPRINT-Studie mit Blutdruckziel <120 mm Hg systolisch heftig kritisiert.
DGE-Blogbeitrag vom 9. September 2016

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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