Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Nikotinsäure plus Laropiprant (Tredaptive®) ohne Zusatznutzen in der Heart Protection Study-2: EMA empfiehlt ab sofort keine Neueinstellung auf Tredaptive®


Bochum, 28. Dezember 2012: Wenige Tage vor Weihnachten 2012 hat die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) empfohlen, keine Patienten auf Tredaptive® neu einzustellen, bis dessen Überprüfung auf Nutzen und Sicherheit abgeschlossen ist. Das Medikament wurde an >25 000 kardiovaskulären Hochrisiko-Patienten in der HPS2-THRIVE-Studie überprüft (Heart Protection Study 2 – Treatment of HDL to Reduce the Incidence of Vascular Events). Es hatte, zusätzlich zu einem Statin gegeben, die Zahl schwerer kardiovaskulärer Ereignisse wie Herzinfarkt und Schlaganfall nicht reduzieren können. Hingegen war es signifikant häufiger zu schweren Nebenwirkungen wie Myopathien gekommen (1,2).

Vor etwa 1 Jahr war die AIM-HIGH-Studie (Atherothrombosis Intervention in Metabolic Syndrome with low HDL/high triglycerides: Impact on Global Health Outcomes) mit retardierter Nikotinsäure (Niacin, früher Niaspan) vorzeitig abgebrochen worden, da sich kein Effekt gezeigt hatte (3).

Kommentar:

Der Frage eines Nutzens von Nikotinsäure zur Verringerung kardiovaskulärer Ereignisse wird schon jahrzehntelang nachgegangen (4). Im Coronary Drug Project (5) mit nicht retardierten Präparaten wurden primär negative, aber auch positive Effekte beschrieben. Die Akzeptanz dieser alten Präparates war wegen der Nebenwirkungen, insbesondere des Flushes, nicht sehr gross. In retardierten Form (Niaspan®) war die Verträglichkeit etwas besser. Auf den Surrogatparameter „Intima-Media-Dicke“ zeigten sich auch positive Wirkungen (6). Es ergab sich aber kein Nutzen auf die harten Endpunkte in der – deshalb abgebrochenen – AIM-HIGH-Studie (3). Jetzt zeigte sich ähnliches mit Tredaptive®. Hier wurde der Nikotinsäure zur Verminderung der Flush-Symptomatik der Prostaglandinrezeptor-Antagonist Laropiprant zugesetzt.

Diese jüngste Studie reiht sich in mehrere vorangegangene ein , die alle trotz HDL-Erhöhung keine signifikant positiven Wirkungen auf kardiovaskuläre Endpunkte wie etwa Myokardinfarkt hatten. Vor dem Hintergrund dieser Untersuchungen werden medikamentöse Interventionen, die HDL erhöhen, derzeit kritisch überdacht. In epidemiologischen Studien ist der HDL-Cholesterin-Spiegel unverändert ein akzeptierter Parameter zur Beurteilung des Risikos für kardiovaskuläre Ereignisse.

Viele Diabetologen waren der Nikotinsäure schon lange distanziert gegenübergestanden, da darunter Verschlechterungen der Glukosetoleranz gesehen wurden.

Literatur:

(1) Merck: News Release. December 20, 2012
http://www.thrivestudy.org/HPS2THRIVE%20RELEASEUSWIREVERSIONfinal.pdf

(2) EMA: European Medicines Agency starts review of Tredaptive, Pelzont and Trevaclyn; December 21, 2012
http://www.ema.europa.eu/ema/index.jsp

(3) The AIM-HIGH Investigators: Niacin in Patients with Low Cholesterol Levels Receiving Intensive Statin Therapy.
New Engl. J. Med. 2011. 365: 2250-2267

(4) L.A. Carlson: Nicotinic acid: The broad-spectrum lipid drug. A 50th anniversary review.
J. Intern. Med. 2005. 258:94-114

(5) Clofibrate and niacin in coronary heart disease.
J. Amer. Med. Assoc. 1975. 231:360-381

(6) A.J. Taylor et al: Extended-Release Niacin or Ezetimibe and Carotid Intima-Media-Thickness. (ARBITER 6 – HALTS Trial)
New Engl. J. Med. 2009. 361: 2113-2122

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Permalink.