Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Oxytocin hält flirtende Männer auf Distanz


Bei einem Flirt kommen sich Frau und Mann nahe. Die soziale Distanz sorgt aber dafür, dass sie dabei einen gewissen räumlichen Abstand einhalten. Forscher unter Federführung der Universität Bonn untersuchten, ob sich diese Distanz durch das Neurohormon Oxytocin verringern lässt. Die Ergebnisse der Studie wurden im Journal of Neuroscience in der Ausgabe vom 14. November 2012 veröffentlicht (1).

Bei der Annäherung von Menschen gelten unbewusste Regeln. Sie gehen aufeinander zu und verbleiben dann in einem bestimmten Abstand im Gespräch. Wissenschaftler sprechen von sozialer Distanz. Wird eine gewisse Distanz zwischen den Gesprächspartnern unterschritten, wird dies als unangenehm empfunden. Eine besonders sensible Angelegenheit ist die soziale Distanz etwa bei einem Flirt zwischen Mann und Frau.

Das Team um Privatdozent Dr. René Hurlemann, Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Bonner Universitätsklinikums, untersuchte gemeinsam mit Kollegen der Ruhr Universität Bochum und der Universität Chengdu, China, welchen Einfluss das Neuropeptid Oxytocin auf die soziale Distanz zwischen Frauen und Männern hat. Der Botenstoff ist als „Bindungshormon“ bekannt. Die Oxytocin-Ausschüttung im Gehirn ist etwa beim Sex oder auch während und nach der Entbindung besonders hoch. Das Hormon sorgt mit dafür, dass wir uns in eine starke soziale Bindung begeben.

Insgesamt 57 erwachsene männliche Probanden erhielten im Rahmen der Studie entweder Oxytocin oder Placebo in Form von Nasenspray. Eine attraktive Wissenschaftlerin trat in dem Versuch als Experimentatorin auf. Die Probanden gingen auf sie zu und blieben im Schnitt in einem Abstand von etwa 60 Zentimeter vor ihr stehen. „Wir wollten herausfinden, ob sich die soziale Distanz durch das Hormon beeinflussen lässt“, berichteten die beiden Erstautoren Dirk Scheele und Dr. Nadine Striepens. Die Wissenschaftler gingen von der These aus, dass Oxytocin bei den Probanden zu einer Verringerung der sozialen Distanz führt, weil es im Ruf steht, die sozialen Wechselbeziehungen zu fördern und das gegenseitige Vertrauen zu stärken. Überraschenderweise war jedoch das genaue Gegenteil der Fall: die männlichen Testpersonen, die zuvor Oxytocin verabreicht bekommen hatten und in einer Beziehung mit einer Frau lebten, hielten eine etwa 10 bis 15 Zentimeter größere Distanz zu der attraktiven Wissenschaftlerin als Probanden, die als Singles lebten oder die aus der mit Placebo behandelten Kontrollgruppe stammten.

Das Oxytocin wirkte hierbei als eine Art „Treuehormon“. Männer in einer festen Partnerschaft gingen stärker auf Distanz zur attraktiven Wissenschaftlerin als Single-Männer oder Männer, die mit dem Placebo behandelt wurden.

„Wir haben mit dieser Studie wichtige Erkenntnisse darüber gewonnen, wie Männer ticken“, fasst der Studienleiter zusammen. Das Oxytocin spiele eine Schlüsselrolle bei der Frage, wie es die Natur eingerichtet hat, dass sich beide Eltern voll auf den schutzbedürftigen Nachwuchs konzentrieren. Oxytocin hält Männer davon ab, sich nach der Zeugung sofort einer anderen Partnerin zuzuwenden und steigerte dadurch in vorzivilisatorischen Zeiten die Überlebenschancen des Nachwuchses.

Kommentar:

Um unsere verheirateten Leserinnen davon abzuhalten, die nächstgelegene Apotheke zu stürmen, sei erwähnt, dass Oxytocin als unbemerkte Beigabe zum morgendlichen Kaffee ihres Partners nicht wirkt. Um dem Ehemann den Pfad der Tugend zu erleichtern muss es als Peptidhormon gespritzt oder wenigstens als Nasenspray appliziert werden.

Einige Fragen bleiben noch offen:
1. Wie verhalten sich verheiratete Männer ohne Kinder in der Testsituation?
2. Wie verhalten sich Männer, deren Kinder bereits erwachsen sind und keinen besonderen Schutz mehr bedürfen?
3. Auch das Verhalten verheirateter hochrangiger US-amerikanischer Militärs wäre in einer solchen Testsituation eine Studie mit Oxytocin wert.

Literatur:
1. Scheele D. et al: Oxytocin Modulates Social Distance between Males and Females.
The Journal of Neuroscience, 2012, 32(46):16074–16079

Publiziert am von Prof. Klaus Döhler
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