Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Ist rasches Wachstum von Schilddrüsenknoten ein Hinweis für ein Schilddrüsenkarzinom?


ENDOKRINOLOGISCHES DISKUSSIONSFORUM

Bochum, 17. April 2016:

Autoren aus Tübingen und Stuttgart berichten im Dezember 2015 über eine retrospektive Analyse von 297 schilddrüsenoperierten Patienten, die präoperativ mindestens 6 Monate lang mit Ultraschall mehrfach untersucht worden waren (1). Ein relevantes Knotenwachstum wurde mit einer Volumenzunahme >49% in den vorangegangenen 6-24 Monaten definiert. Ein rasches Wachstum fanden sie bei 73 (32%) der Patienten. Nur 33 Patienten (11%) hatten gut differenzierte Schilddrüsenkarzinome (27 papilläre und 6 follikuläre), von denen nur 2 ein relevantes Knotenwachstum aufgewiesen hatten, während dies bei den 31 anderen Karzinom-Patienten nicht der Fall war. Rasches Knotenwachstum hatte hingegen bei benignen Knoten vorgelegen. Die Autoren ziehen daraus den Schluss, rasches Knotenwachstum nicht zum (alleinigen) Kriterium für eine Operationsindikation heranzuziehen.

Literatur
(1) C. Falch et al.: Rapid thyroid nodule growth is not a marker for well-digfferenrtiated thyroid cancer.
World J. Surg. Oncol. 2015, Dec. 18; 338. doi: 10.1186/s12957-015-0752-x.

Helmut Schatz

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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6 Antworten auf Ist rasches Wachstum von Schilddrüsenknoten ein Hinweis für ein Schilddrüsenkarzinom?

  1. kritikus sagt:

    Wieviele papilläre Mikrokarzinome wurden dabei „zufällig“ detektiert und hatten mit den Knoten (Zysten?) nichts zu tun ?

  2. Martin Fassnacht sagt:

    Die Arbeit bestätigt einmal mehr, dass das Schilddrüsen-Karzinom ein „besonderes“ Karzinom ist, bei dem „alles langsamer“ läuft und man deswegen vor allem aufpassen muss, dass der Patient (und der behandelnde Arzt) nicht in Panik verfällt. Deswegen sollten wir auch bei der Op-Indikation zurückhaltender werden. Noch werden in Deutschland einfach zu viele Schilddrüsen operiert, was meist nicht (oder nicht nur) an den Chirurgen liegt, sondern größtenteils an den „Einweisern“.

  3. Das Wachstum eines Knotens ist sicher ein problematisches Malignitätskriterum. Dies ist auch dadurch bedingt, dass die Intra- und insbesondere die Inter-Observer-Varianz bei Schilddrüsensonographien erheblich ist, so dass wahrscheinlich erst eine Volumenzunahme um mehr als 50% als signifikant zu erachten ist [Brauer et al. 2005]. Dazu kommt, dass die Wachstumstendenz eines Knotens altersabhängig ist [Ito et al. 2014].

    Nach unserer eigenen Erfahrung sind die erstmals 2009 von Eleonora Horvath vorgeschlagenen TIRADS-Kriterien ein einfaches, praktibables und sehr zuverlässiges Hilfsmittel für die Risikostratifizierung von Schilddrüsenknoten. Dies bestätigt auch die aktuelle Leitlinie der American Thyroid Association [Haugen et al. 2016], die das sonographische Muster (in einer TIRADS-ähnlichen Klassifikation) in den Vordergrund der Entscheidung schiebt und der Wachstumsrate allenfalls eine unterstüztende Rolle einräumt.

    Die Entscheidung muss letztlich immer multimodal erfolgen und den ganzen Patienten und alle verfügbaren Befunde einbeziehen.

    Brauer VF, Eder P, Miehle K, Wiesner TD, Hasenclever H, Paschke R. Interobserver variation for ultrasound determination of thyroid nodule volumes. Thyroid. 2005 Oct;15(10):1169-75. PMID 16279851

    Ito Y, Miyauchi A, Kihara M, Higashiyama T, Kobayashi K, Miya A. Patient age is significantly related to the progression of papillary microcarcinoma of the thyroid under observation. Thyroid. 2014 Jan;24(1):27-34. doi: 10.1089/thy.2013.0367. PMID 24001104

    Horvath E, Majlis S, Rossi R et-al. An ultrasonogram reporting system for thyroid nodules stratifying cancer risk for clinical management. J. Clin. Endocrinol. Metab. 2009;94 (5): 1748-51. doi: 10.1210/jc.2008-1724 PMID 19276237.

    Haugen BR, Alexander EK, Bible KC, Doherty GM, Mandel SJ, Nikiforov YE, Pacini F, Randolph GW, Sawka AM, Schlumberger M, Schuff KG, Sherman SI, Sosa JA, Steward DL, Tuttle RM, Wartofsky L. 2015 American Thyroid Association Management Guidelines for Adult Patients with Thyroid Nodules and Differentiated Thyroid Cancer: The American Thyroid Association Guidelines Task Force on Thyroid Nodules and Differentiated Thyroid Cancer. Thyroid. 2016 Jan;26(1):1-133. doi: 10.1089/thy.2015.0020. PMID 26462967

  4. Maja5 sagt:

    Eine Frage:

    warum greift man, bei o.g. Befundkonstellation, nicht auf MRT? Sonographe hat ihre Grenzen, mit MRT kann man auch Regionen der Schilddrüse begutachten, wo Sonographie versagt.

    Bevor man auf die Punktion zurückgreift, deren Aussage eher begrenzt ist und bei negativem Befund die Malignität trotzdem nicht ausschließen kann, ( damit auch der Sinn einer Punktion zweifelhaft), dafür unsympatische Auswirkungen für den Patienten haben kann.

    MfG
    Maja

    • Eine MRT-Untersuchung kann hier möglicherweise zusätzliche Informationen liefern, allerdings widersprechen sich momentan die Ergebnisse klinischer Studien. In einem systematischen Review-Artikel aus dem Jahre 2012 [Vermolen et al 2012] war kein Vorteil der Kernspintomographie gesehen worden, während eine kürzlich veröffentlichte Meta-Analyse [Chen et al. 2016] doch eine verbesserte Trennschärfe gesehen hat. Hier sind weitere und vor allem größere Studien nötig, wie auch die Autoren der optimistischeren Meta-Analyse feststellen.

      1. Vermoolen MA, Kwee TC, Nievelstein RA. Apparent diffusion coefficient measurements in the differentiation between benign and malignant lesions: a systematic review. Insights Imaging. 2012 Aug;3(4):395-409. doi: 10.1007/s13244-012-0175-y. Epub 2012 Jun 7. PMID: 22695951

      2. Chen L, Xu J, Bao J, Huang X, Hu X, Xia Y, Wang J. Diffusion-weighted MRI in differentiating malignant from benign thyroid nodules: a meta-analysis. BMJ Open. 2016 Jan 5;6(1):e008413. doi: 10.1136/bmjopen-2015-008413. PMID 26733564

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