Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Statine zur Primärprävention bei Menschen über 65 J. senken weder das allgemeine noch das kardiovaskuläre Mortalitätsrisiko


Bochum, 30. Mai 2017:

In die ALLHAT-LTT – Studie, 2002 publiziert, waren ~10.000 Menschen >55 Jahre mit Hyperlipidämie und Hypertonie ohne klinische Herzerkrankung randomisiert mit 40 mg Pravastatin oder üblicher medizinischer Betreuung open-label aufgenommen worden. Nach 6 Jahren hatte sich in der Pravastatin-Gruppe weder eine signifikante Reduktion der Mortalität noch eine Verbesserung fataler oder nicht-fataler Ereignisse einer koronaren Herzkrankheit gezeigt (1).  Jetzt wurden am 22. Mai 2017 von Han et al. (2) die Ergebnisse einer neuen post-hoc – Analyse der Daten von 2867 Teilnehmern ab dem 65. Lebensjahr publiziert. Auch für diese Altersgruppe fand sich kein signifikanter Unterschied in den Outcomes

In dem Kollektiv der Personen ab 65 Jahre waren die 1467 Personen unter Pravastatin im Mittel 71 Jahre alt und etwa zur Hälfte Frauen. Ihr mittleres LDL-Cholesterin betrug zu Beginn 147 mg/dl und nach 6 Jahren 109 mg/dl. Bei den 1400 Patienten unter „usual care“ (ebenfalls im Mittel 71 Jahre alt und etwa zur Hälfte Frauen) lag LDL-Cholesterin zu Beginn auch bei 147 mg/dl, nach 6 Jahren bei 128 mg/dl.  Die Outcomes unterschieden sich nicht von den vor 15 Jahren  für das Gesamtkollektiv publizierten Ergebnissen. Wurden die älteren Personen in 2 Gruppen geteilt , 65-74 J und =/>75 J, zeigte sich ebenfalls  kein günstiger Pravastatin-Effekt.  In der ältesten Gruppe (=/>75 Jahre) bestand sogar ein Trend (p=0.07) zu einer  erhöhten Gesamtmortalität.

Kommentar

Diese Sekundäranalyse hat mehrere Limitationen. Die ursprüngliche Studie war nicht zum Studium von Statinen bei älteren Menschen geplant worden und somit nicht genügend gepowert. Überdies war es eine open label-Untersuchungsreihe. Auch hatten Teilnehmer der usual care – Gruppe nach Ermessen ihrer behandelnden Ärzte Statine erhalten, was das Ergebnis verzerrt haben könnte. Der LDL-Unterschied nach 6 Jahren war zudem nicht sehr gross (109 vs 128 mg/dl).

Wenn auch die meisten Statin-Untersuchungen zur Primärprävention keinen Mortalitätsunterschied gefunden hatten, so wurden doch Koronarereignisse reduziert, was sich auch in dieser Sekundäranalyse als Trend zeigte. Die an der Studie nicht beteiligte Kommentatorin Dr. Ann Marie Navar vom Duke Clinical Research Institute in Durham, NC meinte zum Trend zu einer erhöhten Mortalität bei Patienten ab dem 75. Lebensjahr unter Statinen: „The trend toward increasing mortality is certainly provocative but really needs to be explored in a trial specifically designed to test this issue“ (3). Und: “Data from thousands of adults in multiple randomized trials have shown that statins prevent heart disease and do not kill people. I hope that the media, the never-ending search for clickbait (= “Klick-Köder”, Anm. d. Ref.) doesn´t overemphasize the statistically nonsignificant mortality trend and lead people who are known to benefit to discontinue their statins”.  In seiner Editorial Note fragt Dr. Gregory Curfman (Harvard, Boston) zu Beginn: “Should adults older than 75 years receive statin therapy for the indication of primary prevention of cardiovascular disease?” . Seine Antwort:  “Statin therapy may be associated with a variety of musculoskeletal disorders, including myopathy, myalgias, muscle weakness, back conditions, injuries, and arthropathies. These disorders may be particularly problematic in older people and may contribute to physical deconditioning and frailty. Statins have also been associated with cognitive dysfunction, which may further contribute to reduced functional status, risk of falls, and disability. The combination of these multiple risks and the ALLHAT-LLT data showing that statin therapy in older adults may be associated with an increased mortality rate should be considered before prescribing or continuing statins for patients in this age category (4).

In Deutschland werden erfahrene Ärzte wohl ohnedies nicht Statine alten Menschen ohne kardiovaskuläre Anamnese verschreiben, nur weil der Cholesterinspiegel höher ist.

Helmut Schatz

Literatur

(1) ALLHAT officers et al.: Major outcomes in moderately hypercholesterolemic, hypertensive patients randomized to pravastatin vs usual care: The Antihypertensive and Lipid-Lowering Treatment to Prevent Heart Attack Trial (ALLHAT-LLT).
JAMA 2002. 288:2998-3007

(2) B.H. Han et al.: Effect of statin treatment vs. usual care on primary cardiovascular prevention among older adults. The ALLHAT-LLT randomized clinical trial.
JAMA Intern Med published online May 22, 2017. DOI: 10.1001/jamainternmed.2017.1442 (Article)

(3) A.M. Navar, in: Fran Lowy: The elderly on primary-prevention statins: No survival gains in the ALLHAT.LLT.
http://www.medscape.com/viewarticle/880487_print

(4) G. Curfman: Risks of statin therapy in older adults.
JAMA Intern Med published online May 22, 2017. DOI: 10.1001/jamainternmed.2017.1457 (Editorial)

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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Eine Antwort auf Statine zur Primärprävention bei Menschen über 65 J. senken weder das allgemeine noch das kardiovaskuläre Mortalitätsrisiko

  1. Helmut Schatz sagt:

    Die Woscops Studie ergab nach 20 Jahren einen cv Nutzen von 5 Jahren Pravastatintherapie in der Primarprävention, allerdings waren die in die Studie aufgenommenen Teilnehmer 45-64 Jahre alt.

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