Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Vitamin D-Effekt bei nicht-muskuloskelettalen Erkrankungen bezweifelt: Niedrige Serumspiegel Folge und nicht Ursache von Erkrankungen?


Bochum, 7. Dezember 2013

Niedrige Vitamin D-Spiegel sind wahrscheinlich die Folge und nicht die Ursache einer Vielzahl von Erkrankungen. Dies ergab eine Metaanalyse, publiziert in „THE LANCET Diabetes & Endocrinology“ online am 6. Dezember 2013 (1). Ph. Autier et al. fanden zunächst in 290 prospektiven Kohortenstudien, dass mäßige bis starke Assoziationen zwischen niedrigem Vitamin D und Erkrankungen des kardiovaskulären Systems, Infektionskrankheiten, Diabetes und Gemütserkrankungen bestanden. Die Analyse von 172 randomisierten klinischen Studien einschließlich 34 Interventionsstudien ergaben aber keinen Nutzen einer Vitamin D–Supplementierung bei Personen mit niedrigem Vitamin D–Spiegel. Die Autoren schließen daraus, dass wahrscheinlich niedriges 25(OH)-Vitamin D ein Marker und nicht Ursache von Erkrankungen ist.

Die etwa 2800 Patienten der Interventionsstudien wiesen zu Beginn 25(OH)-Vitamin-D-Spiegel unter
20 ng/ml/50 nmol/L auf und wurden mit 2000 IE / 50 Mikrogramm Vitamin D pro Tag supplementiert. Es fand sich kein gesundheitsfördernder Effekt. In einer gesonderten Analyse von 16 Studien bei Diabetes, wo in Observationsstudien eine Assoziation beobachtet wurde, wurde der HbA1c-Wert durch Vitamin D-Gabe nicht gesenkt. Bei kolorektalem Krebs, nicht aber anderen Krebsarten, hatte man auch eine Assoziation von Vitamin D mit einem protektivem Effekt gesehen, der sich in 2 großen Interventionsstudien mit Vitamin D–Supplementierung nicht bestätigen ließ. Eine Ausnahme wurde gefunden: Ältere Menschen, meist Frauen, zeigten unter 800 IE/20 Mikrogramm Vitamin D pro Tag eine leicht verminderte Gesamtmortalität. Die Autoren spekulieren, dass dies nicht direkt mit Krankheiten zu tun haben könnte, sondern mit dem zu Erkrankungen führenden Lebensstil dieser Älteren wie Immobilität, fehlender Sonnenexposition oder dem Eßverhalten.

Kommentar

Als Ursache für die niedrigen Vitamin D–Spiegel bei vielen Erkrankungen sehen die Autoren eine krankheitsbedingte Inflammation an. Sie raten zur Zeit von einer Vitamin D–Supplementierung bei niedrigen Spiegeln dieses Hormons ab und weisen auf 5 laufende Studien mit 2150 bis 20 000 Patienten >50 Jahre hin, die nicht vor 2017 erste Resultate liefern werden. In dem begleitenden Editorial wird betont, dass wichtige Gründe für das starke Interesse am Vitamin D zur Prävention auch nicht-skelettaler Erkrankungen die relativ niedrige Toxizität, der positive „Schimmer“ aus einigen Studien und die starken Hinweise aus den prospektiven Observationsstudien seien. Dr. Autier fügt dazu noch das kommerzielle Interesse der Vitamin D-Industrie und der Hersteller von Vitamin D–Tests, und schließlich auch das Interesse von Bräunungsstudios.

Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie hat sich in Pressemitteilungen und Beiträgen im DGE-Blog stets zurückhaltend/abwartend bis skeptisch geäußert, soweit es Vitamin D–Effekte außerhalb des muskuloskelettalen Systems betraf.

Helmut Schatz

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Literatur

(1) Ph. Autier et al.: Vitamin D status and ill health: a systematic review.
The Lancet Diabetes & Endocrinology, Early Online Publication, 6 December 2013.
doi:10.1016/S2213-8587(13)70154-7

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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5 Antworten auf Vitamin D-Effekt bei nicht-muskuloskelettalen Erkrankungen bezweifelt: Niedrige Serumspiegel Folge und nicht Ursache von Erkrankungen?

  1. Dr.med.heinz oehl-Voss sagt:

    Substitution macht doch zumindest bei denen Sinn, die zu wenig „umwandeln“ weil sie nicht genug Sonne abbekommen!?.
    Sonnenbank nutzt gar nichts weil das Lichtsprektrum nichts bewirkt
    Warum sollte man nun im Winter, nicht substituieren, wenn 90 % Defizite aufweisen, 30% davon starke..(eigene Messungen n=>100, seit Jahren), und wenn es ein Marker nur wäre, warum dann nur im Winter ?
    Also ich sehe nicht ein, bis 2017 zu warten..!?
    Gruss Dr Oehl -voss

    • Helmut Schatz sagt:

      Sehr geehrter Herr Dr. Oehl-Voss,
      1. mit den Sonnenbänken bei uns haben Sie Recht, wegen des unterschiedlichen UV-Spektrums bei diesen. Aber meinen Sie, dass das alle Leurte wissen? EIn Bräunungsstudio ist wohl sicher „gut für das Sonnenhormon“ – so meinen viele.
      2. Besonders verhüllte Frauen aus dm mitleren Osten und und andere Risikogruppen bedürfen gewiß einer Vitamin D-Zufuhr.
      3. Daß ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung unter einer unteren Grenze eines – von wem? bei wem? mit welchem Assay? – festgestellten „Referenzbereiches“ liegt,stimmt natürlich. Den heftigen Streit insbesondere in den USA (IOM , Endocrine Society usw.) werden Sie mitbekommen haben. Was ist „insufficiency“?
      4. Vitamin D bis zu etwa 2000 E täglich von – nicht prozessiertem – Vitamin D schaden nicht. Aber warum soll man es im Zeitalter der evidenzbasierten Medizin geben, wenn keine Evidenzen aus prospektiven randomisierten,doppelblinden Interventionsstuden an genügend großen Kollektiven vorliegen?
      Helmut Schatz

  2. Observer sagt:

    „Der Mythos von Vitamin D bröckelt…“ , so äußerte sich schon vor einiger Zeit, lange vor der jetz erschienenen Metaanalyse, ein renommierter Osteologe.

  3. Thomas Merkel sagt:

    1. Haben Sie überprüft, ob diese Meta-Studie methodisch korrekt durchgeführt wurde?

    2. Man kann nicht einfach sagen „2000 IU am Tag bringen nichts“, ohne die Dauer der Einnahme und vor allem den erreichten Blutspiegel bei Beendigung der Maßnahme mit anzugeben.

    3. Vitamin D allein zu betrachten ohne z.B. den Vitamin K2 (Menaquinon) Status zu berücksichtigen, scheint auch veraltet. Das gilt zwar für Fürsprecher wie Gegner von Vitamin D, aber warum eine Meta-Analyse durchführen von veralteten, wenig aussagekräftigen Studien?

    4. Wenn der Vitamin D-Rezeptor als Transkriptionsfaktor wirkt, der die Transkription von – wie manchmal zu lesen ist – über 900 Genen reguliert, macht es dann vielleicht Sinn, unterschiedliche (Aus-)Wirkungen differenzierter zu betrachten? Wird dies in der klinischen „Forschung“ getan? Kennt jemand eine Publikation, wo das Zusammenspiel aller 900 Gene differentiert untersucht wurde? Das war übrigens eine rhetorische Frage… Das wird zukünftige Forschung irgendwann mal mit High-Throuhput Verfahren machen können, falls sich Geldgeber finden. Wenn ich mir die heutige Forschungslandschaft ansehe, eher unwahrscheinlich.

    5. In Zeiten von exzessiven Sonnenschutzgebrauchs nur von „verhüllten Frauen“ zu sprechen, ist irgendwie lustig. In einer Publikation las ich, dass ab einem Lichtschutzfaktor von 8 kein Vitamin D mehr gebildet wird. Leider weiss ich nicht mehr, wo das stand. Auch kann ich nicht sagen, ob das so stimmt. Aber Fakt scheint zu sein, dass Sonnencreme erst frühestens ab den 60er Jahren aufkam. Vielleicht wirklich ein Thema, über das man mal nachdenken sollte?

    Wir stehen noch ganz am Anfang jeglicher medizinischer Forschung. Das gilt halt auch sowohl für die Vitamin D Fürsprecher als auch für die Gegner. Und dann ist da noch Herr Marshall, der den Vitamin D Rezeptor mit dem Microbiom in Verbindung setzt. Hochinteressante Ansichten. Nach dem ersten Schock der Epigenetik werden die Genetiker am Microbiom noch viele Jahrzehnte dran zu knabbern haben. Und falls es dann nicht noch weitere Überraschungen gibt, dann muss man sich in 100 Jahren hoffentlich auch nicht mehr über solche Meta-Studien unterhalten.

  4. Observer sagt:

    Sehr geehrter Herr Merkel,
    danke für Ihre Kommentare. SIe sprechen eine ganze Reihe von Problemen und offenen Fragen an. Natürlich muß man der Metaanalyse von Autier et al. kritisch gegenüberstehen, ebenso wie der, über welche im DGE-Blog am 27. Januar 2014 berichtet wurde. Man wird bis etwa 2020 warten müssen, wenn die Daten der grossen, zur Zeit laufenden Studien mit Vitamin D auf dem Tisch liegen, um die klinisch wichtigen Fragen beantworten zu können. Medizinisch-experimentell bleibt weiterhin viel Arbeit zu tun, wie Sie richtig schreiben.

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