Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Die Adipositas – ein soziales Stigma. Das Internationale Consensus Statement 2020


Bochum, 20. März 2020:

Im DGE-Blog wurde am 20. März 2017 über den Vortrag von Arya Sharma aus Kanada berichtet (1). Er leitet in Edmonton ein Zentrum für Bariatrische Chirurgie. Sharma sprach auf dem 60. DGE-Kongress in Würzburg 2017 in seinem Plenarvortrag über das Thema:  „Why obesity is a chronic disease?“ Er führte aus, dass in Kanada jetzt die Adipositas als eine chronische (!) Erkrankung anerkannt sei. Auf dem Foto des Referenten (H.S.) sieht man das Schlussbild seines Vortrags: Die Anerkennung der Adipositas als chronische Krankheit würde Bias und Stigma reduzieren und hätte insgesamt günstige Folgen.

Jetzt erschien am 4. März 2020 in Nature Medicine open access online ein Artikel: „International Consensus Statement Combats Obesity Stigma” (2). Dieser führt die auf obigem Schlussbild von Sharma angeführten Punkte fort.  Es wird von den Experten  ein “end of the pervasive, resilient form of social stigma associated with the disease” gefordert (federführender Autor: Francesco Rubino, Professor für Bariatrische und Metabolische Chirurgie am King´s College in London). Über 100 professionelle Gesellschaften haben diese Statement unterzeichnet, darunter die American Association of Clinical Endocrinologists, American Diabetes  Association, Diabetes UK, Endocrine Society, Royal College of Physicians (UK) und viele andere Organisationen rund um die Welt. Zahlreiche wissenschaftliche und medizinische Zeitschriften stimmten ebenfalls zu und gaben ihr “pledge to eliminate weight bias and stigma of obesity“, so etwa die Annals of Surgery, Lancet Diabetes & Endocrinology, Nature Research oder Cell Metabolism. Stigmatisierende Sprache und Bilder seien zu verdammen . Menschen mit Übergewicht und Adipositas sei mit Würde und Respekt  zu begegnen.

Man müsse sich von der falschen Annahme freimachen, Adipositas fiele in die persönliche Verantwortung des Menschen, oder dicke Menschen seien  faul, oder man könne Gewicht verlieren, wenn man sich bloß dafür entscheide es zu wollen, oder dass Adipositas wieder vollständig zurückgehen könne, egal wie ausgeprägt sie sei. Ärzte würden oft meinen, die Patienten folgten ohnedies nicht ihrem medizinischem Rat, deshalb würden sie weniger Zeit für sie  aufwenden. Vielmehr sollten sie mit ihnen die neuen, evidenzbasierten Therapiemöglichkeiten diskutieren einschließlich der Bariatrischen/Metabolischen Chirurgie.

Amy Rothberg, Endokrinologin und Adipositas-Expertin an der Universität von Michigan in Ann Arbor bemängelte an dem Consensus Statement, dass es den Ärzten nicht genügend Hinweise (Leitlinien) für das Management von Adipositas gebe, insbesondere nicht für die Langzeitbetreuung. Auch die Krankenkassen müssten sich besser an der Langzeitbetreuung beteiligen.

In den sehr lebhaften Leser-Kommentaren zu diesem  Consensus Statement  werden unter anderem das Fernsehen und die Werbung für Fast Food kritisiert; eine Krankenschwester schreibt zu den  lifestyle- Maßnahmen: „That approach  has been around all of my life and it doesn´t work. Food culture needs to change“.

Und dass das Einkommen von Menschen für das Übergewicht (BMI 25+)  auch eine „gewichtige“ Rolle spielen kann, zeigt  die Tabelle  (3, aus Lit.4)

Helmut Schatz

Literatur

(1) Helmut Schatz: Die Adipositas – eine chronische Erkrankung.
DGE-Blogbeitrag vom 20. März 2017

(2) Miriam Tucker: International Consensus Statement Cobats Obesity Stigma.
https://www.medscape.com/viewarticle/926376

(3) Center of Molecular Biotechnology (CEMBIO), Universität Bonn

(4) Alexandre Assuane Duarte et al.: Diabetes care in figures: current pitfalls and future scenario.
EPMA Journal 2018. 9:125-131.
https://doi.org/101007/s13167-01800133-y

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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6 Antworten auf Die Adipositas – ein soziales Stigma. Das Internationale Consensus Statement 2020

  1. Beppo sagt:

    Ich finde das schwierig. Selber“nur“ bis zum BMI von etwa 32 gebracht, was weit entfernt ist von extremst Übergewichtigen, aber Adipositas war es ja trotzdem. Natürlich stimme ich überein, dass Dicke nicht von Ärzten diskriminiert werden sollen. Dass das leider passiert, kann ich auch bestätigen.

    Im Übrigen hilft m. E. nur ein Weg, nämlich Eigenverantwortung. Da wird es nicht hilfreich sein, Betroffenen klarzumachen, dass sie chronisch krank sind. Ich weiß nicht, wie oft ich gehört habe von Übergewichtigen, sie könnten nichts dafür. Und wie ich dann gestaunt habe über die Essensmengen. Also wenn Adipositas eine Krankheit ist, dann eine psychiatrische. Man muss lernen, Gefühle ohne Essen auszuhalten und die Beschäftigung Essen ersetzen durch andere Lebensinhalte. Ich habe es geschafft, indem ich bewusst Hobbys neu habe aufleben lassen und Sport angefangen. Dazu täglich Intervallfasten. Dies bedarf des eigenen Willens, und gerade nicht des lähmenden Gefühls, krank zu sein.

  2. Giselle sagt:

    Zu dem Thema,das mich nicht persönlich betrifft,möchte ich nur spontane Gedanken äußern.Ich bin sehr m 2.Weltkrieg größer geworden.Natürlich gab es zu der Zeit nur dünne bzw magere Menschen auf Grund der Hungersnot.In meiner Jugend kann ich mich nicht erinnern,dickere Menschen gesehen zu haben.Meines Erachtens wurden die Menschen mit dem Wohlstand des Wirtschaftswunders beleibter.Auffallend dicke Menschen sind in meiner Erinnerung mit der Fastfood aus Amerika zu uns herübergekommen.Sie vermehrten sich ständig.Ich denke,dass sowohl Kleinkinder zuviel zu essen bekamen aus Liebe.Hinzu kamen besonders angereicherte Lebensmittel und Süßigkeiten,Getränke und Joghurt mit zuvielen Kohlenhydraten.Durch Gewohnheit aßen die Menschen mehr und reichhaltiger.Im Erwachsenenalter kamen ungebremste Essenseinnahme mit kalorienhaltigen Getränken,aus Langeweile,Frust und Überforderung hinzu .Ich glaube nicht an ein krankhaftes Symptom.Der einzige Weg zur Abnahme ist mit dem Arzt zu schaffen m.E.

  3. Helmut Schatz sagt:

    Die Annahme von Giselle, dass Adipositas mit den Fast Food-Restaurants zusammenhängt, wird durch eine Arbeit von Evangelia K. Mylona et al. (Am J Med. October 15, 2019) bestätigt. Die Autoren untersuchten mit sehr ausgefeilter Statistik den Body Mass Index von 21.000 Menschen im größten Gesundheitsnetzwerk von Rhode Island: Adipositas war häufiger in Gegenden mit grösserem Zugang zu „fast food“ und niedriger in „green space areas“.

  4. Barbara sagt:

    Unwissenschaftliche Kommentare sind an dieser Stelle nicht holfreich.

    Adipositas ist ein sehr komplexes Krankheitsbild und muss im Einzelfall betrachtet werden.

  5. Helmut Schatz sagt:

    Liebe Barbara, Sie haben völlig recht, Adipositas kann viele Ursachen haben. Die Beobachtung von Giselle über die mögliche Beteiligung von Fast Food wurde nun in einer streng wissenschaftlich-statistischen Assoziationsstudie, erschienen im American Journal of Medicine aufgezeigt. Übrigens: Fast Food ist, wie ich in einem Blogbeitrag vor einiger Zeit geschrieben habe, in seiner Nährstoff-Zusammensetzung nach einer Studie nicht viel anders als in einem guten Restaurant, wo auch viel Salz und viel Fett (Geschmacksträger!) verwendet wird. Diesbezüglich wird am „gesündesten“ meist zuhause selbst gekocht. Aber: Fast Food isst man eben, wie der Name sagt, zu schnell (too fast). Man soll jeden Bissen 20x kauen und mindestens 20, besser 40 min lang essen. Dann wird mehr von der aufgenommenen Nahrungsenergie über die Thermogenese wieder
    abgestrahlt.

  6. Dr. Carsten Schaper sagt:

    Barbara wünscht in Ihrem Kommentar keine unwissenschaftlichen, nicht hilfreichen Beiträge. Ob ihr Satz über die Komplexität der Adipositas den von ihr geforderten Wissenschaftskriterien entspricht? Leise Zweifel!

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