Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Aktuelles über Hypophyse und Hypophysentumore


Bochum, 3. Dezember 2018:

Am 8. November 2018 fand in Essen die Herbstsitzung der Arbeitsgemeinschaft  „Hypophyse“ (AG) unter Leitung ihres Sprechers, Professor Jürgen Honegger, Tübingen statt. Vom DGE-Blogbeauftragten soll hier kurz aus dem offiziellen Protokoll berichtet werden.

Die Empfehlungen der AG zu den postoperativen Verhaltensregeln für Patienten sind bereits online einzusehen: „Consensus on postoperative recommendations after transsphenoidal surgery“ (DOI 10.1055/a-0664-7710). Sie werden im offiziellen Organ der DGE, der Zeitschrift  Exp. Clin. Endocrinol. Diabetes (ECED) gedruckt erscheinen. An einer konsensbasierten AWMF-Leitlinie zu „Diagnostik und Therapie hormoninaktiver Hypophysentumore“ arbeitet die AG mit. Das Journal ECED plant für 2019 ein Sonderheft zum Thema „Hypophyse“, an dem die AG ebenfalls beteiligt ist.

Hypophysentumor-Register (HTR):

Wolfgang Saeger stellt die Neuerungen der WHO-Klassifikation 2017 vor. Die Bedeutung der molekularen Marker (Transskriptionsfaktoren) und die Indikatoren für aggressive Adenome werden erläutert. W. Saeger bietet Unterstützung bei der Implementierung der neuen WHO-Klassifikation 2017 an. In den neurochirurgischen Kliniken sollte die Befundung entsprechend der neuen Klassifikation eingefordert werden. Es wird nochmals zur Diskussion gestellt, wie die AG Hypophyse zum Vorschlag des Pituitary Pathology Club steht, die Adenome zukünftig als PitNET zu bezeichnen. Eine aktuelle Umstellung wird nicht begrüßt. Argumente dagegen sind Bezeichnung „Adenome“ in der neuen WHO-Klassifikation und eine wohl schwierige Gewöhnung an eine völlig neue Nomenklatur.

Hypophysitis:  

Felix Amereller stellt 60 Fälle mit V.a. primäre Hypophysitis an der LMU München vor. Mit 42% war die Rate damit assoziierter Autoimmun-Erkrankungen höher als in der Literatur. Bei Männern waren endokrinologische Ausfälle häufiger. Ein Wachstumshormon-Mangel war mit einem schlechteren Outcome assoziiert. Oft wird fälschlicherweise ein Hypophysenadenom diagnostiziert. Herr Amereller schlägt die Erstellung eines klinisch-radiologischen Scores zur Unterscheidung von Hypophysitis und Hypophysenadenomen vor. Wünschenswert wäre die Auswertung der MRT´s  durch zwei unabhängige Experten. Die Meinung überwiegt, nur Adenome und Hypophysitis zu vergleichen; für einen Score ist  auch eine dichotome Struktur erforderlich.

Interferenz von Biotin in der Labordiagnostik:

Katharina Schilbach berichtet über die Bedeutung der Interferenz von Biotin (Vitamin B7) in der Labordiagnostik. Biotin wird neben medikamentöser Verwendung häufig als Nahrungsergänzungsmittel eingenommen und ist in vielen Multivitamin-Präparaten enthalten. In Immunoassays werden biotinylierte Antikörper resp. Antigene verwendet. Kleine Moleküle werden bei zusätzlicher Einnahme von Biotin deshalb im kompetitiven Assay zu hoch gemessen. Große Moleküle werden im Sandwich-Assay falsch niedrig gemessen. Als Folge können z.B. ein Hypercortisolismus oder ein Wachstumshormonmangel fälschlicherweise diagnostiziert werden. Auch kann eine Schwangerschaft aufgrund eines zu niedrig gemessenen hCG-Wertes übersehen werden. Die FDA empfiehlt eine Biotin-Karenzzeit von 72 Stunden.

Hypophysenapoplexie:

Ein gemeinsames Projekt zur Hypophysenapoplexie ist geplant.

Bariatrische Chirurgie bei hypothalamischer Adipositas:  

Ulrich Dischinger stellt die bariatrische Chirurgie und die Bedeutung der anorexigenen Peptide für die Gewichtsabnahme vor. Mit Roux-en-Y gastric bypass oder Sleeve gastrectomy kann eine Gewichtsreduktion >30% erzielt werden. Bedauerlicherweise bewirkt die bariatrische Chirurgie jedoch bei Kraniopharyngeom-Patienten häufig keine bleibende Gewichtsreduktion. In einer geplanten Studie soll das Essverhalten von Patienten mit hypothalamischer und alimentärer Adipositas verglichen werden. Für die Studie werden vor allem noch Patienten mit hypothalamischer Adipositas gesucht, bei denen eine bariatrische Operation durchgeführt wurde. Die Frage ans Auditorium ergibt, dass die Anwesenden insgesamt nur zwei Fälle kennen, bei denen diese Konstellation vorliegt. 

Kraniopharyngeom-Register bei Erwachsene:

Jörg Flitsch berichtet, dass insgesamt 148 Patienten mittlerweile ins Register eingeschlossen sind. Die Anzahl der rekrutierenden Zentren hat zugenommen. Anders als bei den pädiatrischen Fällen hat der prozentuale Anteil der Patienten mit hypothalamischer Essstörung nach der Operation abgenommen. Der mittlere BMI hat nur gering zugenommen. Mit den Fragebögen QLQ C20 und QLQ BN 20 fanden sich bei Kraniopharyngeomen Scores wie bei primären Hirntumoren, die sich im Follow-up nicht verschlechterten. Die Patienten mit Vollremission wiesen eine bessere Lebensqualität auf.

Bevacizumab (Avastin® ) bei aggressiven Hypophysenadenomen:

Jörg Flitsch berichtet über 3 Patienten mit aggressiv wachsenden Hypophysenadenomen, die in Hamburg gemeinsam mit Stephan Petersenn mit dem Angiogenese-Hemmer Bevacizumab (Avastin®) behandelt wurden. Bei allen 3 Tumoren war der VEGF-Rezeptorstatus positiv. Bei 2 ACTH-produzierenden Tumoren kam es zu einem leichten Abfall der ACTH-Spiegel. Beide Patienten verstarben jedoch aufgrund der schon fortgeschrittenen Erkrankung. Bei einem inaktiven Adenom konnte der Tumor für eine Dauer von 18 Monaten durch Bevacizumab stabilisiert werden. Der Nutzen von Bevacizumab bei aggressiven Hypophysentumoren sollte im Rahmen von Studien evaluiert werden. 

Temozolomid (TMZ) bei aggressiven Hypophysentumoren:

Ulf Elbelt hat federführend die Sammlung der mit TMZ behandelten aggressiven Hypophysentumore übernommen. Durch die neue Initiative konnte die Fallzahl auf 38 erhöht werden. Die kortikotrophen Tumoren dominieren (N=18), gefolgt von den laktotrophen (N=13) und den inaktiven (N=7) Tumoren. Die Karzinome metastasierten vor allem zerebral und spinal. Zum Ende der TMZ-Behandlung zeigte sich ein Regress bei 9 Patienten mit abgeschlossener Behandlung, eine Stabilisierung bei 14 Patienten und ein Progress bei 6 Patienten. Beim letzten Follow-up zeigte sich ein Progress bei 21 Patienten. Die Progression wurde meist innerhalb von 2 Jahren beobachtet. Die Progressionsfreiheit unterschied sich nicht zwischen aggressiven Adenomen und Karzinomen.

Kinderwunsch bei hypophysärer Insuffizienz:

Stephanie Ziehr berichtet, dass erfolgreiche Schwangerschaften bei hypophysärer Insuffizienz selten sind. Dabei spielt der Wachstumshormon-Mangel eine große Rolle. Bei Hypophyseninsuffizienz besteht auch ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von Komplikationen während der Schwangerschaft. Vor einer Kinderwunsch-Behandlung ist eine adäquate Substitution der hypophysären Achsen erforderlich. Auch das Endometrium muss durch Substitution mit Estradiol und Progesteron vorbereitet werden. Die positiven Effekte von Wachstumshormon mit dem Ziel der Fertilisierung und Konzeption werden dargestellt. Es wird ausdrücklich betont, dass eine Interaktion und ein wissenschaftlicher Austausch zwischen endokrinologischer Gynäkologie und Endokrinologie wünschenswert und bereichernd sind.

Spermatogenese-Induktion  bei sekundärem Hypogonadismus:

Jochen Schopohl weist darauf hin, dass bei sekundärem Hypogonadismus von Männern die Fertilität in 70-90% der Fälle mit hypothalamischer Läsion durch pulsatile GnRH-Gabe bzw. mit Gonadotropin-Gabe wiederhergestellt werden kann. Ein entscheidender prognostischer Faktor ist das Hodenvolumen vor Therapie. Die Spermienzahl muss vorsichtig interpretiert werden, da die Konzeption in den meisten Fällen mit Stimulationsbehandlung bereits bei geringen Spermienzahlen (< 10 Millionen/ml) erreicht wird.

Jürgen Honegger (Sprecher der AG)
Katharina Schilbach
Timo Deutschbein
Jörg Flitsch
(Gekürzt von Helmut Schatz)

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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