Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

‚ALZHEIMERGATE‘: Berichte in der Allgemeinpresse über die Alzheimer-Erkrankung in Großbritannien – und in Deutschland


Bochum, 19. September 2015:

Am 10. September 2015 gaben die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) und die Deutsche Gesellschaft für Kinderendokrinologie und –diabetologie (DGKED) eine gemeinsame Stellungnahme zum Thema „Menschliches Wachstumshormon und Alzheimer“ anlässlich einer Publikation in „NATURE“ (1)  heraus, die sehr zurückhaltend und vorsichtig formuliert war (2). Eine Kurzmitteilung im Blog der DGE wies auf dieses Statement hin und nahm zusätzlich Daten auf, die das Problem noch weiter abschwächten und relativierten (3).

Das am heutigen Tage erscheinende „LANCET“  titelt – in Anlehnung an WATERGATE – in einem Editorial:

Alzheimergate? When miscommunication met sensationalism (4).

In Britannien habe man vorab schon am 5. September 2015  gewarnt, dass durch die Berichterstattung in der Laienpresse die Bevölkerung aufgeschreckt werden könnte und das zuständige „Science Media Centre“ gebeten, dies möglichst zu verhindern. Dieses sah das Problem aber nicht und hat die  Presseberichterstattung nicht im Sinne einer zurückhaltenden Beurteilung beeinflusst. In der Tat erschienen am 10. September in der britischen Presse Artikel wie „Alzheimer´s may be a transmissible infection“ (The Independent), “Alzheimer´s bombshell” (The Daily Express) oder “You can catch Alzheimer´s” (Daily Mirror). Die Verunsicherung in der britischen Bevölkerung war dementsprechend groß. Auch in Deutschland berichtete die Allgemeinpresse in ähnlichem Sinne, trotz der zurückhaltenden Stellungnahme unserer Fachgesellschaften, die bewusst keine „Pressemitteilung“ verschickt hatte. Informiert wurden die deutschen Publikumsorgane offenbar durch  Pressemitteilungen anderer Gesellschaften oder Institutionen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb am 10. September 2015: „Kann Alzheimer übertragen werden? Forscher finden immer mehr Indizien dafür, dass die Alzheimer-Demenz übertragbar sein könnte“. In n-tv.de/wissen konnte man lesen: „Kann Alzheimer bei OP´s übertragen werden“? Eine  deutsche Tageszeitung stellte im Titel gar die Frage, ob man sich bei der Pflege eines Angehörigen mit Alzheimer infizieren könne.

Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie sieht sich  in ihrer zurückhaltenden Berichterstattung lediglich in Form einer „Stellungnahme“, gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Kinderendokrinologie und –diabetologie bestätigt. Erfreulicherweise scheint es um dieses Thema aber in Deutschland recht ruhig geblieben zu sein. Alle Leser werden gebeten, in einem Kommentar unten zu berichten, ob bei Ihnen besorgte Anfragen eingegangen sind.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Zane Jaunmuktane et al.: Evidence for human transmission of amyloid-ß pathology and cerebral angiopathy.
Letter. NATURE online 10 September 2015. doi:10.1038/nature1536

(2) Gemeinsame Stellungnahme der DGE und DGKED: Möglicher Zusammenhang zwischen Gaben von aus Hirnanhangdrüsen gewonnenem menschlichem Wachstumshormon (pit-hGH) und der Alzheimer Erkrankung. 10. September 2015.
www.endokrinologie.net/stellungnahmen_150910.php

(3) Helmut Schatz, Martin Reincke: Zusammenhang zwischen Alzheimer-Erkrankung und Gabe von Wachstumshormon aus menschlichem Hypophysengewebe? DGE-Blog vom 10. September 2015

(4) Editorial: Alzheimergate? When miscommunication met sensationalism.
The Lancet, 19 September 2015. 386:(No. 9999) p.1109

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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Eine Antwort auf ‚ALZHEIMERGATE‘: Berichte in der Allgemeinpresse über die Alzheimer-Erkrankung in Großbritannien – und in Deutschland

  1. Helmut Schatz sagt:

    In „Univadis Onkologie“ vom 24. 9. 2015 kann man folgenden abschließenden Kommentar lesen:
    „Alzheimergate“?
    Viel Lärm um nichts also? Das wäre nicht zutreffend. Denn die Befunde des Teams um Jaunmuktane sind sicher interessant für die Erforschung neurodegenerativer Erkrankungen und sogenannter Proteinopathien, zu denen die Jakob-Creutzfeldt- und die Alzheimer-Erkrankung gezählt werden. Das Wissenschaftsmagazin „Nature“ mag zwar etwas zu laut für die Publikation und auch für sich selbst getrommelt haben. Die Befunde hätten sicher mit mehr Feingefühl kommuniziert werden können. Doch den Begriff „Alzheimergate“ mit ins Gespräch zu bringen, wie es der zu einem Konkurrenzkonzern gehörende „Lancet“ getan hat, ist ebenso unfair wie den berichtenden Medien reine „Sensationsmache“ zu unterstellen und sie abwertend als „Gazetten“ zu bezeichnen.

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