Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Blasenkrebs nach über 5 Jahren Therapie mit Thiazolidindionen häufiger als unter Sulfonylharnstoffen: Kein Unterschied zwischen Pioglitazon und Rosiglitazon


Eine retrospektive Kohortenstudie an ~18 000 Patienten mit Typ-2-Diabetes unter Thiazolidindionen und ~41 0000 Patienten unter Sulfonylharnstoffen aus der Datenbank des Health Improvement Network in Großbritannien (1) ergab in der Inzidenz von Harnblasenkrebs insgesamt keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Therapieformen (HR 0.93, 95% CI 0.58-1.29). Wurden jedoch nur die Patienten mit >/=5 jähriger Therapiedauer betrachtet, so waren Blasenkarzinome in der Thiazolidindion-Gruppe über 3x häufiger als unter Sulfonylharnstoffen (HR 3.25, 95% CI 1.08-9.71). Das Blasenkrebsrisiko nahm bei mit Pioglitazon und Rosiglitazon behandelten Patienten auch mit der Behandlungsdauer zu. Zwischen Pioglitazon und Rosiglitazon fand sich im Blasenkrebs-Risiko kein Unterschied (p=0.49).

Kommentar des Referenten:

Auf Grund von Erhebungen in Frankreich (2) wurde Pioglitazon in diesem Land vom Markt genommen, in Deutschland wird es mittlerweile von den gesetzlichen Krankenkassen nicht mehr erstattet. Im Blog-Beitrag der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie vom 9. August 2012 (3) wurde auf eine Untersuchung an 116 000 neu auf orale Antidiabetika (OAD) eingestellten Diabetespatienten hingewiesen, in der für Pioglitazon im Vergleich zu anderen OAD’s ein 83% höheres Blasenkarzinomrisiko gefunden wurde, während sich für Rosiglitazon kein Exzessrisiko errechnete (4). Nach den jetzt veröffentlichten Befunden von Mamtani et al. von der University of Pennsylvania in Philadelphia wäre das Blasenkrebsrisiko als nicht Pioglitazon-spezifisch, sondern als Klasseneffekt der Thiazolidindione anzusehen. Da in Deutschland Rosiglitazon nicht mehr auf dem Markt ist und Pioglitazon nur mehr sehr eingeschränkt verordnet wird, kommt diesen Befunden zur Zeit bei uns kaum mehr eine klinische Bedeutung zu. Sollte jedoch das Aleglitazar der Firma Roche, bereits in Phase III, zur Zulassung gelangen, würde man diesem „Glitazar“, also einem kombinierten PPAR alpha- und gamma-Agonisten, auch im Hinblick auf Harnblasenkarzinome und nicht nur auf ihre kardiale Sicherheit besondere Aufmerksamkeit zu schenken haben. Bekanntlich ist Muraglitazar nach bereits erfolgter Zulassung durch die FDA wegen erhöhter kardialer Nebenwirkungen nicht auf dem Markt gekommen.

Literatur:

(1) R. Mamtani et al., Association between longer therapy with thiazolididiones and risk of bladder cancer: a cohort study.
J. Natl. Cancer Inst. 2012. 104: 1411-1421. Epub. 2012 Aug 9.

(2) A. Neumann et al.: Pioglitazone and risk of bladder cancer among diabetic patients in France: a population-based cohort study.
Diabetologia 2012 Mar 31 Epub ahead of print.

(3) Helmut Schatz: Pioglitazon mit Exzess-Risiko für Blasenkrebs assoziiert.
DGE-Blog-Beitrag vom 9. August 2012.

(4) P.S. Mueller: Pioglitazone is associated with excess risk of bladder cancer.
7. August 2012. Journal Watch © 2012 Massachusetts Medical Society

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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