Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Cicero-Ranking – der Impact Factor oder Hirsch-Index der Intellektuellen?


Bochum, 3. Februar 2019:

Wohl vielen Ärzten und den meisten Naturwissenschaftlern sind der Impact Factor und der Hirsch-Index (h-Index) zur Beurteilung der fachlichen Leistungen und somit auch des Ansehens von Wissenschaftlern auf ihren jeweiligen Gebieten bekannt. In Deutschland werden von einer Zeitschrift  seit Jahren sehr sorgfältig recherchierte Listen für  „Empfehlenswerte Ärzte“ (früher: „Die 100 besten Ärzte“) auf den verschiedenen Fachgebieten und  von „Empfehlenswerten  Kliniken“ herausgegeben (FOCUS-Listen). Wer kennt aber die seit 2006 erscheinende Liste der „500 wichtigsten Intellektuellen in den deutschsprachigen Ländern“, das „Cicero-Ranking“? Sollten Sie interessiert sein, so erwerben Sie die letzte Ausgabe der Zeitschrift „Cicero“ (1) und bilden sich Ihre eigene Meinung.

Nach Beschreibung des Journals „spiegelt die Cicero-Liste den geistigen Einfluß der deutschsprachigen Intellektuellen wider. Sie bildet deren öffentliche Deutungsmacht ab, misst aber keine inhaltliche Qualität. ….Sie basiert 1.) auf der Präsenz in den 160 wichtigsten deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften. 2.) Es werden Zitationen im Internet ermittelt. 3.) Es werden Treffer in der wissenschaftlichen Literaturrecherche Google Scholar gezählt und 4.) reflektieren Querverweise im Biographischen Archiv Munzinger die Bedeutung der Intellektuellen im Networking. Politiker werden nicht berücksichtigt“ .

Welche Berufe sind am häufigsten unter den nach den Kriterien 1 bis 4 ausgewählten „500 wichtigsten Intellektuellen“ vertreten? Man findet sehr viele Schriftsteller, Publizisten und Journalisten, aber auch zahlreiche Ökonomen, Historiker, Theologen, Ökonomen sowie Sozial- und Geisteswissenschaftler. Juristen, Moderatoren, Blogger und Satiriker sind ebenfalls gelistet. Angeführt wird das Ranking jedoch von zwei Philosophen, von Peter Sloterdijk und Jürgen Habermas;  Philosophen sind ebenfalls recht zahlreich vertreten. Auch ~15 Regisseure habe ich gefunden sowie 1 Choreographin.

Und wo sind die Mediziner? Hier taucht als erster auf Position 23 Dr. med. Manfred Spitzer auf, Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm. Cicero bezeichnet ihn aber als „Naturwissenschaftler“. Ebenso wird Professor Dr. med. Harald zur Hausen vom Krebsforschungszentrum in Heidelberg, Nobelpreisträger für Physiologie oder Medizin  2008 von Cicero als „Naturwissenschaftler“ geführt. Er steht auf Position 239. Von den insgesamt etwa 12 gelisteten Ärzten unter 500 Intellektuellen findet man nach Prof. Spitzer den nächsten Mediziner  erst wieder auf Rang 211. Die in dieser Position genannte  29-jährige Medizinerin Giulia Enders wird bei Wikipedia als Sachbuchautorin („Darm mit Charme“ u.a.) und auch als Ärztin geführt. Von den weiteren Medizinern, die erwähnt wurden, kannte ich keinen einzigen außer unseren Bochumer Radiologen  Dietrich Grönemeyer, der Platz 433  besetzt. Alle mir bisher nicht bekannten ärztlichen Kollegen  im Cicero-Ranking sind gemäß meinen Google-Recherchen wohl auf Grund ihrer zahlreichen allgemeinverständlichen oder populärwissenschaftlichen Vorträge, Bücher, Fernseh- und Internetauftritte genannt worden.

Namen von mehreren Regisseuren und einer Choreographin werden genannt, hingegen keiner von Künstlern selbst. Warum nicht? Wird doch als „Intellektueller“ nach Wikipedia ein Mensch bezeichnet, „der wissenschaftlich, künstlerisch, philosophisch, religiös, literarisch oder journalistisch tätig ist, dort ausgewiesene Kompetenzen erworben hat und in öffentlichen Auseinandersetzungen kritisch oder affirmativ Position bezieht“. Und im Duden steht, ein Intellektueller ist „ jemand, der wissenschaftlich oder künstlerisch gebildet ist und geistig arbeitet. Demgemäß sind viele der Künstler doch ebenfalls „Intellektuelle“, auch Musiker. Nur schreiben sie selten  so viel, dass sie bei allen von Cicero gewählten Suchkriterien berücksichtigt wurden. In 160 Zeitungen und Zeitschriften müssen doch Dirigenten, Musiker oder  Charakterdarsteller häufig aufscheinen. Ihre reflektiven und oft „kritischen“ oder „affirmativen“ Positionen gegenüber der Welt sind nur nicht jedem so leicht zugänglich wie es die oft plakativen Auftritte und Publikationen von manchen Personen sind. Feinsinnige Musikkritiker vermögen die „Botschaften“ von Künstlern freilich zu erfühlen und in ihren Musik- oder Theaterkritiken in Worte zu kleiden. Diese Rezensenten werden dann wohl erfasst, eingereiht etwa als „Publizisten“ oder „Journalisten“, nicht aber die Künstler selbst.

Kritischer Kommentar

a.) Beim Cicero-Ranking blieben die Künstler ausgeklammert, weil sie in ihrer Gesamtheit offenbar nicht alle der von Cicero gewählten Kriterien für einen „Intellektuellen“ erfüllten. Dies kann man natürlich so festlegen, müsste es dann bei der  Beschreibung der Methodik mit den  Auswahlkriterien erwähnen, ähnlich wie dass Politiker ausgeschlossen wurden.

b.)  Der Referent hat seine eigene Person in Google Scholar (Methodik Nr. 3.) und im Biographischen Archiv Munzinger (Methodik Nr.  4.) überprüft. Er stieß auf eine Ansammlung von Daten und Zitaten,  durcheinander zusammengetragen. Wichtiges fehlte oft, völlig Unbedeutendes wurde hingegen mehrfach erwähnt. Aber wie soll man es sonst machen? Es zeigt nur, wie kritisch solche Listen zu betrachten sind. Cicero schrieb bei der Methodik, dass „keine inhaltliche Qualität gemessen wurde“. Ähnlich ist es ja auch beim Hirsch-Index in der Wissenschaft: Ist man einer von etwa 60-80 Mitautoren als Teilnehmer an einer  großen Zulassungsstudie eines Medikaments, die, wie meist in einer guten Zeitschrift publiziert, sehr oft zitiert wird, so steigt der Hirsch-Index gleich an, auch wenn man nur wenige, etwa 2-3 Patienten in eine Multicenter-Studie eingebracht hat.

c.) Unverständlich ist es für mich als Herausgeber mehrerer nationaler und internationaler Zeitschriften, dass zwei Ärzte wie der Direktor einer Universitätsklinik (Dr. med. Manfred Spitzer)  und der Medizin-Nobelpreisträger (Dr. med. Harald zur Hausen) als „Naturwissenschaftler“ eingestuft wurden. Bitte liebe Herausgeber, Sorgfalt beim Korrekturlesen und bei Ihrer Endkontrolle!

Zum Schluss etwas Positives: Dass Peter Sloterdijk die Liste anführt, freut mich ungemein. Habe ich ihn doch in einem meiner Blogs als Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie über die heutigen, auch für mich zu schnellen Tempi in der Musik zitiert:

„Der deutsche Philosoph Sloterdijk sieht dieses gesteigerte Tempo bei der Musikwiedergabe nur als einen Teil der ‚selbstgezündeten Selbstbewegung’, wie sie sich in der allgemeinen Beschleunigung aller Lebensvorgänge zeigt. Man betrachte nur die Industriewelt oder die Verkehrsmittel mit ‚Hochgeschwindigkeitszügen’.  Zu dieser Beschleunigung sei es nach Sloterdijk erst durch das neue, lineare Zeitbewusstsein gekommen, welches im Gegensatz zum zyklischen Bewusstsein steht. Nach Sloterdijk sind die Konzertaufführungen der heutigen Virtuosen nur das hörbare Produkt dieser Entwicklung, also ein ‚Phänomen der reinen Mobilität(2)“.

Helmut Schatz

Literatur

(1) CICERO: Die Liste der 500. Rangliste der wichtigsten Intellektuellen des deutschsprachigen Raumes.
Heft 02, 2019. Seite 18-29

(2) Helmut Schatz: Die Zeit in der Musik.
DGE-Blogbeitrag vom 9. August 2016

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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4 Antworten auf Cicero-Ranking – der Impact Factor oder Hirsch-Index der Intellektuellen?

  1. Dr. Ing. Leonhard von Vinci sagt:

    Lieber Herr Schatz, seine Sie nicht traurig ob der Unvollständigkeit des Cicero-Rankings. Allein Architekten, Techniker-Ingenieure, Chemiker usw. usw. zu übersehen zeugt von einer gewissen Eigenverliebtheit der „Berufenen“. Dem sollte man nicht allzu viel Aufmerksamkeit schenken.

  2. Dr. Hans Sachs sagt:

    Schon allein, dass der Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm (Manfred Spitzer) und der Medizin-Nobelpreisträger vom Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg (Harald zur Hausen) als „Naturwissenschaftler“ eingestuft werden, disqualifiziert das CICERO-Ranking. Es ist wohl bei den Journalisten recht ähnlich wie im Fernsehen: Man zeigt und interviewt sich gerne gegenseitig und hebt sich damit von der übrigen Bevölkerung ab.

    • Dr. jur. Jörn Waller sagt:

      Das Cicero-Ranking mit der Selbstbeweihräucherung der Journalisten und Publizisten sollte man beenden. Wird es weitergeführt, so sollte man es ignorieren.

  3. Helmut Schatz sagt:

    Die Redaktion des CICERO einschließlich des persönlich angeschriebenen Chefredakteurs ließen meine Einwendung, dass der Klinikdirektor Prof. Manfred Spitzer und der Nobelpresiträger Professor Harald zur Hausen Mediziner seinen und nicht, wie in Cicero bezeichnet Naturwissenschaftler, unbeantwortet. Mir wurde auch nicht bekannt, dass eine Richtigstellung in der Zeitschrieft vorgenommen wurde. Also wirklich zukünftig solche von Journalisten oberflächlich recherchierte und von den Chefredaktionen nicht genügend geprüfte Rankings ignorieren.

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