Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

In der Corona-Pandemie stehen die Praktiker mit ihren Patienten an vorderster Stelle


Bochum, 7. Januar 2021:

In DGE-Blogartikeln und dazugehörigen Leserkommentaren wurden auch die Verlautbarungen, von den Behörden ergriffenen Maßnahmen und die Berichterstattung in den Medien diskutiert und hinterfragt (1-3). Gestern erschien nun in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4) ein ganzseitiger Artikel mit der Überschrift

„Die Stunde der Praktiker: Die Pandemie ist auch eine Krise medizinischer Expertise. Virologen erklären den Erreger, Epidemiologen sammeln Daten, Physiker simulieren – aber wer rettet uns das Leben?“

Verfasst hat ihn Frau Dr. med. Martina Lenzen- Schulte, eine der deutschen Ärzteschaft von ihren fundierten Beiträgen im Deutschen Ärzteblatt wohlbekannte Medizinjournalistin. Der Artikel beginnt mit den Virologen, die man auch heute fast täglich in den Medien sehen,  hören oder von ihnen lesen kann. Die Autorin schreibt im Hinblick darauf, dass Virologen in der Regel keinen direkten Kontakt mit kranken Menschen haben: „Niemand wäre vor der aktuellen Pandemie auf die Idee gekommen diese Spezies von Virologen – also Wissenschaftler, die zum Beispiel Viren in den Ausscheidungen afrikanischer Fledermäuse analysieren – um eine Auskunft in praktischen medizinischen Fragen zu bitten. Dennoch geben aktuell Virologen zu fast allem Auskunft….Einer erklärte zum Beispiel dieser Tage, was Triagieren bedeutet“. Die für die ärztliche Triage  Zuständigen wurden hingegen nicht interviewt. Anders als im Grippewinter 2018/19, in dem die Journalisten noch in erster Linie klinisch tätige Ärzte befragt hatten, nach welchen Kriterien die auch damals knappen Beatmungsplätze vergeben würden. Geriater etwa hat der Referent (H.S.) in den Medien nie wahrgenommen, obwohl alte Menschen von COVID-19 am stärksten betroffen sind.

Seit Beginn der Pandemie stehen gänzlich andere Disziplinen im Vordergrund der Öffentlichkeit als die, welche „hinter den Kulissen die Versorgung gewährleisten und für deren Aufklärung sorgen“,  die klinisch tätigen Ärzte. Kollegen und Pflegepersonal wurden aus dem Urlaub zurückgeholt, Hygienemaßnahmen erfolgten und zwischen den Abteilungen mussten Betten umgeschichtet werden. Neue Einsichten zum Krankheitsverlauf wurden in der Gynäkologie und Perinatalmedizin gewonnen, die Angiologen erkannten die Wichtigkeit der Gerinnung und die Thrombosegefährdung. Diabetologen sahen sich mit dem höheren Risiko eines schweren Corona-Verlaufs konfrontiert, Onkologen mussten Operationen verschieben. Pathologen und Rechtsmediziner zeigten bei den Obduktionen auf, dass viele Verstorbene typische Vorerkrankungen hatten, während vorher Gesunde und jüngere Menschen sehr viel seltener durch Corona zu Tode kamen.

Martina Lenzen-Schulte in der FAZ fährt fort: „Im Gegensatz zu diesen Truppen, die seit Monaten an vorderster Front durchhalten, zeichnen sich andere durch Fahrlässigkeit und Minderleistung aus und nutzen ihr Expertentum für Präsenz ohne Präzision“. Sie spricht von „Einzeltätern, die unhaltbare Paniknachrichten verbreiten“. Ein politisch tätiger Gesundheitsexperte etwa verkündete, dass bei schwerem Corona-Verlauf das Gehirn um    10 Jahre altere und man 8.5 Punkte seines Intelligenzquotienten verliere, was sich bei Überprüfung als so nicht richtig herausstellte. „Medienaffine Experten“ würden ungeprüft Meldungen verkünden, was zum Misstrauen vieler Menschen beitrage.

Dreh- und Angelpunkt für den Umgang mit der Epidemie seien nach Jens Spahn die Gesundheitsämter, manche Medien würden diese als die wichtigsten Einrichtungen im Kampf gegen Covid-19 bezeichnen, so Lenzen-Schulte. Und das bei deren oft  kritisierten Langsamkeit.  „Der Einstellungswut der  Amtsärzte sind derzeit keine Grenzen gesetzt, während nie die Rede davon war, die Stellen der Klinikärzte oder Pflegekräfte merkbar aufzustocken“, fährt sie fort. Schließlich kritisiert sie auch die „fragliche Performance der Experten, die eigentlich verlässliche Daten zur Steuerung des Pandemieverlaufs auf Bevölkerungsebene produzieren sollen“. Seit Frühjahr würden wir „mit Litaneien heruntergebeter Zahlen zum Infiziertenstatus und Informationen über Labortests traktiert“.  Epidemiologen, Mathematiker und Statistiker (siehe dazu den DGE-Blog Lit.3) sind natürlich wichtig, die nicht nur einzelne Patienten und regionale Gruppierungen analysieren, sondern grössere Populationen. Dies ist für die  Politiker von großer Wichtigkeit. Die  Aussagen würden aber oft auf „fehlerhaften Berechnungen, schlechten Studiendesigns oder unzulässigen Primärannahmen“ beruhen (vgl. Lit.3).
 
Kommentar
 
Der Referent teilt die Ansichten und Einschätzungen von Martina Lenzen-Schulte weitestgehend. Nachdem die erste Corona-Welle im Sommer abgeklungen war, finden aber erfreulicherweise nach den Beobachtungen auch des Referenten (H.S.) in den Medien seit Beginn der zweiten Welle zunehmend öfter auch die Personen „vor Ort“  Gehör wie Klinikchefs, Ober-, Assistenz- und niedergelassene Ärzte,  Pflege- und Laborkräfte sowie weiteres medizinisches Personal. Nach Auskunft aus dem Medizinsektor in Österreich seien die direkt am Patienten tätigen Personen in unserem Nachbarland  auch schon in der ersten Welle in den Medien offenbar präsenter gewesen als bei uns. Dass jetzt endlich auch in Deutschland die enormen Leistungen der „Praktiker“ in Medien wie hier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hervorgehoben und gewürdigt werden, war überfällig.

Helmut Schatz

Literatur

1. Helmut Schatz: Hilft Vitamin D bei COVID-19?
DGE-Blogbeitrag vom 18. Mai 2020

2. Helmut Schatz: Ist Vitamin D eine “Low-Hanging Fruit“ für COVID-19?
DGE-Blogbeitrag vom 19. Mai 2020

3. Helmut Schatz: COVID-19: Steuert Deutschland auf eine Katastrophe zu? Die Sterbewahrscheinlichkeit in Deutschland im Corona-Jahr 2020.
DGE-Blogbeitrag vom 8. Dezember 2020

4. Martina Lenzen-Schulte: Die Stunde der Praktiker.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Januar 2021, Natur und Wissenschaft, Seite N2

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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8 Antworten auf In der Corona-Pandemie stehen die Praktiker mit ihren Patienten an vorderster Stelle

  1. Helmut Schatz sagt:

    Zu „EXPERTENTUM FÜR PRÄSENZ OHNE PRÄZISION“ (s.o.): Deutschland hinkt in der Coronadiagnostik hinterher, berichtet Medscape heute, am 8.1.21.Einstimmig sehen (Wissenschaftler) die größte Herausforderung für unser Land darin, bessere Surveillance-Systeme aufzubauen, um neue Mutationen zeitnah zu identifizieren und deren Ausbreitung zu verfolgen.Großbritannien sequenziere 5% aller positiven Abstriche, Dänemark 12% und Deutschland 0.2%. „Wir sind in Deutschland, was die molekulare Überwachung des Coronavirus angeht, wirklich miserabel“, erklärte Prof.Hartmut Hengel, Virologe der Universität Freiburg. „Wir sequenzieren ohne repräsentative Probenerfassung auf dem Niveau eines Entwicklungslandes“. Kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie forderten Fachleute vom Gesundheitsminister Spahn, die Überwachung von Virus-Mutationen zu verbessern. Laut NDR, WDR und SZ änderte sich aber nichts – nun fehlen wichtige Daten.
    https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/sequenzierung-corona-spahn-101

  2. Reinhold Spitzer sagt:

    Eben lese ich in der heutigen Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, dass für Deutschland für die gesamten Pandemiemonate 1742 Genanalysen des Erregers vorliegen, bei den Briten waren es zuletzt weit über 100.000 – pro Woche. Nun setze auch Deutschland auf eine „verstärkte Sequenzierung“ der Virenproben.

  3. Dr. Jutta Kellner sagt:

    Endlich stehen einmal in der FAZ die Praktiker im Fokus, nicht die Virologen oder die Firmen mit ihren Medikamenten. Siehe die peinliche Kontroverse Christian Drosten – BILD-Zeitung, oder den Rummel um die Heinsberg-Studie. Chloroquin mit der Firma Surgisphere dahinter, welches auch Donald Trump erhielt, stellt sich jetzt wahrscheinlich als Flop heraus
    Wahrlich viel „Präsenz ohne Präzision“.

  4. Ein FAZ-Leser sagt:

    Peter Körte schreibt in der FAZ vom 10.1.2021 über einen „politisch tätigen Gesundheitsexperten: “ DER RUFER IN DER WÜSTE. ZWISCHEN OMNIPRÄSENZ UND OHNMACHT: KARL LAUTERBACH IN DER ENDLOSSCHLEIFE. Ich darf daraus zitieren: „Natürlich ist längst bemerkt worden, dass in jedem Propheten eine große Nervensäge steckt. Gleich neben Attila Hildmann und Heidi Klum haben die „Stuttgarter Nachrichten“ Lauterbach unter den „Nervensägen des Jahres“ plaziert. Dass der Rheinländer ein Besserwisser ist, ein Rechthaber, dem man nie etwas rechtmachen kann, ist auch bekannt“. Im Oktober 2020 hörte man von ihm den fahrlässigen Satz: „Die Unverletzbarkeit der Wohnung darf kein Argument mehr für ausbleibende Kontrollen sein“.

  5. Dr. Wey sagt:

    ein längst überfälliger Artikel der MedizinJournalistin! Der Praktiker ganz vorne arbeitet gewissenhaft mit allen Möglichkeiten der Medizin, legt Wert auf Prävention und gibt – im Idealfall nach Blutwerten und mindestens – nach langjähriger Erfahrung für das Immunsystem wichtige Stoffe wie Vitamin D, Selen, Zink, auch Vitamin C und Omega-3. Er berät zu Möglichkeiten der Infektionsbehandlung in jeder Phase einer Infektion. So und nur so kann man auch das schwerste Virus seit über 100 Jahren besser beherrschen, mit heutigem Datum keine toten Patienten, Bekannte, Freunde! Wann verstehen Virologen, Epidemiologie und Politiker, welche Bedeutung das Thema in einem langen Winter hat, der bei noch viel längerem Lockdown so viele Schäden und Dramen verursachen wird!

  6. Paracelsus sagt:

    Aber aber, lieber Herr Dr. Wey, wirklich „nur so“, mit Vit. D, C, Selen, Zink und Omega 3-Fettsäuren geht es? Da fehlen ja noch etliche NEM. M.f.p.! schrieb man früher auf so ein Rezept!

  7. Paracelsus sagt:

    Misce fiat pulvis, heißt das. Da kann man gleich nicht nur weitere NEM, sondern auch noch Metformin, Raloxifen und manches andere dazumischen, Substanzen, die auch bei COVID-19 wirksam sein sollten.

  8. Dr. S. Wey sagt:

    Der Kollege Paracelsus amüsiert sich über MultiVitamine, die ich keinesfalls empfehle, sondern vordergründig D3 > Selen > Zink, in der Regel nach Messung. Eine Pandemie ist eine Pandemie und da sind schon in der Frühphase der Infektion (vor KH-Einweisung) praktische Erfahrungen gefragt, die natürlich weit über Vitamine und Mineralien hinausgehen.

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