Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Vermehrte kardiovaskuläre Ereignisse (CVD) bei transsexuellen Personen unter Hormontherapie


Graz, 23. Februar 2019:

Am 18. Februar 2019 erschien online in der Zeitschrift Circulation (1) der Bericht über eine dänische Kohortenstudie an 2517 Transfrauen und 1358 Transmännern im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung, welche ab Beginn einer Hormontherapie 9 bzw. 8 Jahre lang kontrolliert wurden. Transfrauen hatten eine höhere adjustierte Inzidenz an Schlaganfällen und venös-thromboembolischen Ereignissen (VTE) als Frauen und Männer der Allgemeinbevölkerung, und sowohl Transfrauen als auch Transmänner ein höheres Risiko für Myokardinfarkte (MI) als die
Vergleichsfrauen. Die Transfrauen waren im Durchschnitt 30 Jahre alt und erhielten Östrogene mit oder ohne Antiandrogenen, die Transmänner  waren im Mittel 23 Jahre alt und erhielten Testosteron.

CVD-Risiko (SIR = Standardized Incidence Ratio; CI = Confidence Interval)

Endpunkt SIR (95% CI) SIR (95% CI
women as reference men as reference
Transwomen vs women and vs men
Stroke 2.42 (1.65 – 3.42) 1.80 (1.23 – 2.56)
MI 2.64 (1.81 – 3.72) 0.79 (0.54 – 1.11)
VTE 5.52 (4.36 – 6.90) 4.55 (3.59 – 5.69)
Transmen vs women and vs men
Stroke 1.72 (0.70 – 3.58) 1.46 (0.59 – 3.04
MI 3.69 (1.94 – 6.42) 1.00 (0.53 – 1.74)
VTE 0.41 (0.07 – 1.37) 0.36 (0.06 – 1.19)

Kommentar

Bei hypogonadalen / postmenopausalen Menschen diskutiert bzw. kennt man schon seit langem ein erhöhtes CV Risiko unter Hormongabe. Obwohl bei Transgender-Personen unter Hormonzufuhr hypothetisch auch ein gesteigertes  Risiko an CVD anzunehmen ist, findet man für sie kaum konkrete Daten zum Auftreten von CVD. Solche Ereignisse wurden in der vorliegenden dänischen Studie tatsächlich erhöht gefunden. Nienke Nota vom Amsterdam University Medical Center, Erstautorin der besprochenen Studie (1), meint dennoch, dass die Vorteile einer Hormongabe an Transgender-Personen die Nachteile eines erhöhten CV Risikos aufwögen. Ärzte sollten dieses Risiko durch Ratschläge zum Lebensstil und regelmäßige Überwachung von CV  Risikofaktoren wie Lipidspektrum, Glukose- und Blutdruckwerten zu reduzieren versuchen (2). Ein Nachteil der dänischen Studie ist, dass keine weiteren Mechanismen für das gesteigerte CV Risiko durch Hormongabe an Transgender-Personen geprüft werden konnten. So wurden Rauchen, psychosozialer Stress oder Ess- und Bewegungsgewohnheiten nicht untersucht. In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass nach Berichten aus den USA der unkontrollierte Internet-Bezug und die Selbstmedikation mit männnlichen oder weiblichen Hormonpräparaten von Jugendlichen, die sich zumindest partiell dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen, stark zugenommen hat.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Nienke M. Nota et al.: The occurrence of acute cardiovascular events in transgender individuals receiving hormone therapy: results from a large cohort study.
Circulation online 18 February 2019.
https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.118.038584

(2) Megan Brooks: Hormone therapy linked to CV risk during gender transition.
https://www.medscape.com/viewarticle/909322?nlid=128211¬_5…

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Abbildung: Teinehmer/in mit Transparent auf der Fahrt zum Boston Pride Day, Juni 2017 (Foto durch den Referenten, mit Genehmigung des/der Dargestellten)

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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