Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Der Arztberuf, hinterfragt von der Deutschen Medizinischen Wochenschrift


Bochum, 5. Dezember 2016:

In Verbindung mit der Abfassung des DGE-Blogbeitrags über den Hippokratischen Eid (1) fand ich in meinen Unterlagen nicht nur den bei einer Promotion in Österreich zu leistenden Eid (2), sondern auch meine Antworten auf die Fragen der Deutschen Medizinischen Wochenschrift zum Ende meiner aktiven Zeit an der Bochumer Klinik im Jahre 2003, dort abgedruckt unter der Rubrik „Lebensbilder“ (3). Wenn es auch etwas für mich sehr Persönliches und keineswegs Allgemein-Gültiges ist, so mag es den einen oder anderen Studenten oder Arzt interessieren, was ein Internist gegen Ende seiner Laufbahn gedacht hat (gekürzte Fassung).

Helmut Schatz

Literatur

(1) Helmut Schatz: Hat der Eid des Hippokrates heute noch eine Bedeutung?
DGE-Blogbeitrag vom 28.11.2016, ENDOKRINOLOGISCHES DISKUSSIONSFORUM

(2) Helmut Schatz: „Spondeo ac polliceor“ – Der Eid der Studierenden aller Fakultäten bei ihrer Promotion in Österreich.
DGE-Blogbeitrag vom 1.12.2016

(3) Lebensbilder: Helmut Schatz. Deut. Med. Wschr. 128 (2003)

 

 

LEBENSBILDER: Helmut Schatz, Bochum

DMW: Wann ist ein Arzt ein guter Arzt?
Ein guter Arzt sieht den kranken Menschen, der ihn mit seinem Leiden aufsucht, als Gesamtperson in seinem Umfeld. Er besitzt Kompetenz und Empathie, er ist „Doktor“ und „Onkel Doktor“ zugleich.

DMW: Warum haben Sie Medizin studiert?
…. Die Kombinationsmöglichkeit von Grundlagenwissenschaften und prak¬tischer Umsetzung der Erkenntnisse am Patienten, wie es insbesondere in den konservativen Fächern der Fall ist, machten für mich gerade die Innere Medizin interessant. Dennoch: Ich rate jedem jungen Menschen, der mich fragt: Eigentlich ist es nicht so wichtig, was Du studierst oder tust, sondern wie Du es tust.

DMW: Wofür arbeiten Sie?
An vorderster Stelle stand für mich als Kliniker immer der Patient, zusammen mit der Ausbildung der Studierenden und der Forschung. Über die universitären Aufgaben hinaus legen einem die Klinikmitarbeiter Verpflichtungen auf: Man muss sich stets bemühen, Vorbild sein und seine Aufgabe auch darin sehen, die Kolleginnen und Kollegen gut auszubilden und beruflich zu fördern.

DMW: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
In der christlichen Tradition aufgewachsen, hat mich als Medizinstudent der Ausspruch von Martius sehr beschäftigt, in dessen Lehrbuch der Geburtshilfe zu Beginn der Satz stand: „Wir Geburtshelfer stehen am Strome des durch die Geschlechter hindurchfließenden unsterblichen Lebens“.

DMW: Was ist Ihre größte Leidenschaft?
Schubert, Orientteppiche, Hochtouren in den Bergen, mit und ohne Schi – und Mineralien!

DMW: Wie richten Sie sich nach einer fehlgeschlagenen Therapie wieder auf?
Zunächst eine Analyse, ob größere oder entscheidende Fehler gemacht wurden oder etwas versäumt wurde. Thure von Uexküll sagte einmal, der ärztliche Beruf sei der psychisch am meisten belastende, da Ärzte mit dem höchsten Maß an Unsicherheiten leben müssten: Habe ich wirklich alles richtig gemacht? Muß man sich nach einer solchen Analyse nichts vorwerfen, hilft die Einsicht in die Beschränktheit unseres ärztlichen Handelns.

DMW: Welchen Rat geben Sie einem jungen Arzt?
Den gleichen wie angehenden Studenten: Mache das, wo Du gerade stehst und arbeitest, gut und ordentlich. Alles wird dann letztlich interessant und reizvoll und Dich befriedigen. Und vergiss nicht, der Patient kommt als Mensch zu Dir und nicht nur mit einer Körperstörung.

DMW: Welche Ziele verfolgen Sie als Klinik- und Hochschulmanager?
Der erste Satz der Betriebsordnung der 2. Medizinischen Universitätsklinik in Wien lautete: „Aufgabe der Klinik ist es, dem Patienten rasch qualifizierte Hilfe zu bringen“. Ich habe mich bemüht, diesem Anspruch gerecht zu werden und dementsprechend die Ärzte gut und auch breit auszubilden, trotz aller notwendigen Spezialisierung. Dies gilt meines Erachtens auch heute noch, bei allen in den DRG’s (diagnosis related groups) begründeten Zwängen. …..

DMW: Wie beschreiben Sie Ihren Führungsstil?
Konsequent und beharrlich, bei aller Kompromissbereitschaft – meinen Mitarbeitern vielleicht manchmal zu beharrlich! Konsens suchend, aber nicht um jeden Preis.

DMW: Was publizieren Sie in deutschsprachigen Zeitschriften und warum?
Übersichtsartikel, Stellungnahmen zu aktuellen Problemen, insbesondere auf Einladung von Schriftleitungen. Die vom Pharmakotherapieausschuss der Deutschen Diabetes Gesell¬schaft, deren Vorsitzender ich zur Zeit bin, erarbeiteten und vom Vorstand verabschiedeten Stellung-nahmen und Verlautbarungen werden immer in deutschsprachigen Zeitschriften publiziert. Also Artikel, deren Zielgruppe deutsche bzw. deutschsprachige Leser sind.

DMW: Warum besuchen Sie Fachkongresse?
Bei den großen internationalen Kongressen gehe ich immer in die „Late Breaking“-Sitzungen, wo die neuesten Studienergebnisse vorgestellt und diskutiert werden. Wichtig ist mir, nicht nur Vorträge anzuhören, sondern anschließend mit den Autoren und Fachkollegen in den Pausen die vorgetragenen Befunde zu diskutieren. Man kann diese dann in ihrer Wertigkeit besser einordnen. Oft werden sie dabei stark relativiert. Auf den Industrieausstellungen erhält man gute Informationen, und auch das Beiprogramm kann darüber hinaus recht reizvoll sein.

DMW: Wie ist Ihr Verhältnis zu Pharmafirmen?
Zwischen den Ärzten und der forschenden pharmazeutischen Industrie besteht eine natürliche Symbiose. …. Für die Medikamententestungen stellt der Arzt die ihn aufsuchenden, also „seine“ Patienten, nach Aufklärung und deren Einwilligung den pharmazeutischen Firmen zur Verfügung. Alle Studien sind vorab öffentlich bekanntzugeben. Sämtliche erhobenen Daten, auch negative, müssen dann publiziert werden. Dies haben erfreulicherweise die Chefherausgeber der führenden Medizinzeitschriften kürzlich so festgelegt, sollte eine Studie in deren Journalen zur Publikation eingereicht werden. Es erscheint mir wichtig, dass die Positionen der Firmen und der Ärzte klar im Bewusstsein sind. Dann wird das Miteinander von Pharmaindustrie und Ärzteschaft harmonisch bleiben.

DMW: Was bedeutet Ihnen öffentliches Ansehen?
Natürlich freut es einen, wenn man mit seiner Klinik in Presse oder Fernsehen positiv Erwähnung findet. Fast mehr aber freut es mich, wenn ich z. B. im Supermarkt von jemandem erkannt und auf eine erfolgreiche Krankenhausbehandlung vor etlichen Jahren angesprochen werde, oder wenn nach einem Fortbildungsvortrag in irgendeiner Ecke Deutschlands ein Teilnehmer zu mir kommt und mir sagt, dass er – oft schon vor Jahrzehnten – als Student gerne meine Vorlesung besucht hätte oder gar bei mir Doktorand gewesen sei ….

DMW: Welchen Wunsch wollen Sie sich erfüllen?
Ich habe keine großen, unerfüllten Wünsche für meine Person, vielleicht, weil ich doch zu-meist auf dem Boden des Realisierbaren geblieben bin. Aber: Meinen Kindern und meinen Schülern mögen ihre Vorstellungen und Erwartungen erfüllt werden – darüber würde ich mich freuen.

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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2 Antworten auf Der Arztberuf, hinterfragt von der Deutschen Medizinischen Wochenschrift

  1. Martin Reincke sagt:

    Lieber Helmut, Glückwunsch zu 53 Jahren erfüllter ärztliche Tätigkeit. In Ergänzung zu Deinen gelungenen Ausführungen in der DMW 2003: Adolf Kussmaul hat im 19. Jahrhundert die Eigenschaften guter ärztlicher Tätigkeit folgendermaßen definiert:
    „Klar denken, warm fühlen, ruhig handeln.“
    Somit Kognitive Eigenschaften und Wissen, Empathie, und Urteilskraft machen die gute Ärztin/den guten Arzt aus. Nach meinem Wissen ist es die knappste und griffigste Definition.
    Martin Reincke

  2. Nena Ohnehilf sagt:

    Lieber Herr Schatz, die Erinnerung an den hippokratischen Eid kommt leider zu spät. Ihre deutschen Kollegen haben sich davon bereits verabschiedet. Schöne Grüße zum Weihnachtsfest, Nena Ohnehelf

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