Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

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Der Hinduismus


Zum Weihnachtsfest 2022

Wien und Bochum, am 15. Dezember 2022

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Klaus Ehrenberger, Wien: Meine Begegnungen mit dem Hinduismus

Der Hinduismus ist die drittgrösste Religionsgemeinschaft nach Christentum und Islam und umfasst mehr als eine Milliarde Mitglieder. Trotz seiner Grösse blieb der Hinduismus weitgehend eine Regionalreligion, da nur Inder, die im Schutzraum einer Kaste geboren werden, dem Hinduismus angehören können, und das Kastenwesen eben ein Spezifikum Indiens ist. Man kann nicht zum Hinduismus konvertieren .
Meine erste persönliche Begegnung mit dem Hinduismus verdanke ich einem Patienten aus Indien vor gut 30 Jahren. Er erkannte meine Anspannung vor einem Berg beruflicher Probleme und versprach Hilfe: eine ansehnliche silbrige Figur des gütigen indischen Elefantengottes Ganesha, die er mir überließ, würde den gordischen Knoten lösen und mich weiterhin beschützen. Der Elefant hielt Wort (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Der Elefantengott Ganesha (www.dollsofindia.com)

Auf beruflichen Indienreisen hatte ich weitere Schlüsselerlebnisse:

– Das morgendlichen Ritual einer Pharmafirma, deren Belegschaft im firmeneigenen Hindutempel täglich eine regionale Gottheit um Unterstützung für einen erfolgreichen Arbeitstag bittet.

– Heilige Kühe, die unbehelligt durch den Massenverkehr trotteten.

– Ein Firmenchef, der sich als Brahmane, also Mitglied der höchsten aller Kasten outete, die angehalten ist, zeitlebens Vegetarier zu sein.

– Die Flucht vor einer drohenden Wiedergeburt durch rituelle Bäder im Ganges, wie ich sie in Allalabad und Varanasi (Benares) verfolgen konnte.

Einen vertieften Einblick in die Vorstellungswelt des Hinduismus bot mir ein anschliessendes Literaturstudium.

Der Hinduismus ist keine einheitliche Religion, sondern ein Religionskomplex, der im Laufe von 3.500 Jahren ohne nachweisbare Religionsgründer gewachsen ist. Die Zeitrechnung beginnt mit der Einwanderung der Arier in den indischen Subkontinent und wurde fortan begleitet von den Niederschriften der Veda, die Einblick geben in die Zeitverläufe der Religionsbildung. Ausgehend von der alten indo-iranischen Götterwelt mit der Urmutter Aditi und ihren Söhnen differenzierten sich die Vorstellungen der Hindi in eine Unzahl unterschiedlicher Glaubensrichtungen und Verhaltensweisen.

Allerdings gibt es übergreifende Gemeinsamkeiten:

Das oberste geistige und religiöse Prinzip ist das Brahman. Diese höchste indische Gottesvorstellung ist transzendent und Ursprung des Universums und des Seins.

Die drei Hauptgötter der indischen Mythologie Brahma, Vishnu und Shiva sind vorstellbar und bilden die göttliche Dreiheit, das Trimuti  (Abbildung 2: Die drei Hauptgötter mit ihren Frauen)

Abbildung 2: Trimurti, die göttliche Dreiheit (v.l.: Brahma mit 4 Gesichtern, Vishnu, Shiva, mit ihren Frauen)
Hoysaleswara Tempel,  Andhra Pradesh

Brahma hat das Universum erschaffen, also die Idee Brahmans umgesetzt, und mit seiner Frau Sarasvati die menschliche Rasse geboren. Vishnu, der friedliebende Gott ist Erhalter der Welt und erscheint in zahlreichen Inkarnationen, wie z.B. Rama, Krishna (der Gott mit der blauen Haut) und Buddha. Shiva, einer der mächtigsten Götter, repräsentiert Tod, Zerfall und Zerstörung der Welt. Doch dann erschafft Brahma die Welt erneut und der ewige Kreislauf beginnt von vorn. Die Zerstörung macht den Weg frei für eine neue Schöpfung. Shiva ist mit seinen zahlreichen Inkarnationen der zentralste hinduistische Gott. Er ist auch Vater „meines“ Elefantengottes.

Die zahlreichen Inkarnationen von Vishnu und Shiva bringen immer neue Götter hervor, die teilweise nur noch regional bis familiär verehrt werden. Göttinnen wie Durga, Kali, Sarasvati haben eine weite Palette heller und dunkler Eigenschaften, die sie teils lieben, teils fürchten lassen.

Schliesslich sind noch heilige Tiere im Hinduismus Normalität. Kuh, Elefant, Ratte, Schlange, Affe und Königstiger sind einem der Götter zugeordnet und werden regional unterschiedlich verehrt.

Aussenstehenden erscheint der Hinduismus als polytheistische Religion. In Indien sieht man dagegen die göttliche Vielfalt als Ausdruck eines einzigen übernatürlichen Wesens, des Brahman, der heiligen Kraft. Jeder Hindu sollte dem Darma folgen, d.h. Recht, Pflicht und Ordnung einhalten, wie es seinem Platz in Welt und Gesellschaft entspricht. Den Platz in der Gesellschaft ordnet das Kastensystem, das Karma der Seele ist eine individuelle Lebensaufgabe. Ist die Seele beschmutzt durch Verletzung des Darma, droht die Reinkarnation, die es zu vermeiden gilt. Rituelle Bäder im Ganges reinigen die Seelen.

Weder der Islam der Mogulzeit, noch das Christentum der Britischen Besatzung konnten dem uralten Hinduismus Entscheidendes anhaben. Die moderne indische Demokratie und der rasante Fortschritt der Zivilisation lockern sicherlich manch starre Grenzen, aber im Grunde bleibt der Hinduismus was er war und was er ist:  die stabile geistige Richtschnur eines vitalen Milliardenvolkes.

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Helmut Schatz, Bochum: Erlebnisse in Indien

Als Blogverantwortlicher der DGE möchte auch ich einige persönliche Begegnungen mit Hindus schildern:

Nach dem 9. Kongress der International Diabetes Federation (IDF) in Neu-Delhi 1976, dessen Tagungspräsident Professor Bajaj , ein Sikh war (im DGE-Weihnachtsblog 2019 über den Sikhismus abgebildet), traf ich beim Morgenspaziergang am Sandstrand der Arabischen See in Bombay/Mumbai einen der damaligen 8 Vizepräsidenten der IDF, der mich in sein am Meer gelegenes Privathaus einlud. In dessen Wohnraum befand sich ein grössere Nische mit einem reich ausgestatteten Dort wurde zuerst gebetet, bevor wir das – bei Brahmanen obligatorisch  vegetarische – Frühstück einnahmen.

Bei einem späteren Indienaufenthalt besuchte ich das Kranken- und Sterbehaus, das die spätere Friedensnobelpreisträgerin 1979, Mutter Teresa,  in einem leerstehenden Kali-Tempel in Kalkutta/Kolkata eingerichtet hatte. Im Hof davor sah ich, wie gerade ein Tier geopfert wurde: man verbrannte eine Katze.

Als ich später als Gastprofessor am King George´s Hospital der heutigen University of Lucknow in Uttar Pradesh tätig war, lud eine Kollegin zu sich in ihre Wohnung ein und während eines langen Gesprächs unter den Gästen über die Kasten – sie gehörte der 3. Kaste an –sagte sie zu mir: „We all have a very strong feeling for the casts“.

Wieder ein andermal nahm mich der damals bei mir in Deutschland tätige Forschungsstipendiat der Alexander-von- Humboldt-Stiftung  zu seiner Familie in Kalkutta mit. Sein Vater war Brahmane und lebte in einer äußerst bescheidenen Hütte in Kalkutta, wie viele dieser obersten Kaste, im Unterschied zu den oft recht prunkvollen Wohnungen der viel reicheren Angehörigen unterer Kasten.  Der Vater saß in der Mitte mir gegenüber, und rundherum seine Söhne. Es sprach ausschließlich der Vater. Auf eine direkt an den Stipendiaten gerichtete Frage von mir schwieg dieser und der Vater antwortete. Das Essen wurde von den Frauen erst nach den Männern, abseits von ihnen sitzend eingenommen.

Schließlich sah ich in Varanasi/Benares nach dem Besuch der Medizinischen Fakultät der Banaras Hindu University die Pilgerscharen, die über weite Strecken aus ganz Indien an den Ganges zur spirituellen Reinigung durch Baden im heiligen Wasser des Flusses Das Wasser des heiligen Flusses – aus hygienischer Sicht völlig ungenießbar – wurde auch getrunken. Angehörige trugen ihre Todkranken auf den Schultern in die dortigen Sterbehäuser; nach ihrem Tod und Verbrennung wurde die Asche in den heiligen Fluß gestreut.

Die heiligen Kühe dürfen in Indien praktisch alles machen. Ich sah sie, auch im dichtesten Verkehr, friedlich wiederkäuend mitten auf der Straße liegen. Kein Hindu isst das Fleisch von heiligen Kühen.

Viele Deutsche essen auch heute kein Pferdefleisch – warum?  Das Pferd war das heilige Tier der Germanen. Für sie war Pferdefleisch das edelste und beste und wurde bei Opferzeremonien gegessen. Im Jahre 732 verbot daher Papst Gregor III. im Zuge der Christianisierung zur Unterdrückung heidnischer Opferrituale den Verzehr von Pferdefleisch. Die meisten Deutschen sehen das freilich nicht so. Sie sagen, sie würden es „wegen des eigenartigen Geschmacks“ nicht essen.  Ein echter Rheinischer Sauerbraten muß jedoch – nach französischer Tradition – mit Pferdefleisch zubereitet sein. Und während einer Tätigkeit als Endokrinologe im Rahmen des deutschen Senior Expert Service (SES) in Astana/Nursultan in Kasachstan wurde mir bei der Einladung des Klinikinhabers, eines  muslimischen Oligarchen in sein Privathaus als höchste Delikatesse Pferdefleisch serviert, das von verschiedenen Körperteilen dreier Tieren stammte, traditionell arrangiert auf einer großen Porzellanplatte. Mir schmeckte es ausgezeichnet.

Bei uns in Deutschland und Österreich kommen zum Weihnachtsfest die polnische Gans, der böhmische Weihnachtskarpfen oder das Wiener Schnitzel auf den Tisch.

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Ein frohes Weihnachtsfest 2022!

Klaus Ehrenberger, Wien
Helmut Schatz, Bochum

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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8 Antworten auf Der Hinduismus

  1. Jörg Gromoll sagt:

    Lieber Herr Ehrenberger, lieber Helmut,

    Ich freue mich jedes Jahr wieder auf die informativen und lehrreichen Weihnachtegeschichten zu den Religionen dieser Welt.

    Vielen Dank für die auch in diesem Jahr wieder tollen wissenschaftlichen und auch amüsanten Blogs!

    Frohe Weihnachten und alles Gute für das Jahr 2023

    Jörg Gromoll

  2. Helmut Schatz sagt:

    Danke, lieber Jörg, für Dein Lob! Wir schreiben diese Beiträge sehr gerne. Dir alles Gute! Helmut

  3. W. Rosenberg sagt:

    Danke für den tollen und interessanten Blog, wusste gar nicht, dass es so viele interessante Sachen über den Hinduismus gibt.

  4. K.H. sagt:

      …Mich erstaunt, welche Vielzahl von Göttern im Laufe des menschlichen Daseins verehrt oder angebetet wurden. Die Religionen haben sich wohl sehr stark von den nicht erklärbaren Ereignissen und Erscheinungen der Natur abgeleitet. Später dann haben sich Machtstrukturen von Eliten entwickelt, die Einfluss auf Volksgemeinschaften ausübten. Weltweit infolge mangelnder Kommunikation unterschiedlich. So verschieden erwuchsen auch die Kultstätten, im Glauben ihrem Gott zu dienen. Das geschah sehr stark durch Einfluss und Verführung des Volkes durch die Herrschenden, denen es gelang, sich selbst als Gott oder auch Stellvertreter darzustellen. …. Wie dem auch sei, dass Kastenwesen der Hindus ist noch tiefverwurzelt, für uns fremd, aber es funktioniert noch.

  5. K.H. sagt:

    ….Bei diesem Thema fällt mir- in der Jugend mit Begeisterung gelesen- die Mythologie der griechischen Götter ein. Da sitzt der alte Zeus hoch oben auf dem Thron und seine Vielzahl Götter, wunderbar der Natur und den menschlichen Eigenschaften zugeordnet, treiben ihren Schabernack mit den Menschen. Herrlich.

  6. Mag.pharm. E. Junger. sagt:

    Soweit ich informiert bin, produziert das „vitale Milliardenvolk“ Indien weit mehr als die Hälfte aller weltweit verwendeten Impfstoffe und die Wirksubstanzen sehr vieler Medikamente wird in Indien hergestellt und vielfach auch entwickelt. Diese werden dann nach galenischer Aufbereitung unter einem Handelsnamen von Fimen aus Deutschland, Österreich und anderen Ländern der Welt vertrieben.

  7. Helmut Schatz sagt:

    Aus einer Mailantwort eines Lesers an mich : “ ……Egal ob Ihr gläubig seid oder nicht, bedenkt, dass Christus auch ein Philosoph war, der dem Hass zum ersten Mal den Kampf angesagt hat – in einer Zeit, in der die Blutrache und das Prinzip ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn – ein soziales Gebot war. Wehe dem, der sich nicht daran hielt. Was dann die Christen darauf gemacht haben, kann man Jesus nicht anhängen, z. B. Sklaverei und Verbrechen gegen die Menschlichkeit…..“

  8. Helmut Schatz sagt:

    Am 1. Weihnachtstag 2022 erschien in der WELT AM SONNTAG ein Artikel „Die Geschwister Jesu“.Vor 2000 Jahren habe der Geschichtsschreiber Flavus Josephus berichtet, dass ein „gewisser Jacobus zum Tode verurteilt wurde, ein Bruder des Jesus, der Christus genannt wird“. Der Freiburger Kath. Theolog.-Prof. Lorenz Oberlinner zeigte in einem Kommentar zum Markusevangelium eines Fakultätskollegen eine Stelle,dass die „Namen von 4 leibl. Brüdern und die Existenz von leibl. Schwestern Jesu historisch bezeugt“seien. In der Neuauflage sei dieses Passus auf Druck aus Rom verschwunden. Im Markusevangelium gebe es viele Hinweise auf Geschwister von Jesus. Dies sieht Julia Knop, Prof.für Dogmatik ebenso, und hinterfragt somit auch die Jungfräulichkeit Mariä. Nach dem Dogmatiker Menke aus Bonn würde der Papst diese Thesen im Katechismus aber keineswegs ändern.“Wer als Gläubiger von der Existenz von Geschwistern Jesu überzeugt sei, dem wird niemand die Zugehörigkeit zur Kirche absprechen,…

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