Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

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Die „Achsenzeit“ der Menschheitsgeschichte von 800 bis 200 v. Chr.


Zum Weihnachtsfest 2023

Klaus Ehrenberger, Wien und Helmut Schatz, Bochum, 15. Dezember 2023:

Traditionell blickt die DGE zu Weihnachten über den christlichen Tellerrand hinaus auf nichtchristliche Religionen und Weltanschauungen.  Im Jahre 2023 soll es eine Darstellung der Zeit sein, in der es zu einem Umbruch in der in der Geschichte der Menschheit kam , der „Achsenzeit“. Der deutsche Psychiater und Philosoph Karl Jaspers (1883 – 1969) prägte diesen Ausdruck in seinen 1949 erschienen Buch „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“. Um das sechste vorchristliche Jahrhundert (von etwa -800 bis -200 v.Chr.) kam es zu einer Wende in der Menschheitsgeschichte. Unabhängig voneinander traten in den unterschiedlichsten Weltteilen Persönlichkeiten aus dem Schatten der Vorzeit. Es waren die ersten Philosophen und Begründer von Religionen der Menschheitsgeschichte, deren Lehren Jahrtausende bis heute überdauert haben.

Ähnliche Gedanken über diese Zeitperiode äusserte schon der französische Orientalist  Hyacinthe  Anquetil-Duperron (1731-1805). Während seiner Studienjahre in Indien schrieb er: „In diesem Jahrhundert …. ereignete sich in der Natur eine Art Revolution, die in mehreren Teilen der Erde Genies hervorbrachte, die dem Universum den Ton angeben sollten“. Anquetil-Duperron wurde zu einem leidenschaftlichen Gegner von Eurozentrismus, Sklavenhandel und Kolonialismus, lehnte jede Hierarchie unter den Völkern ab und sah alle Kulturen als gleichwertig an. Ebenso äusserte ich auch Karl Jaspers nach dem Zusammenbruch des 2. Weltkriegs in einem im Jahre 1946 gehaltenen Vortrag: „Vorbei ist der europäische Hochmut, ist die Selbstsicherheit, aus der einst die Geschichte des Abendlandes die Weltgeschichte hieß, fremde Kulturen in Museen für Völkerkunde gebracht, als Gegenstand der Ausbeutung und Neugier angesehen wurden“.

Klaus Ehrenberger und der Referent (H.S.) besuchten in den 1950-er Jahren gemeinsam in Graz das Gymnasium. Im Geschichtsunterricht wurde das Buch von Karl Jaspers schon damals besprochen und uns zu Lektüre empfohlen.  Jaspers´  These fand in der Folgezeit aber nur geringen Widerhall, es gab auch Kritik: man bemängelte, dass der Pharao Echnaton, Jesus und Mohammed keine oder nicht gebührende Berücksichtigung gefunden hätten.  Erst ab 1970 wurde die Jasper´sche Idee von einer „Achsenzeit der Weltgeschichte“ zu einem festen Begriff.

Helmut Schatz, Bochum

***

Die Achsenzeit

Zeitzonen strukturieren unser Geschichtsbild. Steinzeit, Bronzezeit, Hallstattzeit, und auch die Eiszeiten sind wohldefinierte Abschnitte , beruhend auf der genauen Datierung materieller Artefakte.  Der von Karl Jaspers 1949 in die wissenschaftliche Diskussion eingebrachte Begriff der „Achsenzeit“ umschließt einen übersichtlichen Zeitraum der gleichzeitigen bzw. zeitnahen Entstehung eines vielschichtigen, einzigartigen, immateriellen „Weltkulturerbes“ von ungeheurer geistiger Tragweite.

Unabhängig voneinander bildeten sich in Persien, Indien,  China und im Vorderen Orient im ersten Jahrtausend v.Ch. – um die zentrale Achse von 500 v.Ch. – religiöse und philosophische Lehren heraus, die schließlich das moderne Menschenbild formten.

Der Prozess der geistigen Neuentwicklung begann mit Zarathustra  in Persien (Zoroastrismus).. Er vertrat als erster einen Monotheismus, der im Vorderen Orient weite Verbreitung fand trotz seiner, oder vielleicht gerade wegen seiner Sittenstrenge. Diese Religion war später dem Ansturm des Islam nicht gewachsen und schrumpfte zu einer Glaubensgemeinschaft von aktuell ca. 100.000 Parsen, die heutzutage zumeist in Indien leben und wegen ihrer Ehrlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Bildung  hoch angesehen sind.

Im indischen Denken vollzog sich in der Achsenzeit eine Abkehr von den mythischen Göttergestalten der alten Veden bis zu einem durchstrukturierten Hinduismus mit einer Belohnung des Guten und einer Bestrafung des Bösen. Jeder einzelne Hindu ist angehalten das Böse zu vermeiden, sonst droht nach dem Leben eine Wiedergeburt und das erhoffte Nirwana, der Zustand absoluter Bindungslosigkeit, schwindet dahin. Nur heilige Bäder im Ganges können dieses Schicksal wenden.

Buddha löste sich früh vom erwachenden Hinduismus. Er suchte diese Bindungslosigkeit bereits auf Erden mit Hilfe der Meditation, einer Idee, die in zahllosen Buddhistischen Klöstern Ostasiens und in kleineren Meditationszirkeln rund um die Welt nach wie vor gelebt wird.

Auch die Entwicklung des Daoismus und des Konfuzianismus in China fällt in die Achsenzeit. Während ersterer ein Lehrbeispiel ist wie man ein selbständiges Denken allmählich formt, ist Konfuzius in seiner Lehre praxisorientierter bei der Ausbildung von Lehrsätzen für die Organisation friedlicher Gemeinschaften. Beide philosophischen Strömungen sind auch noch nach Jahrtausenden aktuell.

Die jüdischen Propheten waren zur Achsenzeit wohl die Wirkungsmächtigsten. Sie formten die jüdischen Stämme zur Einheit des auserwählten Volkes und setzten die Samen für die nachfolgenden größten Religionsgemeinschaften: für das Christentum und den Islam. Die Propheten kündeten den Messias an.  Für Christen ist der Messias mit Jesus bereits gekommen und sie feiern seine Geburt jährlich mit dem weihnachtlichen Lichterfest. Der Prophet Mose war für den spätberufenen Propheten Mohammed im Islam Vorbild und Bezugspunkt, wie zahlreiche Suren des Koran bezeugen.

Im Nebel altgriechisch-archaischer Zeiten spielten die vorwitzigen Götter in den Homerischen Epen mit wehrlosen Menschen Katz und Maus. Bis plötzlich – zur Achsenzeit – wie aus dem Nichts die Jonischen Naturphilosophen das menschliche Recht auf Selbstbestimmung dem Treiben der Götter entgegenhielten. Heraklit postulierte, dass es allen Menschen zuteil sei, sich selbst zu erkennen und verständig zu handeln. Es war die Geburtsstunde eines Individualismus, der heutzutage aktueller denn je ist und sich bis zum Narzissmus steigern kann.

In allen Winkeln der Erde lebt das Gedankengut der Achsenzeit weiter. Trotz aller Nachforschungen gibt es bis heute keine rationale Erklärung für die Gleichzeitigkeit des Auftretens der Phänomene der Achsenzeit in den beschriebenen disparaten Regionen. Als hätte sich der Schriftzug über dem Eingang zum Apollotempel in Delphi plötzlich wundersam über die Erde ausgebreitet:

Gnothi Seauton  –  Erkenne Dich selbst !

Klaus Ehrenberger, Wien

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Symbole der Religionen und Weltanschauungen der Achsenzeit

Frohe Weihnachten 2023!

Klaus Ehrenberger, Wien
Helmut Schatz, Bochum

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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5 Antworten auf Die „Achsenzeit“ der Menschheitsgeschichte von 800 bis 200 v. Chr.

  1. Jörg Gromoll sagt:

    Wie jedes Jahr-informativ und lehrreich in vielerlei Hinsicht!

    Danke Helmut und Klaus!

    Euch eine schöne Weihnachtszeit und ein gutes Neues Jahr 2024 und vielen Dank für die tollen Blogs!

  2. Helmut Schatz sagt:

    Lieber Jörg, danke für Deine anerkennenden Worte! Sie ermutigen, so weiterzumachen, sollte es unser fortgeschrittenes Alter gestatten. Dir, lieber J244örg, auch schöne Feiertage! Helmut

  3. Ulf Friederichs sagt:

    Schon der Pharao Echnaton (1353 – 1335 v.Chr. wollte einen Monotheismus in Ägpten einführen. Sein Scheitern ist bekannt. Das war Jahrhunderte vor der „Achsenzeit“ von Jaspers. Insofern ist die im Blog erwähnte Kritik an seinem Buch nicht ganz berechtigt, wenn er auch hätte zumindest kurz erwähnt werden können. Und, streng genommen, sind die heutigen Christen „Paulinisten“, denn ohne den Apostel Paulus wäre Jesus möglicherweise vergessen.

  4. Ein mit dem Referenten befreundeter Leser sagt:

    Ein Leser mailt mir folgenden Kommentar, den ich mit seiner Einwilligung hier auszugsweise wiedergeben darf:
    „…Ich glaube, dass Millionen Menschen überall so denken…Der “ liebe Gott“, wie ihn die Leute nennen, ist mir schon lange abhanden gekommen…Obwohl ich gerne Benediktinerschüler war, kann ich damit nichts mehr anfangen… Ein mir bekannter Benediktiberpater versteht das und hat gesagt, „Glauben“ ist eine „Gnade“, die nicht alle haben (müssen) und die zwanghaften Missionierungen seien Gott (!)sei Dank vorbei.Dementsprechend ist mir die Sicht Herakliths die einzige, die ich nachvollziehen kann – panta rhei! Ich glaube, dass der liebe Gott eine Projektion der Menschen ist, die nicht ertragen können, dass wir zufällig (evolutionsgemäß) auf der Welt sind und dass mit dem Tod alles zu Ende ist, aber die meisten vorher vergessen haben, wirklich zu leben! Aber so ist es meiner Meinung nach und was die Religionen sonst in der Welt machen, kann man aktuell gut (?)…

  5. Helmut Schatz sagt:

    Der o.z. Ausspruch des Benediktinerpaters, Professor für AT, über Gnade und Glaube fußt auf Hebräer 13.7

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