Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Die Generation Y


ENDOKRINOLOGISCHES DISKUSSIONSFORUM

Bochum, 23. März 2018:

Bei einer Vorstandssitzung der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) wurde vor einiger Zeit über die „Generation Y“ diskutiert. Beim anschließenden Abendessen in der Lübecker „Schiffergesellschaft“ – oder war es nach einer Sitzung in Berlin? – bat ich Frau Dr. rer. net. Stephanie Fliedner, Angehörige dieser Generation und damals als Sprecherin einer Gruppierung junger Endokrinologen (YARE, s. u.) mit im DGE-Vorstand, einen Artikel darüber zu verfassen. Während des diesjährigen Endokrinologiekongresses in Bonn sagte sie mir zu, ihren damals verfassten, aber nicht zur Publikation eingereichten Beitrag – aus Sicht einige Jahre danach – etwas zu überarbeiten und im DGE-Blog zum Posten zu geben.

Dieser Beitrag soll im ENDOKRINOLOGISCHEN DISKUSSIONSFORUM erscheinen, da er eine Situation anspricht, die wir wohl alle kennen. Ich bin gespannt auf Ihre Kommentare,  über Ihre eigene Beobachtungen und Einschätzungen!

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Generation Y in Forschung und Medizin. Why not?

Wer zwischen Anfang der 1980er und 2000er Jahre geboren wurde, wird der Generation Y (why, warum) zugerechnet. Ihrem Ruf zufolge sind die Angehörigen dieser Generation selbstüberzeugte Leistungsverweigerer, die alles hinterfragen und ohne großen Aufwand eine steile Karriere erwarten. Häufig werden sie auch als Generation “Weichei” betitelt.

In Kliniken und Laboren wundern sich die älteren Kollegen häufig über die ihnen fremden Ansichten der jüngeren Kollegen. In einem Artikel der Zeit („Zeit“ vom 5.12.15: “Ich operier’ dann morgen weiter”) wurde das Klischee plakativ aufgegriffen mit einem Bericht über einen jungen Arzt, der bei laufender OP den bisher gehaltenen Haken an einen Kollegen abgibt, und verschwindet, weil er Feierabend hatte. Ähnliches habe ich auch selbst im Labor erlebt. Beispielsweise als ein medizinischer Doktorand, der seit ca. einem Jahr in Teilzeit experimentierte meinte, es aufgrund seiner umfangreichen Laborerfahrung nicht nötig zu haben, Ratschläge oder Anweisungen anzunehmen. Ein anders Beispiel ist die medizinische Doktorandin, die mit den Worten „Also Mathe kann ich nicht“ die Berechnung zur Verdünnung eines Medikaments auf den optimalen Wirkbereich verweigerte.

Dies sind natürlich die „Speerspitzen“, die die gesamte Altersgruppe nicht zureichend beschreiben können. Ich beobachte gleichaltrige und jüngere Kollegen, die sich dauerhaft unter Stress fühlen. Sie sind “jederzeit erreichbar” mit Mobiltelefonen aufgewachsen, müssen sich ständig mit dem Wust an Informationen und Möglichkeiten auseinandersetzen, der für sie von Kindheit an verfügbar war. Ständig werden sie zum Beispiel mit den Highlights im Leben ihrer Bekannten in den sozialen Netzwerken konfrontiert. Ein Artikel im Zeitmagazin Online “Generation Y – Hoffnungslose Optimisten” bringt das so auf den Punkt: “Auf unseren unzähligen Social-Media-Kanälen bekommen wir den Eindruck, dass mindestens hundert der vierhundert Freunde sogar noch besonderer sind, als wir selbst” (Yulian Ide, 1.1.2015). “Ihr Problem sind nicht die Grenzen, sondern es ist die Grenzenlosigkeit” heißt es in der ZEIT 11/13: “Generation Y – Wollen die auch arbeiten?”.

Es ist die Generation der kaum begrenzten Möglichkeiten, in der ein massiver Umbruch auch in Hinblick auf soziale Normen stattgefunden hat: gleichgeschlechtliche Ehen sind normal und sogar in offiziellen Dokumenten kann zwischen drei Geschlechtszugehörigkeiten gewählt werden. Das sind natürlich erfreuliche Freiheiten, doch ist es da nicht verständlich, dass das Wort “Nein” in der jungen Erwachsenenriege eine große Rolle spielt? Denn in einer Welt mit allen Freiheiten ist eine Priorisierung, Abgrenzung und Fokussierung vielleicht notwendig, um sich nicht zu verlieren. Ganz nach dem Kurt Tucholsky zugeschriebenen Bonmot “Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein”. Das schlägt sich möglicherweise zwangsläufig auch auf die Arbeit nieder.

Die jungen Mitarbeiter in Kliniken und Laboren stoßen häufig auf Unverständnis, wenn sie ihrem Wunsch nach Work-Life-Balance Ausdruck verleihen. Das Gegenüber sind meist ältere Kollegen und Vorgesetzte, die sich nach eigenen Aussagen unter kaum tragbaren Bedingungen bewähren mussten. Diese “Veteranen” der harten Schule sind mit Recht stolz auf ihren Erfolg trotz schwierigster Bedingungen.

Ist es aber in Anbetracht der Entbehrungen, die viele der älteren Kollegen in Kauf genommen haben, nicht angebracht, kritisch zu fragen, ob vielleicht auch anders eine optimale Patientenversorgung und Forschungserfolge erreicht werden können? Gibt es wirklich keine Alternative, beruflich viel zu leisten und erreichen und trotzdem ein “Leben neben dem Job” zu pflegen? Viele Angehörige der Generation Y konnten an ihren Eltern Überlastung im Beruf und sogar “burn-out”, der als Damoklesschwert über jedem beruflich Erfolgreichen zu schweben scheint, beobachten. Der Zensus besagt zudem, dass Generation Y zur Zeit der bis dahin höchsten Scheidungsraten aufgewachsen ist (1985 36%, 1995 40%, 2001 51%).  Darüber hinaus sieht Generation Y, dass bei vielen ältere Kollegen in höheren Positionen, insbesondere den weiblichen, das Privatleben zurückstecken musste. Die wenigen Frauen in höheren Positionen in Klinik und Forschung haben selten Kinder. Die Männer sind oft ledig, geschieden oder leben in zweiter Ehe. Ob dies nun in direktem Zusammenhang steht mit einer Normalität von 36h Schichten in der Klinik und etlichen Überstunden, die noch vor wenigen Jahren laut Erzählungen zum Alltag gehörten, sei dahingestellt. Trotzdem sollte doch ein Wunsch nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf gerade denen einleuchten, die darauf verzichtet haben. Junge Männer, denen möglicherweise ihr Vater gefehlt hat, möchten sich heute vielfach aktiv an der Kindererziehung beteiligen, nehmen Elternzeit oder reduzieren ihre Stundenzahl. Glücklicherweise hat das auch die Politik erreicht und inzwischen wird dies gesetzlich zugestanden. In Anbetracht der niedrigen Geburtenrate in Deutschland, speziell unter Akademikern, sollte doch ein gesellschaftlicher Wandel gewünscht sein. Die erfolgreiche Weiterführung der Karriere nach der Familiengründung sollte auch für Frauen selbstverständlich möglich sein. Natürlich erfordert das Teilzeitregelungen, flexible Arbeitszeiten und gute Kinderbetreuungs-Möglichkeiten. Die Alternative ist der Verlust exzellenter Mitarbeiterinnen, die sich aufgrund der schwierigen Vereinbarkeit von Kindern und Karriere oder der oft empfundenen Stagnation der Karriere gegen die Arbeit in der Klinik oder Forschung entscheiden. Das könnte in Zeiten, in denen die Medizin-Studierenden zu deutlich mehr als der Hälfte weiblich sind, zu erheblichen Engpässen in der Patientenversorgung führen. Laut Spiegel online vom 26.7.17 nimmt im Bundesschnitt die Geburtenrate bei Akademikerinnen seit 2015 leicht zu. Vielleicht ist dies eine erste erfreuliche Konsequenzen der Priorisierung von persönlicher Verwirklichung der Generation Y.

Als positives Beispiel möchte ich eine Gruppe zielorientierter, motivierter, vielseitig interessierter und gut informierter junger Menschen anbringen. Die Mitglieder der jungen Endokrinologen (YARE – Young Active Research in Endocrinology), einer Arbeitsgemeinschaft der DGE, die vor allem der Generation Y angehören, ist besonders ein gemeinsames Vorankommen in Forschung und Patientenversorgung wichtig. Sie treffen sich jedes Jahr für ein Wochenende, um Ergebnisse auszutauschen, die oft nach Feierabend, wochenends und feiertags erarbeitet wurden. Das Ziel ist, statt Konkurrenz eine Kultur von Zusammenarbeit und gemeinsamer Entwicklung zu stärken. Die Überzeugung einiger älterer Kollegen “ein Vorsprung lässt sich nur erzielen, wenn man mehr Zeit in die Arbeit investiert als seine brillianten Kollegen” scheint sich zu wandeln. Es geht darum, mit vereinten Kräften – im Team – mehr zu erreichen als es jedem alleine möglich wäre. Positiver Nebeneffekt könnte mehr Freiraum für Privatleben und Familie sein.

Die Auseinandersetzung mit den oben beschriebenen, Klischee-konformen Doktoranden ist unerfreulich und Kräfte zehrend. Trotzdem wünsche ich den „Millenials“, wie die Generation Y auch genannt wird, viel Erfolg damit, ein neues, hoffentlich menschenfreundlicheres Modell in Forschung und Medizin zu etablieren.

Dr. rer. nat. Stephanie Fliedner
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Lübeck
Medizinische Klinik I, Forschungslabor für neuroendokrine Onkologie
Center of Brain,  Behavior and Metabolism
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck

Alle DGE-Mitglieder und Leser werden um rege Diskussionsbeiträge gebeten!

Publiziert am von Dr. Stephanie Fliedner
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12 Antworten auf Die Generation Y

  1. Hartmut Klingsbeil sagt:

    Der YARE ist es zu verdanken, dass insbesondere seit dem Würzburger Kongress ein frischer, jugendlicher Wind auf den DGE-Kongressen weht. Vielen Dank ihren engagierten MitgliederInnen! Nur: ob man „im Team mehr erreicht als allein“, bezweifle ich. Das mag für die Ausarbeitung und Weiterentwicklung von Konzepten gelten. Nicht aber für die Ideen und Innovationen. Schlagworte der heutigen Wissenschaftsbürokratie sind „interdisziplinär“ oder „vernetzt“. War denn Albert Einstein vernetzt? Oder Max Planck interdisziplinär? Der wahre Fortschritt kommt dort, wo jemand denkt, was noch keiner gedacht hat. In Diskussionen können die neuen Gedanken dann gefestigt und weiterentwickelt werden. Entscheidend idt aber immern noch der Einzelne.

  2. 60er Kind sagt:

    Zunächst soll festgehalten, egal ob Generatioan X,Y oder Z, sich die ältere Generation immer über die Jüngere etwas beschwert, das war schon im alten Ägypten so. Richtig ist, dass die Generation Y im absoluten Wohlstand aufgewachsen ist und vieles aus ihrer Sicht hinterfragt und selbstbewusst auftritt; es keine Generation der „pflichterfüllten Bittsteller“ mehr ist, sondern sie fordert eben die zitierte Work-Life Balance und den Sinn der Tätigkeiten ein, was an sich nicht ab zu lehnen ist sondern unser Wohlstandsniveau ausdrückt. Allerding sollte schon eine gewisse generationsübergreifende Kontinuität und Verantwortungsbewußtsein vorhanden sein, zB eine OP zu ende zu führen wie im Artikel pointiert dargestellt wird. Benehmen und soziale Intelligenz sind ebenso generationsunabhängige Grundwerte, die eingefordert werden dürfen.

    Insgesamt ist das medizinische Niveau in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten enorm angewachsen und wir Europäer können stolz darauf sein, auch die Generation Y leistet dazu ihren Beitrag.

  3. Konfuzius Karl Kraus sagt:

    „Work – Life -Balance“? Da darf ich dir aus der Zeit um 500 v.Chr. zurufen, dass Arbeit das Leben ist : „Wähle einen Beruf, den du liebst und Du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten“!
    Und wenn man keinen solchen Beruf findet? Dann muss Plan B nach Karl Kraus greifen: „Man muss Gefallen finden an dem, was man tut. Es hat keinen Sinn, nur das zu tun, was einem gefällt“.

  4. Friedrich Kant sagt:

    „Arbeit ist die beste Art, sein Leben zu genießen“ – sagte mein Urahn Immanuel einmal. Was er wohl zu „work-life-balance“ gesagt hätte?

  5. Holländer sagt:

    Es ist in gewisser Sinn bedauerlich zu sehen, dass in Deutschland die Debatte über Work-Life-Balance, Teilzeitarbeit in der Medizin etc. erst jetzt anfangen. Hier ist die Medizin in Deutschland nicht gerade fortschrittlich – für junge Männer ist eine Teilzeitarbeit immer noch unbesprechbar in den Kliniken (oder zumindestens wird es unausweichlich zum Karrieregrab). Dahingegen war Teilzeitarbeit, sogar für Männer, während meines Studiums in den Niederlanden vor 15 Jahre dort eher Regel als Ausnahme.
    Es fehlt einfach das Umdenken im Kopf: anders geht es auch, man muss nur wollen!

  6. Martin Fassnacht sagt:

    Liebe Steffi
    vielen Dank für Deinen interessanten Artikel.
    Ich gebe den Vorschreibern recht, dass die Vorgeneration sich schon immer über die Nachfolgegeneration „beschwert“ hat, aber dies sollte man bei beiden Generationen entspannt sehen.
    Unser Hauptprivileg ist doch, dass wir in einer Zeit leben, die es uns Dank Jahrzehnten des Friedens und Wohlstands erlaubt, über so etwas wie Work-Life-Balance nachzudenken und dabei doch zum Fortschritt in Wissenschaft und Patientenversorgung beitragen zu dürfen – und zwar unabhängig von der Generation.
    Ich bin übrigens überzeugt, dass das interdisziplinäre Teamwork für die meisten Menschen der bessere (interessantere und auch nettere) Weg ist als nur im Kämmerlein zu denken. Wer weiß, ob Albert Einstein und Co in unserer vernetzen Welt nicht noch erfolgreicher gewesen wären.
    In diesem Sinne ist YARE für mich der Beweis, dass die Generation Y doch Vieles sehr, sehr gut macht. Weiter so. Ihr werdet schon Euren eigenen Weg erfolgreich finden.
    Herzliche Grüße
    Martin (Fassnacht)

  7. Helmut.schatz sagt:

    Die bisherigen Kommentare behandeln vorwiegend die erfreulich positiven Eigenschaften der YARE und auch deren Einstellung zur work-life balance und Teamarbeit. Die von Frau stephanie Fliedner zu Beginn Ihres Aritikels angesprochenen eher negativen Merkmale der Generation Y wurden. Jeoch nicht diskutiert.Will sich denn niemand dazu äussern?

  8. Maulwurf sagt:

    Sehr geehrte Frau Fliedner, ich bin noch die Generation X oder wie immer „die der Älteren davor“ nun genannt wird und möchte ein paar Gedanken zu den „jungen“ Kollegen äußern. Zunächst einmal finde ich es – gerade als Mutter von drei Kindern, die den „steinigen Weg“ der wissenschaftlichen Karriere UND der Kindererziehung versucht zu gehen (und dabei zumindest an den entsprechenden Vätern immer wieder scheitert, weil diese das nicht verstehen und mich gerne als „alleinerziehende Rabenmutter“ bezeichnen..), absolut begrüßenswert, wenn ein Umdenken dahingehend stattfindet, dass sich Paare gleichberechtigt und somit auch gleich-bepflichtet um ihr „Leben“, ihren Nachwuchs und gerne auch um die Karriere kümmern. Die Möglichkeiten hierfür haben sich in den letzten Jahren sowohl auf politischer Ebene mit der Möglichkeit der Elternzeit für beide Eltern als auch mit einigen jüngeren „Chefs“, die Verständnis für Teilzeitarbeit und Kinder-Krankzeiten haben, deutlich verbessert. Es wird schon rein technisch nicht gehen, für jede Frau oder sagen wir neutral jeden Partner in Teilzeit einen zweiten daneben zu stellen, der die gleiche Qualifikation hat. Aber der Teamgedanke, der schon angesprochen wurde, und sich auch bei einigen mir bekannten Gen. Y KollegInnen durchgesetzt hat, ist das zentrale Moment, um tatsächlich ein ärztliches Team am Laufen zu halten. Hier ist allerdings auch die Verantwortung eines jeden einzelnen gefragt. Ich finde es nicht grundsätzlich „verwerflich“, den berühmten Haken am OP Tisch dem nächsten zu übergeben, wenn dieser genauso ausgeruht und kompetent übernehmen kann und der gehende Kollege sich gut abgesprochen hat und zu einem anderen Zeitpunkt vielleicht seinerseits übernimmt. Es geht also nicht um „absolut-Zeiten“, sondern um das Verantwortungsvolle Miteinander. Und da habe ich bisher überwiegend positive Erfahrungen mit dem „Nachwuchs“ gemacht – „schwarze Schafe“ gibt es glaube ich immer und in jeder Generation, wer rücksichtslos nur auf sich und die Erfüllung seines Lebenstraums achtet, ohne andere zu respektieren, hat (zumindest aus meiner Sicht) als Arzt eigentlich sowieso den falschen Beruf ergriffen. Aber gut.

    So wie ich noch „groß“ geworden bin, dass nur der bleibt, der schreibt, abends ewig in der Klinik hockt, die Kinder bis möglichst spät in der Betriebskita lässt, um dann noch (ungelogen) nach 18.00 Uhr Laborwerte auf Station nachzuschauen, während das vierjährige Kind vor dem sich dort befindenden Aquarium geparkt wird… der weiß schon zu schätzen, dass es jetzt einen anderen Umgang gibt, der dank „moderner“ Medien wie VPN Zugängen, Whats-App Nachrichten und Email-Anhängen auch Arbeiten zu anderen Zeiten und schnellere, direkte Absprachen möglich macht. Wenn dieses Denken dann auch noch beim Chef „angekommen“ ist, der eine solche Arbeitsweise nicht verteufelt und den Druck erhöht, dann empfinde ich das als einen deutlichen Fortschritt. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Team-Arbeit alles Gute !

  9. Martin Reincke sagt:

    Die FAZ orakelte 2012, mit Bezug auf die Generation Y: „Der alte Arzt hat ausgedient“(FAZ vom 27.04.2012) und ließ sich auf 5 Seiten über die Unterschiede, Stärken und Schwächen der Generationen X (geboren 1965 und 1980 ) und Y (1981-1995) aus. Als Mitglied der Babyboomer-Generation (1946-1963) gehen mir folgende Dinge durch den Kopf:
    1.) Liebe Frau Fliedner, Ihr Beitrag belebt eine wichtige Debatte, dafür vielen Dank!
    2.) Lieber Helmut, keiner wird jetzt hier einseitig über die Generation Y herziehen, denn in jeder Generation findet sich Licht und Schatten.
    3.) Anekdotisches aus eigener Erfahrung: ein Kollege und Freund bewarb sich 1988 in der Chirurgischen Universitätsklinik Köln Merheim und bekam eine der heißbegehrten Assistentenstelle in Aussicht gestellt, damals waren Assistentenstellen rar und vorübergehende Arbeitslosigkeit als Assistenzärzte keine Seltenheit. Auf seine Frage, wieviele Dienste man machen müsse, und ob Überstunden bezahlt wurden, war die Antwort: 4-6 Dienste im Monat, keine bezahlten Überstunden! Darauf hin erhob sich mein Freund mit den Worten: „Da kann ich ja gleich wieder gehen“. Diese Chuzpe, eine Stelle wegen inadäquater Arbeitsbedingungen abzulehnen, hat mich damals überrascht und beeindruckt, das gab es also auch schon bei den Babyboomern.
    4.) Jede Generation muss sich den grundlegenden Fragen der Existenz (Wofür, worum willen, wie, für was leben und arbeiten wir) neu stellen und ihre Antworten finden: das nennen wir Kultur
    5.) Dass die Generation Y das Arbeitsselbstverständnis der vorhergehenden Generation hinterfragt, ist somit normal, auch wenn manche Verhaltensmuster irritieren mögen
    6.) Jede neue Generation (mit wenigen Ausnahmen) überschätzt ihre eigenen Leistungen und Errungenschaften und unterschätzt diejenigen der vorhergehende und der nachfolgende Generation. Redet man also von ‚Früher war es…“, ist man vermutlich älter geworden und zählt nicht mehr zur jüngsten Generation
    7.) Als Assistent, Oberarzt und Klinikchef habe ich über die letzten 30 Jahre große Enttäuschungen und größtmögliche Begeisterungen mit und über Kolleginnen und Kollegen erlebt, mir scheint das unabhängig von der jeweiligen Generation gewesen sein.
    8.) Ich erlebe augenblicklich ein hohes Maß an Solidarität, Motivation und persönlichen Einsatz für die gemeinsame Sache in unserer Klinik, von allen Generationen und gerade auch von der ‚Generation Y‘. Die angeblichen Eigenschaften dieser Generation, wie „hohes Selbstbewusstsein“, „fehlende Kritikfähigkeit“, weil „von den Babyboomern übermäßig gelobt“, „hohes Anforderungsprofil an den Arbeitsplatz“, Ablehnung von Hierarchien und dass man „eher den Job wechsle als sich anzupassen“, scheint mit eher Klischees zu entsprechen.

    Zusammengefasst ist mein Eindruck, dass die Generation Y, die positiv als „pragmatisch, kooperativ und aktiv Netzwerke bildend“ (FAZ) beschrieben wird, sich sehr wacker schlägt. Seien wir also nicht unangemessen kritisch. Wie schrieb Berthold Brecht so schön scharfzüngig nach dem gescheiterten Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1956:
    „Nach dem Aufstand des 17. Juni / Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands / In der Stalinallee Flugblätter verteilen / Auf denen zu lesen war, dass das Volk / Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe / Und es nur durch verdoppelte Arbeit / Zurückerobern könne. Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes?“
    Statt also die Generation Y „auflösen“ zu wollen und „uns eine andere zu wählen“, sollten wir uns darauf konzentrieren, Fehlentwicklungen der Ökonomisierung im Gesundheitswesen zu benennen und die Politik zu Korrekturen zu zwingen. Denn sonst hat die Generation „Z“ unter denselben unseligen Bedingungen unseren schönen Beruf auszuüben wie die Baby-Boomer, Generation X und Y.

  10. Roman Kołodziejczak sagt:

    Das Problem ist für ältere Generation ist – was tun damit. Arbeiten wir wie bisher vollangagiert, oder lassen uns lockerer arbeiten, mehr ausruhen wie die jüngeren, doch Menschen sterben nicht auf den Straßen. Organisatorisch ökonomisch Gesundheitswesen in Polen ist jahrelang hinter Deutschland, aber Erwartungen der Y Generation sind schon europäisch, dazu wir haben 2,3 Ärzte pro 1000 Einwohner und in BRD 4,1 und eine Menge polnischer jungen Ärzte. Wir brauchen Urlaub um das zu überdenken.

  11. Dr. Junghans sagt:

    Why?
    Die Frage nach dem „Warum“ ist Fluch und Segen zugleich.

    Ohne ein „Warum“ kämen wir in der Wissenschaft und überhaupt der Welt wohl nicht weiter – im Sinne der Neugier verstanden ist es sicherlich eines der wichtigsten Attribute der Weiterentwicklung auf allen Gebieten.

    Ein „Warum“? im Sinne von Hinterfragung von falsch erscheinenden Handlungen/Regimen und ggf. die Auflehnung dagegen (auf welchem Gebiet auch immer) ist ebenso wichtig.

    Aber ein „Warum“? im Sinne von „Warum heute die OP zu Ende führen, wenn ich doch Feierabend habe“ (wie oben beschrieben) ist natürlich absolut lächerlich.
    Dieses Verhalten ist aus meiner Sicht nicht zu verstehen – hier vergisst der junge Arzt wohl, dass ein Mensch vor ihm offen liegt und nicht ein Bauteil? Erstens sollte er sich aus meiner Sicht doch verantwortlich fühlen (und wenn er auch nur den „Haken hält“) und zweitens sollte er doch lernen wollen und dem Operateur so gut wie möglich zuschauen und assistieren – ich selber habe in meiner Chirurgie-Zeit z.T. an 8 h am Stück dauernden Operationen assistiert, ohne Punkt und Komma – mir wäre hier niemals eingefallen plötzlich wegzugehen – weder hätte ich dies gewollt noch hätte ich mich so etwas getraut! Aus Respekt – Respekt vor dem Patienten, Respekt vor den Kollegen, Respekt vor der Kunst – denn Medizin ist eine Kunst und auch in der Chirurgie kein reiner „Klemptnerjob“ wie z.T. gescherzt wird.
    Und genau jener „Respekt“ ist das was z.T. in der jüngeren Generation abhanden kommt – Respekt und Anstand – eine zu grobe Pauschalisierung ist sicherlich nicht richtig wie von allen oben erwähnt, aber fällt es nicht schon bei kleinen Dingen auf, wie dass in der Straßenbahn kein Mensch mehr für eine ältere Person oder eine Schwangere aufsteht? Einhergehend mit vermehrt Egoismus – dieser Trend ist schon zu spüren…

  12. Dr. Junghans sagt:

    Hier wird immer nur von den Ärzten geschrieben, ich möchte noch anmerken, dass man auch einen anderen Wind durch manch Generation Y Schwester wehen spürt – bzw. inzwischen ist ja komischerweise der schöne alte Begriff der „Schwester“ nicht mehr politisch korrekt und es muss „Gesundheits- und Krankenpflegepersonal“ heißen – das Wort Schwester symbolisierte aus meiner Sicht viel – eine vertraute Person für Patienten wie auch Ärzte wie auch die „Schwestern“ untereinander mit kollegialem hilfsbereiten Zusammenarbeiten. So entdeckt man – und auch hier darf man wieder nicht pauschalisieren! – die ein oder andere „Gesundheits- und Krankenpfleger oder Pflegerin“ (Zungenabbruch) die die alten Werte vergessen zu haben scheint oder bei den „Medizinischen Fachangestellten“ (und wehe dem, der aus Versehen noch von „Arzthelfern“ spricht – wieder solch ein schöner alter Begriff!) erlebt man in der Generation Y gern mal den Spruch „das ist Arztaufgabe“ anstelle eines sich gegenseitigen Helfens ein „why me“…

    Generell habe ich absolut gar nichts zu beanstanden an meinem Arbeitsplatz und wir haben weiterhin ein sehr gutes Miteinander und ich habe großen Respekt vor dem Pflegepersonal nach wie vor, nichts desto trotz gehören diese neuen Begrifflichkeiten, die auch leider durchaus mit z.T. veränderter Einstellung einhergehen, schon mit in diese Diskussion der Generation Y in der Medizin, wie ich finde…

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