Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

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Endokrine Nebenwirkungen von Immun-Checkpoint-Inhibitoren


Vortrag auf der 31. Jahrestagung der Nordrhein-Westfälischen Gesellschaft für Endokrinologie & Diabetologie in Osnabrück, 6. – 7. Februar 2026

Bochum, 18. Februar 2026

Immun-Checkpoint Inhibitoren (ICI) haben das Potenzial, die Krebstherapie zu revolutionieren, indem sie die T-Zell-vermittelte Tumorabwehr verstärken. Diese therapeutischen Fortschritte werden jedoch von einer signifikanten Inzidenz immunvermittelter Nebenwirkungen (IrAEs) begleitet (1). Endokrinopathien zählen außer Nebenwirkungen an Haut und Gastrointestinaltrakt zu den häufigsten irAEs. Sie können prinzipiell jede endokrine Drüse betreffen und mit potenziell lebensbedrohlichen Konsequenzen einhergehen, wenn sie nicht frühzeitig erkannt werden.

Die derzeit gebräuchlichen ICI umfassen

– CTLA-4-Inhibitoren (Iplimumab, Tremelimumab)
– PD-1-Inhibitoren (Nivolumab, Durvalumab, Cemiplimab)
– PD-L-1-Inhibitoren (Atezolizumab, Durvalumab, Avelumab)

Diese Substanzen heben die inhibitorischen Signale auf, die normalerweise die T-Zell-Aktivität begrenzen, was zu einer verstärkten Antitumor-Immunantwort führt. Der gleiche Mechanismus zur Verstärkung der T-Zell-Aktivität kann jedoch auch zur Aktivierung autoreaktiver T-Zellen und damit zur Entwicklung von Autoimmunpathologien führen (1).

Die häufigsten endokrinologischen irAEs sind:

1. Schilddrüsendysfunktion (10-15%, häufiger unter PD-1 / PD-L-1 -Hemmer-Therapie): sehr häufig biphasisch mit initialer (Freisetzungs-) Hyperthyreose, gefolgt von persistierender Hypothyreose; vereinzelt kommt es zu einem ICI-induzierten Morbus Basedow.
2. Hypophysitis (5-15%, häufiger unter CTLA-4- Hemmer-Therapie): potenziell lebensbedrohlich, typisch mit Ausfall der kortikotropen Achse; klinisch: gehäuft passager Kopfschmerzen
3. Primäre Nebenniereninsuffizienz (<1%): Selten, dann aber lebensbedrohlich
4. Diabetes mellitus (CIADM oder CPI-DM): 0.5 – 2%, häufiger unter PD-1 / PD-L-1 – Hemmer-Therapie: rascher destruierender Verlauf,   hohe Prävalenz (ca. 80%) von Ketoazidosen bei Manifestation, HbA1c-Wert oft normal bzw. nur leicht erhöht
5. Zentraler Diabetes insipidus (<0.1%): Sehr seltene endokrine irAE

Die Inzidenz endokriner irAEs bei ICI-Therapie

– variiert je nach Art des ICI: CTLA-4-Inhibitoren zeigen eine höhere Inzidenz von Hypophysitis; PD-L-1-Inhibitoren verursachen vermehrt Schilddrüsenerkrankungen
– ist bei einer Kombinationstherapie (anti-CTLA-4 und PD-1/PD-L-1) generell höher
– weist eine große zeitliche Spanne auf: vom Auftreten eine Woche nach der ersten Gabe bis zu 15 Monate nach der letzten ICI-Therapie

Empfehlungen zum Screening und zur Überwachung:

Vor ICI-Therapiestart

– Anamnese von Autoimmunerkrankungen, Medikamentenanamnese
– Na, K, Blutzucker (HbA1c)
– Urinstatus (Glukose, Ketone)
– TSH, fT4; Kortisol basal. TPO-Antikörper, Thyreoglobulin-Antikörper
– Testostern (bei Männern)
– Optional fT3, DHEA-S, IGF-I, Prolaktin, LH/FSH, Östradiol bei prämenopausalen Frauen
– Aufklärung des Patienten über die Gefahr und die möglichen Symptome immunvermittelter Endokrinopathien mit ggf. dauerhafter Substitutionsbedürftigkeit

Während ICI-Therapie (alle 4-6 Wochen)

– Anamnese und Klinik
– Na, K, Blutzucker
– Urinstatus (Glukose, Ketone)
– TSH, fT4; Kortisol basal
– Optional, insbesondere bei entsprechendem klinischen Verdacht:
– fT3, ACTH, DHEA-S, IGF-1, Prolaktin, LH/FSH, Testosteron bei Männern, Östradiol bei Frauen

Nach ICI-Therapieende

– Jahrelange Verlaufsbeobachtung erforderlich
– Besonders in den ersten 3 – 6 Monaten nach Therapieende häufigere Kontrollen.

Facit
– Schilddrüse, Hypophyse, Nebenniere und Inselzellen des Pankreas sind die wichtigsten Zielorgane endokriner immunvermittelter Nebenwirkungen (irAE) unter Therapie mit Immuncheckpoint-Inhibitoren (ICI).
– Bei allen Patienten unter bzw. nach einer ICI-Therapie muss bei unklaren akuten Beschwerden unverzüglich ein endokrines Assessment erfolgen.
– Viele ICI-induzierte endokrine Nebenwirkungen sind durch einen permanenten Hormonausfall gekennzeichnet und bedürfen einer dauerhaften Substitution.
– In der Regel ist eine Fortsetzung bzw. rasche Wiederaufnahme der ICI-Therapie möglich.

Last but not least: DARAN DENKEN!

Marianne Ehren, Bochum

Literatur:

(1) PMC National Center for Biotechnology Information (1025): Endocrine Adverse Events of Immune Checkpoint Inhibitors. Endocrine Complications of Immunotherapy.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12410956/

Posted on by Dr. Marianne Ehren
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