Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

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Observations- und randomisierte Studien (RCTs) über Erkrankungen und Vitamin D: Diskordante Ergebnisse


Bochum, 4.4.2024:

Am 12. März publizierte F. Perry Wilson von der Yale School of Medicine in „Impact Factor“  (1), dem von ihm wöchentlich herausgegebenen Kommentar über neue medizinische Studien folgende Tabelle über einen möglichen Zusammenhang von Vitamin D mit Krebs, kardiovaskulären Erkrankungen, Diabetes, Stürzen und Gesamttodesfällen. Die Tabelle (s.u.) zeigt die unterschiedlichen Ergebnisse von Observations- und randomisierten Studien:

Wilson kommentiert: „Trials aren’t perfect, of course, and we’ll talk in a moment about a big one that had some issues. But we are at a point where we need to either be vitamin D apologists, saying, „Forget what those lying RCTs tell you and buy this supplement“ — an $800 million-a-year industry, by the way — or conclude that vitamin D levels are a convenient marker of various lifestyle factors that are associated with better outcomes: markers of exercise, getting outside, eating a varied diet. Or perhaps vitamin D supplements have real effects“.

Wilson geht dann im Speziellen auf die Women´s Health Initiative (WHI) Study ein,  die zu den größten randomisierten Studien über Vitamin D und Kalzium zählt, welche je erfolgt sind und sich bei Abschluss nach 7  Jahren in die  weitgehend negativen Outcome-Studien mit Vitamin-D einreiht.

Die WHI-Studie startete vor 30 Jahren. Die randomisierte Studienphase dauerte 7 Jahre und umfasste 36.000 Frauen. Jetzt, zwei Dekaden nach Beendigung erschien in den Annals of Internal Medicine von Cynthia Thomson et al. von der University of Arizona eine Analyse:  „Long-Term Effect of Randomization to Calcium and Vitamin D Supplementation on Health in Older Women“. Die Autoren konzentrierten sich auf zwei Befunde, die in anderen Vitamin D -Studien tendenziell, aber statistisch nicht signifikant beobachtet wurden: Eine potenzielle Verringerung des Krebsrisikos und ein potenziell gesteigertes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen.

Befunde:

Cynthia Thomson und ihre Mitarbeiter  fanden bei den zu Vitamin D und Calcium – Supplementation randomisierten Frauen eine statistisch signifikante, um 7% verringerte Krebsmortalität, in erster Linie durch kolorektalen Krebs. Unter Supplementation  fanden  sich hingegen eine – ebenfalls signifikante – um 6 % gesteigerte kardiovaskuläre Todesrate (siehe Abbildung unten,  aus Lit. 2):

In der Analyse und im Kommentar dazu wird breit darauf eingegangen, dass diejenigen  Personen, die zu Plazebo randomisiert worden waren, von sich aus aber unkontrolliert Vitamin D- Supplemente genommen hatten, eine  um 11% signifikant verringertes Krebsinzidenz und die Tendenz zu einer (um 7%) verringerte Krebsmortalität aufwiesen. Über Confounders wird spekuliert: Personen, die selbst Vitamin D-Supplemente kauften und zu sich nahmen, könnten gesundheitsbewusster und einen anderen Lebensstil gehabt haben.

Conclusion der Autoren Cynthia Thomson et al. in Lit. 2: 

„Calcium and vitamin D supplements seemed to reduce cancer mortality and increase CVD mortality after more than 20 years of follow-up among postmenopausal women, with no effect on all-cause mortality“.

Wilson gibt folgende zusammenfassende Empfehlung (1):

I can tell you that for your „average woman,“ vitamin D supplementation likely has no effect on mortality. It might modestly reduce the risk for certain cancers while increasing the risk for heart disease (probably through coronary calcification).

So, there might be some room for personalization here. Perhaps women with a strong family history of cancer or other risk factors would do better with supplements, and those with a high risk for heart disease would do worse. Seems like a strategy that could be tested in a clinical trial. But maybe we could ask the participants to give up their extracurricular supplement use before they enter the trial“.

Helmut Schatz

Literatur

(1) F. Perry Wilson: Commentary: Vitamin D Supplements May Be a Double-Edged Sword.
Medscape – March 12, 2024.

(2) Cynthia A. Thomson et al.: Long-Term Effect of Randomization to Calcium and Vitamin D Supplementation on Health in Older Women: Postintervention Follow-up of a Randomized Clinical Trial.
Ann Intern Med. 2024 Mar 12. doi: 10.7326/M23-2598. Online ahead of print.

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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