Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

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„Fett-weg-Spritze“: Wie lange wird Semaglutid genommen?


Nach 1 Jahr noch von 40% der Patienten, andere Anti-Obesitas-Medikamente noch weniger.

Bochum, 6. Januar 2024:

Am 6. Dezember erschien in der Zeitschrift „Obesity“ (1) das Ergebnis einer retrospektiven Kohortenstudie von Januar 2015 bis Juli 2023 über Erwachsene mit einem Body Mass Index (BMI) ab 30 kg/m2  aus den elektronischen Daten des  Gesundheitsystems  der Cleveland-Klinikzentren in Ohio und Florida. Nach 1 Jahr betrug die Verwendung von Medikamenten zur Gewichtsabnahme bei allen überprüften Substanzen weniger als die Hälfte, am höchsten noch unter Semaglutid von 40% der Patienten.

Es wurden Daten von 1911 Patienten mit einem basalen mittleren BMI von 38 kg/m2 (Interquartilsabstand IQR 34- 44) rekrutiert. Nach 3 Monaten Medikamentenanwendung ergab sich eine Compliance von 44%, nach 6 Monaten 33%, und nach 12 Monaten von  19%.  Die höchste Compliance nach 1 Jahr fand sich für Semaglutid von 40% (siehe Abbildung).

Abbildung (aus Lit. 1). Von oben nach unten:  Schwarze (oberste) Linie: Semaglutid (Wegovy®, Ozempic ®), gelb:  Liraglutid (Saxenda®, Victoza®) . rot: Naltrexon-Bupropion (Contrave®), dunkelblau: Phenteramin-Topiramat (Qsiva®), hellblau: Orlistat (Xenical®).

Die Patienten mit höherem Gewichtsverlust nach 6 Monaten behielten nach 1 Jahr eher das erniedrigte Gewicht nach 1 Jahr bei,  etwa 10 kg weniger gegenüber 2% bei denjenigen, die nicht so lange die Medikamente verwendeten.

Kommentar

Nach Absetzten kam es  mit Semaglutid , wie im STEP -1 Extension Trial beobachtet, nach 1 Jahr  wieder zu einer Zunahme  von etwa zwei Dritteln des Gewichts, das  die Patienten abgenommen hatten; auch die günstigen kardiometabolischen Effekte verschwanden wieder.  Deswegen sollen die Medikamente gegen Adipositas länger beibehalten werden, wenn diese gut vertragen wurden und es zu einem klinisch bedeutsamen Gesichtsverlust gekommen war, betonte der Erstautor der Studie (1), Hamlet Gasoyan gegenüber Medscape Medical News (2). Anne Peters aus Los Angeles, Direktorin des USC Clinical Diabetes Program fügte hinzu, dass man die Anwendung von Semaglutid wohl dauernd würde fortführen müssen, so wie mit einem anderen Hormon aus dem Gastrointestinaltrakt,  dem Insulin beim Typ-1-Diabetes (2). Wenn man unter Anti-Obesitas-Medikation Gewicht abnehme, betreffe dies das fettfreie Körpergewicht  (lean body mass) ebenso wie das Fettgewebe. Setzte man das Medikament ab, so würde nur das Fettgewebe zunehmen. Und wenn man in der Folgezeit mehrfach an- und  absetze, würde die lean body mass immer weiter reduziert. Deshalb solle man diese Medikamente nicht verordnen, wenn jemand sie  nicht dauerhaft, sondern nur abwechselnd  on-off  nehmen möchte.

Die Erkenntnis, dass Adipositas als chronische Erkrankung eine dauerhafte Therapie benötigt, ist nicht neu. Der Verlust der Muskulatur ist teilweise eine Anpassung an die Gewichtsreduktion, da weniger getragen werden muss. Er kann durch Krafttraining in Kombination mit proteinreicher Ernährung verhindert werden, was wir als behandelnde Ärzte klar kommunizieren sollten.

Helmut Schatz, Bochum und Andreas H. Pfeiffer, Berlin

Literatur

(1) Hamlet Gasoyan et al.: Early- and later-stage persistence with antiobesity medications: A retrospective cohort study. Obesity / Early View, first published: 06. December 2023. https://doi.org/10.1002/oby.23952

(2) Hamlet Gasoyan, in: Nancy A Melville: Most Stop Taking Weight Loss Drugs Within 1 Year. Medscape Medical News, December 06, 2023

(3) Anne Peters, in: Nancy A Melville: Most Stop Taking Weight Loss Drugs Within 1 Year. Medscape Medical News, December 06, 2023

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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