Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Wieviel Fettsäuren und Zucker in der Nahrung? Ein endloses Thema! Nach neuer Vergleichsstudie gesättigte Fettsäuren für den Stoffwechsel ungünstiger


Bochum, 16. September 2020:

Im Mai 2020 erschien in Diabetes Care eine Arbeit von Parry et al. (1), nach der bei gesunden, übergewichtigen Männern eine mit gesättigten Fettsäuren angereicherte Diät ungünstigere Effekte auf den Metabolismus, insbesondere auf das intrahepatische Fett und die postprandialen Glukose- und Insulinspiegel hat als eine isokalorische Diät, die vermehrt freie Zucker enthielt.

Methodik

Sechzehn übergewichtige Männer mit einem Body Mass Index von 25-30 kg/m² aus der Oxford Biobank, ohne metabolische Krankheiten, ohne den Fett- oder Glukosestoffwechsel beeinflussende Medikamente, Nichtraucher und ohne gesteigerten Alkoholkonsum, wurden randomisiert in einem cross-over-design in zwei Diät-Interventionsgruppen für je vier Wochen eingeteilt, wobei zwischen beiden Diätformen eine siebenwöchige Washout-Phase lag. Die eine Diät wies einen reichen Gehalt an gesättigten Fettsäuren auf („SFA“), die andere an freien Zuckern („SUGAR“). Der Anteil an der Gesamtenergie betrug bei SUGAR: 20% Fett, 65% Kohlenhydrate, 15% Protein, wobei 20% der Gesamtenergie freie Zucker waren, bei SFA: 45% Fett, 40 % Kohlenhydrate und 15% Protein, wobei 20% der Gesamtenergie aus gesättigten Fettsäuren bestanden. Die Probanden wurden geschult, entsprechend zu essen: SUGAR: Fettarme Diät mit hohem glykämischen Index und sie erhielten zusätzlich Süßigkeiten sowie mit Zucker gesüßte Getränke (insgesamt täglich etwa 100 g freie Zucker). SFA: Fleisch und Fleischprodukte, Vollfett-Milchprodukte, Pizza, Hamburger etc. Zusätzlich erhielten sie Käse-Butter-Kekse und Milchschokolade. Alle Teilnehmer wurden angewiesen, ihr Gewicht zu halten.

Bestimmt wurden mit  magnetresonanztomograpischen Techniken und stabilen Isotopen der intrahepatische Gehalt an Triacylglycerol (IHTAG), die de-novo-Lipogenese der Leber, die postprandialen Glukose- und Insulinspiegel und einige weitere Stoffwechselparameter.

Ergebnisse

Die Abbildung  zeigt die wichtigten Resultate: in Graphik A, dass unter reichlich gesättigten Fettsäuren  (SFA) das intrahepatische Fett (IHTAG) zugenommen hatte und in Graphik B und C die unter SFA höheren postpandialen Glukose- und Insulinspiegel als unter Diät mit angereicherten freien Zuckern (SUGAR).

Abbildung (aus Lit.1, S. 1138, oberer Teil von Fig. 2)

Kommentar

Die Autoren diskutieren, dass sie im Vergleich zu anderen Untersuchungen  nicht die gesamte Nahrung zur Verfügung gestellt hatten, sondern Diätanweisungen und zusätzlich Zucker- oder fetthaltige Produkte gegeben hatten, womit die Untersuchungsbedingungen eher der „real world“ entsprochen hätten.  Unter der Kost mit reichlich gesättigten Fettsäuren nahmen die Probanden an Gewicht zu, nicht aber unter der zuckerreichen Diät. Zu bedenken ist des weiteren, dass übergewichtige, stoffwechselgesunde Männer untersucht wurden. Diese hatten der durchschnittlichen britischen Bevölkerung entsprochen; deren Risiko für eine nicht-alkoholische Fettlebererkrankung liegt höher als beim weiblichen Geschlecht.

Von vielen Seiten, so auch in der Review von Kirkpatrick et al. (2) wurden  low-carbohydrate,  high-fat Diäten  zum Gewichtsverlust und zur Behandlung des Typ-2-Diabetes propagiert. Diese Diäten sind sicher und effektiv über kurze Zeit, aber nicht anderen Diätstrategien überlegen (2). Während in allen bisherigen Studien zu diesem Thema hypokalorische  Kostformen untersucht wurden, gab es bisher keine Studien mit eukalorischen Diäten und hohem Gehalt an gesättigten Fettsäuren. In der vorliegenden Arbeit wurde in Abwesenheit eines Gewichtsverlustes gezeigt,  dass ein hoher Gehalt an gesättigten Fettsäuren ungünstige Stoffwechseleffekte im Vergleich zu einer zuckerreichen Diät hat.

Zum Abschluss sei dem Referenten ein persönlicher Kommentar gestattet:

Seit seinem Studium in den 1950er und 1960er Jahren wurden die Diätempfehlungen  immer kohlenhydratreichter, bei Diabetes reichten sie manchmal sogar bis zu 65% Kohlenhydrate. Die gesättigten Fette wurden gleichsam „verteufelt“.  Vom damaligen „Fett-Papst“ (scherzhaft „Fettler“ genannt) ausgehend wurde die Margarine propagiert und die Produkte der Firma Unilever und anderer wurden und werden nach wie vor von vielen  gerne anstelle von Butter gekauft. Angeblich soll es Mitte der 1960er Jahre seriöse wissenschaftliche Untersuchungen gegeben haben, dass die Fette gar keine so ungünstige Wirkung auf den Stoffwechsel haben. Und böse Zungen behaupteten, jetzt schlügen die „Fett-Lobbyisten“ zurück und „verteufeln“ den Zucker (3). Robert Lustig etwa, ein pädiatrischer Endokrinologe der University of California hielt 2009 einen Vortrag : „The Bitter Truth“, der  in YouTube  >6 Millionen mal abgerufen wurde, in welchem er den Zucker Fruktose als Gift („poison“)  bezeichnete, der schuld an der Amerikanischen Obesitas-Epidemie sei (4). Auf dem Deutschen Diabetekongress vor einigen Jahren, ich glaube, es war in München, gab es eine rege Pro- und Kontra- Diskussion zu low-carb  und  low-fat Diäten bei Diabetes. An deren Ende stand Professor Hellmut Mehnert aus München auf und sagte, er sei mehrere Jahrzehnte lang der Vorsitzende des Ernährungsausschusses der Gesellschaft gewesen und hätte alle Formen von Diäten kommen und wieder gehen gesehen. Seiner Meinung nach bliebe als einzige Empfehlung bei Übergewicht eine Kalorienreduktion. Und Stefan Lorkowski aus Jena macht mich auf eine Publikation aus dem Jahre 2020 über eine Kohortenstudie an ~37.000 Erwachsenen in den USA aufmerksam, in der weder mit low-carb noch mit low-fat Diäten eine Assoziation mit der Gesamtmortalität gefunden wurde. Vielmehr waren sowohl „gesunde“ low-carb als auch „gesunde“ low fat – Diäten (siehe 5) mit einer geringeren Gesamtmortalität assoziiert (5).

Helmut Schatz

Literatur

(1) Sion A. Parry et al.: Intrahepatic fat and postprandial glycemia increase after consumption of a diet enriched in saturated fat compared with free sugars.
Diabetes Care 2020 May; 43(5):1134-1141.
https://doi.org/10.2337/dc19-2331

(2) CF Kirkpatrick et al.: Review on current evidence and clinical recommendations on the effects of low-carbohydrate and very-low-carbohydrate (including ketogenic) diets for the management of body weight and other cardiometabolic risk factors: a scientific statement from the National Lipid Association Nutrition and Lifestyle Task Force.
J. Clin. Lipidol. 2019; 13:689-711.e1

(3) David Merritt Johns and Gerald M. Oppenheimer: Was there ever really a “sugar conspiracy”?
Science 16 Feb 2018. 359(6377): 747-750
DOI: 10.1126/science.aaq1618

(4) The Sugar Conspiracy.
https://www.theguardian.com/society/2016/apr/07/the-sugar-conspiracy-robert-lustig-john-yudkin

(5) Zhilei Shan et al.: Association of Low-Carbohydrate and Low-Fat Diets With Mortality Among US Adults.
JAMA Intern Med. 2020;180(4):513-523. doi:10.1001/jamainternmed.2019.6980

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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