Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Wieder getrockneter Schilddrüsenextrakt statt T4-Monotherapie oder kombiniert mit T3? Eine unendliche Geschichte


Bochum, 12. Mai 2020:

Tolaza et al. publizierten am 3. April 2020 im Journal „Medicina“ (1) einen Vortrag, den sie auf dem wegen COVID-19 abgesagten Jahrestreffen der Endocrine Society hätten halten sollen. Sie werteten 673 Berichte von drei US-Hypothyreose-Foren aus. Etwa drei Viertel der Hypothyreose-Patienten sagten, sie würden sich unter getrocknetem Schilddrüsenextrakt besser fühlen als unter der vorherigen Behandlung mit Levothyroxin (T4).

Die Problematik „getrockneter tierischer Schilddrüsenextrakt vs. T4 als Mono- oder Kombinationstherapie mit T3“ wurde im DGE-Blog schon mehrfach besprochen. T4 wurde in  Schilddrüsengewebe bereits vor mehr als 100 Jahren, am Weihnachtsabend  1914 entdeckt (2). Später wurden zur Behandlung der Hypothyreose tierische Thyreoidea-siccata-Präparate, andere Schilddrüsenextrakte oder auch  Thyreoglobulin eingesetzt. Selbst verwendete der Referent (H.S.) in den 1960er Jahren an der II. Medizinischen Universitätsklinik in Wien ausschließlich  getrockneten Schilddrüsenextrakt aus Rinderschilddrüsen der Firma Organon, (Thyranon(R)).  Dieser war nach dem Gehalt an proteingebundenem Jod standardisiert und wurde in den Tablettenstärken von 50 und 100 Milligramm (!) ausgeboten. Die neuen synthetischen Schilddrüsenhormone Levothyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) waren damals in Österreich noch nicht verfügbar (siehe Seite 702 des österreichischen „Austria Codex“ von  1964, entsprechend der deutschen “Roten Liste“). Später setzte er  dann, bis zum heutigen Tage, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, synthetische Schilddüsenhormone ein, anfangs als Kombinationspräparate aus T4 und T3,  in den letzten Jahrzehnten fast immer als T4-Monotherapie. Beim Wechsel von Schilddrüsenextrakt auf synthetische Hormone in den 1960er Jahren hatte der Referent keinerlei Unterschiede in ihrer Wirkung bemerken können.

In der hier zu besprechenden Arbeit (1) hatten die Patienten der drei Schilddrüsen-Foren getrocknete Schweineschilddrüsen-Präparate erhalten. Diese sind in den USA verfügbar als Nature Thyroid, Thyroid USP oder  Armour Thyroid. Die mittlere verwendete Tagesdosis betrug 84 mg. Die verfügbaren Tabletten enthalten 65 mg. Man schätzt, dass in den USA 10% – 30 % der Hypothyreose-Patienten damit behandelt werden.  Vorher hatten 93% der Patienten eine T4 – Monotherapie erhalten. Die mittlere Zeitdauer der Einnahme  von tierischen Präparaten lag bei 30 Tagen (2 Tage bis 4 Monate).

Ergebnis: 81% beschrieben eine mäßig bis deutlich bessere Wirkung des tierischen Produkts, in 56 % der Symptome, in 34% eine bessere Wohlbefindlichkeit.

Dies betraf Fatigue, Gewicht und Neurokognition. Nebenwirkungen unter Trockenextrakten bestanden bei einem Fünftel, wie Palpitationen, Wärmeunverträglichkeit, Schlafstörungen, hoher Blutdruck und Haarausfall.

Kommentar

Rachel Pessar-Pollack aus New York wies in einem Gespräch mit Medscape (3) darauf hin, dass das  Hauptrisiko der Trockenpräparate in der variierenden Zusammensetzung der Präparate liege, sodass ein erhöhtes Risiko einer iatrogenen Hyperthyreose bestünde, mit Vorhofflimmern und Knochenbrüchen. Auf die T3/T4-Kombinationstherapie (vgl. 4) eingehend sagte sie, dass die Leitlinien 2014 der Amerikanischen Schilddrüsengesellschaft (ATA), an denen sie mitgearbeitet habe, synthetische Mischpräparate zwar nicht speziell ausschliesse,  sondern nur empfehle, eine Kombinationstherapie nicht routinemäßig zu verordnen.

Die vorliegende Studie (1) hat ihre Limitationen in der nur kurzen Dauer des Einsatzes der tierischen Präparate sowie darin, dass man keine Kenntnis hat, wieviel T4 vorher gegeben wurde und ob T4 ausreichend dosiert worden war.

Eine kleine randomisierte Studie an 70 Patienten mit T4 vs. tierischem Präparat an hatte keinen Unterschied in den Symptomen und bei den neurokognitiven Testen ergeben, mit Ausnahme einer minimal grösseren, aber statistisch signifikanten Gewichtsabnahme unter dem tierischen Präparat (172.9 lb. vs. 175.7 lb., p<0.001, siehe Lit. 5,6).

In Deutschland sind keine Präparate mit getrocknetem Schilddrüsenpulver auf dem Markt. Man kann sie aber, wenn auch zu einem deutlich höheren Preis über Internationale Apotheken beziehen. Einige deutsche Apotheken stellen Schilddrüsen-Trockenextrakte selbst her.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Freddy J.K. Toloza et al.: Patients Experiences and Perceptions Associated with the Use of Desiccated Thyroid Extract.
Medicina 2020, 56 (4) 161. doi:103390/medicina56040161

(2) Johannes Dietrich: Entdeckung des Thyroxins am Weihnachtsabend vor 100 Jahren kommt heute Millionen Menschen zugute.
DGE-Blogbeitrag vom 24. Dezember 2014

(3) Rachel Pessah-Pollack, in: Miriam E. Tucker: Patients Say Desiccated Thyroid Better Than Standard Therapy.
https://www.medscape.com/viewarticle/928573_print

(4) Helmut Schatz: Hypothyreose-Behandlung: Wieder mehr T4/T3-Mischpräparate?
DGE-Blogbeitrag vom 11. Februar 2019

(5) Helmut Schatz: Hypothyreosebehandlung mit getrocknetem Schilddrüsenextrakt im Vergleich zu Levothyroxin: in 16 Wochen 1.5 kg mehr Gewichtsabnahme als mit Thyroxin.
DGE-Blogbeitrag vom 7. September 2013

(6) T. Hoang: Desiccated thyroid extract compared with levothyroxine in treatment of hypothyroidism: A randomized, double-blind, crossover study.
J. Clin.Endocrinol. Metab. 2013. 98:1982-1990

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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9 Antworten auf Wieder getrockneter Schilddrüsenextrakt statt T4-Monotherapie oder kombiniert mit T3? Eine unendliche Geschichte

  1. Dr. Ortrun Werner sagt:

    auch ich, 71 Jahre, leichte Hypothyreose mit Müdigkeit, hatte keinen spürbaren Erfolg mit L-Thyroxin.

    Angeregt durch engagierte Laienberichte aus Amerika schlucke ich jetzt pharmazeutisch definierte !! Mengen von getrockneter Schweineschilddrüse, zu beziehen über deutsche oder österreichische Apotheken.
    Es geht mir subjektiv viel besser, weniger müde !, auch meine morgendlicher hoher Puls hat sich normalisiert.

    Doppelblind-Studien sind blind für differierende, individuelle humane Systeme…

  2. Dirk sagt:

    Ich habe bisher alle ausprobiert. Mono-Therapie, Kombitherapie aber auch getrocknetes Schilddrüsenextrakt vom Schwein. Letzteres war bisher das Einzige, was meine Symptonme vollumfänglich linderte. Leider hat mein Arzt das nicht mehr unterstützt, weil meine Freihen T3-Werte prizipbedingt über der Norm lagen. Sei’s drum, ich habe mich seither nie wieder so gesund gefühlt.

  3. Dr. Werner sagt:

    @ Dirk

    aus meiner ärztlichen Sicht ist es ein Versäumnis nur Doppelblindtests randomisiert geltenzu lassen ..
    auch Leitlinien, die aus juristischer Perspektive bindend sind, behindern Wissenszuwachs, der notwendig ist
    wir wissen noch lange nicht genug ..

    ich höre und lese gerne subjektive Patientenberichte und lerne daraus ..

    zur Schilddrüse und assoziierten endokrinologischen Störungen

    Janie A. Bowthorpe, M. ED.: Für die Schilddrüse – gegen den Starrsinn Stop the Thyroid Madness

    Es hilft nichts, außer einen Arzt/ Ärztin zu finden, der/ die kooperativ ist ..

  4. Helmut Schatz sagt:

    Liebe Frau Kollegin Werner, Sie haben natürlich mit Ihrem Kommentar im Prinzip Recht, aber nicht in allen Ihren Aussagen. Auch als Augenärztin kennen Sie gewiß die ursprünglichen Stadien (nach Sackett) der Evidenz — „BASIERTEN“ Medizin (EBM), bei denen RCT´s an der Spitze stehen, aber nur die BASIS darstellen. Auch die Expertise des Arztes, zusammen mit seinen Patienten, und selbst Expertenmeinungen (das war nach Sackett die Stufe IV) fließen ein. Niemand läßt doch nur „randomisierte Doppelblindtests gelten“, wie Sie schreiben. RCT´s liefern statistische Durchschnittsresultate, die natürlich nicht auf jeden Patienten zutreffen. Heute behandelt man ohnedies „personalisiert“. Liebe Frau Kollegin Werner, entschuldigen Sie bitte diese kleine „Studentenvorlesung“, die ich an der Bochumer Universität immer gehalten habe, wenn ein klinisches Semester begann. Leitlinien sind NIE juristisch bindend, man kann sogar belangt werden, wenn man im individuellen Fall nicht von ihnen…

  5. Helmut Schatz sagt:

    Oben fehlendes Satzende:…..(nicht von ihnen) abgewichen ist, wenn das medizinisch nötig gewesen wäre.

  6. Dr.Werner sagt:

    @ Helmut Schatz

    danke für die freundliche und differenzierende „Studentenvorlesung“.

    Wenn die „Wahrheitsfindung“ oder nennen wir es „Wahrheitskonstruktion“, in Anlehnung an Heinz von Förster, trivial wäre hätten wir nicht diese Gespräche.

    Ich beobachte nur diese „Anmaßung“ der Doppelblindwahrheiten und das Abdrängen von subjektiven Einzelbeobachtungen. In einer weitgehend industrialisierten Medizin ist Trivialisierung ein Weg, der gerne gegangen wird weil er gangbar ist.
    Gleichzeitig, wie könnte es anders sein, emergiert der Unterschied ( George Spencer-Brown – Laws of Form) in Form von subjektiven Einzelbeobachtungen. Und diese Patienten oder auch behandelnden Ärzte fallen meist durch das triviale Raster. Es bildet und hat sich gebildet einE Subkultur von medizinaffinen Patienten, Leidenden, oder auch Kollegen, oder bodyaffinen Sportlern, die zu Themen beitragen.

    Sie merken, dass mich diese „Subkultur“ bewegt als „Emotion“, dies passiert bei Betroffenheit ..

  7. Maja sagt:

    Ich würde das Phänomen nicht „Subkultur“ nennen, sondern eher eine Notwendigkeit. Prof. Schatz hat mal im Blog über eine Pharmafirma gesprochen, die nach 50 Jahren Diabetesforschung aufgegeben hat. Moment mal….Die Firma hat an einem Diabetesmedikament geforscht, nicht an Ursachen für Diabetes. Ein wichtiger Unterschied. Und da liegt das Problem. Mittlerweile ist das Verständnis für Medizin, bzw. Aufgaben eines Arztes, genau das Gegenteil davon, was es sein sollte, geworden: der Arzt weiß, welches Medikament er bei welchem Krankheitsbild aufschreiben soll. Das ist meistens aber auch alles. Wenn man nach möglichen Ursachen, bzw. Zusammenhängen fragt, wird man oft mit größtem Unverständnis betrachtet. Möchte man als Patient die Ursachen behandeln und nicht nur die Symptome lindern, bleibt ihm nichts anderes übrig, wie sich selbst zu bilden. Die Fachliteratur ist heute allgemein zugänglich, und manche Patienten können auch lesen…

  8. Dr.Wernet sagt:

    @Maja
    danke für Ihren Kommentar, dem ich gerne zustimme.
    Ich persönlich als Ärztin sitze auf dem Zaun zwischen den Welten.
    Ich bedaure einfach, dass die Medizin, so leistungsfähig sie ist,
    die andere Seite, oder besser gesagt das biologische System als System oft ignoriert.
    Dies würde eine erweiterte Ausbildung erfordern sowie kybernetisches Denken wie
    es Johannes W. Dietrich in seiner Promotion erörtert.
    Dazu F.B. Simon „Formen“, dort wird noch zusätzlich das medizinische Denken erweitert.
    Ein großes wichtiges Thema ..

  9. Beppo sagt:

    Sehr geehrte Frau Dr. Werner,
    Schön, diese Zeilen von einer Ärztin zu lesen! Als Patientin erhebe ich trotzdem den warnenden Zeigefinger, denn dass erweiterte Ausbildung notwendig wäre, wird gerne übersehen. Ich erlebe „Laienmediziner“, die alles nur noch schlimmer machen mit falschen Verknüpfungen. Einig sind aber wohl alle Betroffenen, dass Schilddrüsenunterfunktionen schlechter therapiert werden, als es möglich wäre. Wieso werden wir weiter mit dem „Goldstandard TSH „abgespeist? Wieso gibt es heute keine Tabelle mit aktuellen Jodgehalten?

    Ich wünsche mir vor allem Normalisierung im medizinischen Betrieb. Endlich ohne Privatrechnung die notwendigen Blutwerte abnehmen. Die Autoimmunproblematik nicht mehr unter den Tisch kehren. Diagnoserichtlinien ernst nehmen. Depressionen nicht übersehen. Und Patienten mögen ihre Grenzen nicht überschreiten und Chaos anrichten. Dann wäre schon vieles besser. Wir haben keine furchtbar geheimnisvolle Krankheit, sie wird nur dazu gemacht.

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