Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Ghrelin, ein Hormon aus dem Magen, steigert nach intravenöser Gabe beim Menschen den Appetit. Kann es therapeutisch noch mehr?


Bochum, 4. April 2013

Garin et al. (1) analysierten die Publikationen über Anwendungen von Ghrelin bei 1850 Menschen, denen es als Infusion oder Bolus in verschiedenen Dosen verabreicht worden war. Es zeigte sich eine appetitsteigernde Wirkung, die Sicherheit einer Kurzzeit-Anwendung erschien gegeben. Es fanden sich auch Hinweise für einen breiteren therapeutischen Effekt, die allerdings weiter überprüft werden müssen.

Da bisher keine umfassende Übersicht zu positiven und negativen Effekten einer Ghrelin-Anwendung bei Menschen vorlagen, durchsuchten die Autoren (1) alle Publikationen , die in PubMed gelistet waren. Sie wählten für ihre Analyse 121 Arbeiten aus, die Anwendungen am Menschen beschrieben. Diese erfolgten bei gesunden Personen, Übergewichtigen, Patienten nach Gastrektromie, Krebs, Hypophysenerkrankungen, Diabetes mellitus, Eßstörungen und weiteren Erkrankungen. Es fand sich eine starke Evidenz für eine Appetitsteigerung durch Ghrelin. Die Blutspiegel von Wachstumshormon, ACTH, Cortisol, Prolaktin und Glukose wurden durch Ghrelin ebenfalls erhöht. Hingegen ergaben sich nur spärliche Hinweise für einen Ghrelineffekt auf die Spiegel von LH, FSH, TSH und Insulin, kaum für eine Beeinflussung von Lipolyse, Körperzusammensetzung, Herz- und Lungenfunktion, Gefäßsystem oder Schlafverhalten. Negative Wirkungen zeigten sich bei 20%, hauptsächlich Flushsymptome und Magenknurren milderen Ausmaßes. Die wenigen, schweren Nebenwirkungen wurden bei Patienten mit fortgeschrittenen Krankheiten beobachtet, ohne dass ein kausaler Zusammenhang mit der Grelingabe hergestellt werden konnte.

Kommentar

In das Hormon Ghrelin wurden und werden grosse Erwartungen gesetzt. Viele Befunde wurden bisher experimentell erhoben. So publizierten Moon et al.(2) im Jahre 2009 eine Arbeit an erwachsenen Mäusen, die mit Ghrelin eine gesteigerte Neurogenese im Hippocampus fand. Daran schlossen sich Spekulationen über einen möglichen therapeutischen Ansatz von Ghrelin bei Morbus Alzheimer an. Auch dachte man nach über eine Unterdrückung des Ghrelins zur Appetitverringerung und damit über einen Einsatz bei Übergewichtigen. In einer Pressemitteilung hat die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie am 15. November 2011 darüber berichtet (3). Der Kommentator hofft und ist ziemlich sicher, dass in den nächsten Jahren Ghrelin nicht nur experimentell, sondern auch in der praktischen Medizin eine grössere Bedeutung zukommen wird.

Helmut Schatz

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Literatur

(1) M.C. Garin et al.: The human experience with Ghrelin administration.
J. Clin. Endocrinol. Metab. March 2013
http://www.docguide.com/human-experience-ghrelin-administration

(2) M. Moon et al.: Ghrelin regulates hippocampal neurogenesis in adult mice.
Endocrine Journal 2009. 56: 525-531

(3) Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie: Neue Therapieansätze im Kampf gegen Alzheimer und Übergewicht.
Pressemitteilung vom 15. November 2010

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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4 Antworten auf Ghrelin, ein Hormon aus dem Magen, steigert nach intravenöser Gabe beim Menschen den Appetit. Kann es therapeutisch noch mehr?

  1. Jana Leber sagt:

    Vielen dank für den Beitrag Herr Schatz,

    ich finde es immer wieder erstaunlich zu was die Forschung fähig ist, in diesem Fall ist es super das die Forschung entdeckt hat das Hormon in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden kann und nicht nur auf den Wachstumsbereich beschränkt ist.

    Gruß Jana

  2. Helmut Schatz sagt:

    Sehr geehrte Frau Kollegin Leber,

    Sie weisen auf eine Eigenschaft in der Evolution hin, so gut wie nichts zu vergessen, sondern wie etwa bei den Hormonen diese auch „umzufunktionieren“ oder manchmal – scheinbar? – „pausieren“ zu lassen, ohne dass sie verlorengehen. Das erkennt man an den „pleiotropen“ Hormonwirkungen: Grhelin aus dem Magen wirkt an vielen Stellen im menschlichen Körper. Man hat es nur eben über seine wachstumshormonausschüttende Wirkung entdeckt, deshalb sein Name.Beim Darmhormon „GIP“steht die Abkürzung für „gastric inhibitory peptide“ – heute kann man es auch als „glucose-dependent insulinotropic peptide“ bezeichnen. Insulin findet sich, worauf mein Lehrer, E.F.Pfeiffer in Ulm oft hinwies, schon im Gehirn von Schnecken, und Calcitonin war bei der täglichen Produktion der Eierschalen von Hühnern wichtig, beim Menschen spielt es offenbar keine besondere Rolle, dennoch „schleppen“ wir es „mit uns herum“ . Calcitonin-Forscher mögen mit dies verzeihen – aber: Wer weiß schon, wann man eine besondere Rolle von Calcitonin beim Menschen einmal finden wird? Freilich erscheint mir dies unwahrscheinlich, denn nach totaler Thyreoidektomie wird es nicht substituiert und man kennt bisher keine klinischen Ausfallserscheinungen.

    Helmut Schatz

  3. Valentin Heinzkopf sagt:

    hallo,

    ich bin 15 jahre alt und wollte fragen wie es mit der therapeutischen wirkung von Ghrelin bei untergewichtigen menschen aussieht?

    schon einmal vielen dank für ihre antwort(en)

    Valentin Heinzkopf

  4. Helmut Schatz sagt:

    Lieber Valentin Heinzkopf,

    wie im Text erwähnt, gibt es auch erst Arbeiten zur Appetitsteigerung durch Ghrelin beim Menschen. Aber man ist noch weit davon entfernt, dieses für die Anwendung bei Untergewichtigen zu empfewhlen bzw. zuzulassen. Es gibt ja auch Nebenwirkungen, von denen man insbesondere bei einer längeren Anwendung gar nichts weiß.

    Helmut Schatz

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