Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Das Herzkreislaufrisiko steigt bereits ab einem systolischen Blutdruck von 90 mm Hg


Bochum, 21. Juni 2020:

Am 10. Juni 2020 erschien in JAMA Cardiology online ein Artikel von Seamus P. Whelton et al. (1), in welchem eine Steigerung des Herzkreislaufrisikos bereits ab einem systolischen Blutdruck (SBP) von 90 mm Hg beschrieben wird. Diese betrug für je 10 mm Blutdrucksteigerung 53%.

Methodik

Die Autoren untersuchten eine Kohorte von 1457 Teilnehmern ohne atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankung (ASCVD)aus der „Multi-Ethnic Study of Atherosclerosis“. Das mittlere Alter lag bei 58 Jahren (SD 9.8), 61% waren Frauen. Es wurden die Teilnehmer eingeschlossen, welche auch keine kardiovaskulären Risikofaktoren aufwiesen: LDL-Cholesterin unter 160 mg/dl, HDL über 40 mg/dl, keine antilipidämische Behandlung, kein Diabetes, kein Tabakrauchen. Der systolischer Blutdruck hatte zwischen 90 und 129 mm Hg zu liegen, Patienten mit antihypertensiver Therapie wurden ausgeschlossen. Koronarkalk wurde als fehlend oder vorhanden klassifiziert und bei der Kalkulation der adjustieren Hasard Ratio (aHR)  berücksichtigt.  Die Studie lief vom 27. März 2018 bis 12. Februar 2020, die mittlere Beobachtungszeit lag bei 14.5 (SD 3.9 ) Jahren.

Ergebnisse

Die traditionellen Risikofaktoren, Koronarkalk und ASCVD-Ereignisse nahmen mit steigendem systolischen Blutdruckwert zu. Die adjustierte Hazard Ratio betrug 1.53 (95% CI, 1.17-1.99) für je 10 mm höheren systolischen Blutdruck.  Im Vergleich mit den Personen mit einem SBP von 90-99 mm Hg betrug die aHR für das ASCVD Risiko 3.00 (95% CI, 1.10-8.88) bei einem SBP von 100-109 mm Hg, bei 3.10 (95% CI, 1.03-9.28)für einen SBP von 110-119 mm Hg und 4.58 (95% CI, 1.47-14.27) für 120-129 mm Hg.

Schlussfolgerungen

Die Primärprävention von ASCVD müsse bereits sehr früh beginnen, schon in der Jugend. Zuerst sind das gesunde, salzarme Ernährung und gesteigerte körperliche Aktivität. Schon kleine Änderungen im Blutdruck können offenbar zu grossen Änderungen des ASCVD-Risikos  in einer Gesamtpopulation führen.

Kommentar

In nicht-industrialisierten Ländern steigt der Blutdruck mit zunehmenden Lebenalter kaum an, während dies in Ländern mit industriell gefertigten Kostformen und westlichem Lebensstil typischerweise der Fall ist. Die Autoren betonen, dass Ärzte versuchen sollten, die Patienten zu überzeugen, dass ein SBP von 90 mm Hg an sich nicht zu niedrig, sondern etwas Positives sei. Wenn ein Patient aber schon lange Zeit einen höheren Blutdruck hatte, dieser dann plötzlich aus irgendeinem Grund etwa auf 90  mm Hg absackt und Schwindel oder gar Synkopen auftreten, ist dies eine andere Situation. Eine Absenkung einer Hypertonie in tiefere Bereiche werden unsere Ärzte ohnedies nicht abrupt vornehmen.

Daniel Jones vom University of Missisippi Medical Center in Jackson betonte in einem begleitenden Kommentar (2), dass diese Arbeit ein Argument sei, die bisherige, in Leitlinien definierte Grenze für einen „normalen“ Blutdruck  < 130/80 mm Hg noch weiter abzusenken.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Seamus P. Whelton et al.: Association of Normal Systolic Blood Pressure Level With Cardiovascular Disease in the Absence of Risk Factors.
JAMA Cardiol. Published online June 10, 2020. doi:10.1001/jamacardio.2020.1731

(2) Daniel W. Jones: What is a Normal Blood Pressure ? Invited Commentary.
JAMA Cardiol. Published online June 10, 2020. doi:10.1001/jamacardio.2020.1742

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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