Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Hilft Vitamin D bei COVID-19?


Bochum, 18. Mai 2020

Am 9. April 2020 erschien eine (am 7. Mai 2020 revidierte) Arbeit von Mark Alipio , University of Southeastern Philippines (1), welche auf Grund einer retrospektiven Multicenter-Observationsstudie in drei südostasiatischen Krankenhäusern ergab, dass bei COVID-19 – Patienten mit Vitamin D-Spiegeln <20 ng/ml der Krankheitsverlauf  schlechter war als bei höheren Werten (1).

Mit einer multinomialen logistischen Regressionsanalyse wurde das klinische Outcome von 212 Patienten mit laborbestätigter SARS-CoV-2 Infektion auf Basis ihres Vitamin D – Status abgeschätzt (1). Aus den Krankenunterlagen wurden die Patientendaten gewonnen, statistisch wurde nach Mann-Whithney überprüft. Der mittlere 25(OH)Vitamin D – Spiegel aller Patienten betrug 23.8 ng/ml. Es wurde die Einteilung nach Holick 2009 (2) gewählt (die anders ist als die der D.A.CH. – Länder oder des Institute of Medicine der USA): normal >30, insuffizient 21-29, defizient <20 ng/ml.  Bei Patienten mit Vitamin D –„Defizienz“ (<20 ng/ml) war die Prävalenz einer schweren  Krankheit viel höher als bei mildem Verlauf. Das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs war bei niedrigem Vitamin D –Spiegel ~achtmal grösser als bei ausreichender Vitamin D – Versorgung.

Die Autoren schlagen vor, insbesondere Patienten, die nicht im Freien physisch aktiv sein können, Vitamin D zuzuführen, vornehmlich durch Nahrung, aber auch durch 1000 – 2000 E Vitamin täglich.  Die Autoren planen eine prospektive Studie über den Einfluss von Vitamin D auf den Krankheitsverlauf.

Kommentar

Über günstige Effekte von Vitamin D bei Lungenerkrankungen wurde im DGE-Blog mehrfach berichtet, so am 8. Juli 2017 (2).

Akute Atemwegsinfekte nahmen nach der systematischen Übersicht und Metaanalyse von Martineau et al. 2017 ab (RR 0.88; 95% CI. 0.81-0.96). Die Autoren schlussfolgerten: Vitamin D  supplementation was safe and it protected against acute respiratory tract infection overall. Patients who were very vitamin D deficient and those receiving not bolus doses experienced the most benefit (3).

Auch in der großen Übersichsarbeit von Autier et al. 2017 wird – im Unterschied zu  sonst fast durchweg negativen Resultaten – ein gewisser positiver Effekt von Vitamin D auf akute Atemwegsinfekte und Asthma-Exazerbationen beschrieben (4).

Eine Cochrane-Analyse an Kindern und Erwachsenen fand auch eine Reduktion von Asthmaanfällen. Die Zahl schwerer Asthmaanfälle sank mit Vitamin D von 0.44 auf 0.22 pro Patient und Jahr ab, die deshalb nötigen Krankenhausaufnahmen von 6% auf 3%. Weder die Lungenfunktion noch die alltäglichen Asthmasymptome verbesserten sich jedoch. Marek Lommatzsch, Pneumologe aus Rostock meinte damals dazu, die Studienlage sei nicht eindeutig genug, um eine Vitamin D- Gabe generell zu empfehlen (5). In Deutschland lief zu dieser Frage die EVITA-Studie an 11 Standorten.

Eine randomisierte, kontrollierte Studie (RCT) mit Vitamin D bei COVID-19-Patienten, wie Mark Alipio gefordert (1), sollte hier weitere Aufklärung bringen.

Kritik

In der Arbeit von Alipio finden sich keine Angaben über das Alter und eventuelle Ko-Morbiditäten der Patienten. Man kann vermuten,  dass diejenigen mit niedrigerem Vitamin D-Spiegel,  ob man das nach Holick nun „Defizienz“ nennt oder nicht, weniger ins Freie gingen, da sie alt bis sehr alt und/oder anderweitig krank waren, somit wohl eingeschränkt beweglich. Deshalb könnten zumindest bei einem Teil der Patienten die Vitamin D –Ausgangsspiegel niedriger gewesen sein. Die im Internet publizierte pre-print – version (1) unterlag noch keinem Peer-Review-Prozess.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Mark Alipio: Vitamin D Supplementation Could Possibly Improve Clinical Outcomes of Patients Infected with Coronavirus-2019 (COVID-19).
https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=3571484

(2) M. F. Holick: Vitamin D status: measurement, interpretation, and clinical application.
Ann. Epidemiol. 2009. 19(2):73-78

(3) Helmut Schatz: Immer wieder Vitamin D.
DGE-Blogbeitrag vom 8. Juli 2017

(4) Adrian R. Martineau et al.: Vitamin D supplementation to prevent acute respiratory tract infections: systamytic review and meta-analysis of individul participant data.
Brit. Med. J. 2017; 356:i6583. doi: https://doi.org/10.1136/bmj.i6583

(5) P. Autier et al.: Effect of vitamin D supplementation on non-skeletal disorders: a systematic review of meta-analyses and randomized trials.
Lancet Diabetes Endocrinology 2017. Published online October 25, 2017.
http://dxdoi.org/10.1016/S2213-8587(17)30357-1

(6) M. Lommatzsch, in: A. Brodmerkel, Cochrane-Analyse : Vitamin D senkt Zahl schwerer Asthmaanfälle – doch Supplementierung noch nicht empfohlen.
http://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4905338_print

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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5 Antworten auf Hilft Vitamin D bei COVID-19?

  1. Kristian Rett sagt:

    Lieber Herr Schatz,
    vielen Dank für Ihren wertvollen Beitrag. In der alten NEJM-Arbeit von Holick (1) wird eine Rolle des 1,25(OH)2D in der A) Immunmodulation und B) Angiogenesehemmung diskutiert.
    ad A: Wenn Monozyten/Makrophagen über den Toll-like-Rezeptor (TLR2/1) durch einen Erreger oder sein Lipopolysaccharid stimuliert werden, wird die Expression des Vitamin D-Kernrezeptors und der 1α-Hydroxylase (1-OHase) hochreguliert. Ein 25-(OH)D von >30 ng/ml sollte als Substrat für die 1-OHase ausreichen, um genügend 1,25(OH)2D zu sichern. 1,25(OH)2D steigert im Kern die Cathelicidin-Expression und fördert damit die angeborene Immunität und die Zerstörung des Erregers.
    ad B: 1,25(OH)2D hemmt Angiogenese und bei der Covid-19 Endothelitis wurde eine intussuszeptive Angiogenese beschrieben (2).
    1) D Holick MF (2007) Vitamin D Deficiency. NEJM 2007;357:266-81
    2) Ackermann M et al. (2020) Pulmonary Vascular Endothelialitis, Thrombosis, and Angiogenesis in Covid-19. NEJM 2020;…

  2. Helmut Schatz sagt:

    Lieber Herr Rett, danke für Ihre fundierten Kommentare. Ihre (patho-)physiologischen Kommentare sind hochinteressant. Auf verschiedenen Diskussionsforen im Internet wurde ich mit solchen Überlegungen schon mehrfach konfrontiert. Nur: Ich bin bei diesem sowie weiteren Coronabeiträgen stets von Endpunkten bzw. dem klinischen Bild ausgegangen. Wir leben ja im Zeitalter der Outcome-Medizin. Surrogatparameter, so wertvoll sie sein mögen wie etwa HbA1c oder LDL-Cholesterin, aber auch Spiegel von Vit. D – Metaboliten, Vit.D-Rezeptoren oder Vit.K, die immer wieder von Lesern ins Treffen geführt werden, wollte und habe ich bewusst nicht angesprochen oder diskutiert, sondern däs klinische Ergebmis in den Votdergrund gestellt.

  3. Kristian Rett sagt:

    Lieber Herr Schatz,
    ich stimme mit Ihnen im Hinblick auf Patienten-relevante klinische Endpunkte vollständig überein. Epistemologisch muß die Basis aber immer eine prüfbare Hypothese auf Grundlage eines pathophysiologischen Konzepts sein. Die Vitamin-K-hype ist für mich ein exzellentes Beispiel für fehlende Evidenz ohne sauber durchdeklinierte Pathophysiologie.

  4. Teils liegt das Problem auch an ungeeigneten statistischen Testverfahren. Einige Studien konnten zeigen, dass der Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Konzentration und wichtigen Outcome-Markern U-förmig ist [1, 2]. Hier wird man mit einem T-Test oder ANOVA keine aussagekräftigen Ergebnisse bekommen. Die zentrale Tendenz führt hier nicht weiter [3].

    1. Esteghamati A et al.. Non-linear contribution of serum vitamin D to symptomatic diabetic neuropathy: A case-control study. Diabetes Res Clin Pract. 2016 Jan;111:44-50. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26548603/.

    2. Hansen CS e tal.. High and low vitamin D level is associated with cardiovascular autonomic neuropathy in people with Type 1 and Type 2 diabetes. Diabet Med. 2017 Mar;34(3):364-371. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27696502/

    3. Hoermann, R et al. (2020). Choosing between parametric and non-parametric tests.. European Journal of Endocrinology , EJE-20-0134, https://doi.org/10.1530/EJE-20-0134

  5. Helmut Schatz sagt:

    Zwei Rapid Scientific Reviews von NICE (National Institute of Clinical Exellence) und SACN (Wissenschaftliches Ernährungsinstitut in den USA) brachten zuwenig Evidenz, dass Vitamin D bei COVID-19 schützt oder hilft.

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