Ulrike Schatz, Dresden
Dresden, 5. September 2026:
In einer Pressemitteilung vom 4. 9. 2026 der Firma Ionis, Partnerfirma von Novartis werden die Topline-Ergebnisse mit dem Prüfpräparat Pelacarsen zur Lipoprotein(a)- (Lp(a))– Absenkung mitgeteilt (1). Der primäre Endpunkt wurde in der Gesamtpopulation nicht erreicht: Der 4-Punkt-MACE (Kombination aus kardiovaskulärem Tod, nicht-tödlichem Myokardinfarkt, nicht-tödlichem Schlaganfall und dringender koronarer Revaskularisierung) wurde unter Pelcarsen versus Placebo nicht signifikant gesenkt. Lp(a) wurde durch das Antisense-Oligonukleotid verringert, das genaue Ausmaß ist bisher aber nicht publiziert (1).
Lp(a)-HORIZON ist eine globale randomisierte, placebokontrollierte doppelblinde kardiovaskuläre Endpunktstudie, die über 8000 Patienten eingeschlossen hat mit hohen Lp(a) und manifester Herz-Kreislauferkrankung, einen großen Teil davon in Deutschland. Die Patienten waren von Ihren LDL-C Werten sehr gut eingestellt mit einem großen Anteil an potenten Statinen, oft in Kombination mit Ezetimib und in über 10% auch einem PCSK9-Hemmer.
Kommentar:
Dies sind die vorläufigen Topline-Ergebnisse aus einer Pressemitteilung. Bevor die vollständigen Studienresultate nicht präsentiert und publiziert sein werden, sollten keinerlei voreilige Schlussfolgerungen gezogen werden. Unbekannt ist die Hazard Ratio, das Konfidenzintervall, die Differenzierung der verschiedenen Lp(a)-Ausgangs-Strata, das Ausmaß der Lp(a)-Senkung sowie das genaue Nebenwirkungsprofil mit exakter Drop-Out-Rate.
Daher bleibt offen, ob bei bestimmten Konstellationen das kardiovaskuläre Risiko doch gesenkt wird: z.B. bei Patienten mit höheren Lp(a)-Ausgangswerten (und die Studie differenzierte hier), oder bei höherem Lp(a)-Absenkungsausmaß oder höheren LDL-C Ausgangswerten?
Das Baseline LDL-C lag bei 1,6 mmol/l bzw. 65 mg/dl und damit deutlich besser als alle „Real World“ Daten zeigen. Die Studienpopulation war also exzellent bzgl. der anderen kardiovaskulären Risikofaktoren eingestellt und es ist gut bekannt, dass sich damit allein das Lp(a)-vermittelte Risiko substanziell reduzieren lässt.
Die Frage nach dem Lp(a)-Absenkungsausmaß ist insbesondere deswegen so interessant, da in den Phase II Studien die in HORIZON verwendete Dosierung gar nicht getestet wurde: Hier wurde u.a. 20 mg wöchentlich oder 60 mg aller 4 Wochen getestet – 20 mg wöchentlich hatte sich als besonders effektiv herausgestellt – in HORIZON wurde nun pragmatisch 80 mg monatlich angewendet, was einer Hochrechnung entsprach (5).
Interessanterweise gab es beim kürzlich in München stattgefundenen Jahreskongress der europäischen Kardiologie Gesellschaft (ESC) einen interessanten Kommentar von Ann Marie Navar aus den USA, die beschrieb, dass HORIZON neutral sein könnte aufgrund unzureichender Lp(a)-Absenkungsrate und möglicherweise zu hoher Therapieabbruchrate, so dass sie schlussfolgerte „you may say i told you so“.
Für Lp(a) als unabhängigen kardiovaskulären Risikofaktor liegt jedoch umfangreiche Evidenz vor: (siehe auch die DGE-Blogbeiträge 2-4):
- Epidemiologische Evidenz (große prospektive Studien)
Multiple große epidemiologische Studien zeigten, dass ein erhöhter Lp(a)-Spiegel einen unabhängigen kardiovaskulären Risikofaktor darstellt – oft verdoppelt oder verdreifacht sich das Rest-Risiko – je höher Lp(a), desto höher das Risiko. - Genetische Evidenz
Die wohl stärkste Evidenz kommt aus Mendelschen Randomisierungsstudien. Lp(a) ist überwiegend genetisch determiniert und ändert sich im Laufe des Lebens kaum. Genetische Studien belegen die kausale Beziehung: Menschen mit genetisch erhöhten Lp(a)-Werten erleiden häufiger atherosklerotische Gefäßerkrankungen - Pathophysiologisch – mechanistische Evidenz
Lp(a) ist strukturell dem Low-Density Lipoprotein-C (LDL-C) ähnlich und trägt zusätzlich das Protein Apo(a) oxidierte Phospholipide. So erklären sich die proatherogenen und proinflammatorischen Eigenschaften.
Die Datenlage zum erhöhten kardiovaskulären Risiko durch Lp(a) ist also überzeugend; ob sich die interventionelle isolierte Senkung doch in kardiovaskuläre Risikoreduktion übersetzen lässt, bleibt abzuwarten. Erstens kann erst nach Publikation der HORIZON – Daten wirklich über die Studie geurteilt werden und zweitens laufen noch zahlreiche Endpunktstudien mit anderen spezifischen Lp(a)-senkenden Medikamenten mit anderem Wirkmechanismus und noch teilweise noch höheren Absenkungsraten (wie z.B. Olpasiran (siRNA): OCEAN(a)-Outcomes, Lepodisiran (siRNA): ACCLAIM-Lp(a), Muvalaplin (small molecule): MOVE-Lp(a)). Das Kapitel ist also keinesfalls geschlossen.
OÄ Priv.-Doz. Dr. med. Ulrike Schatz, Dresden
Literatur
(1) Pressemitteilung der Firma Ionis, Partnerfirma von Novartis: Lp(a)-HORIZON Phase 3 topline results for pelacarsen in patients with elevated Lp(a) and established cardiovascular disease.
Carlsbad, Calif. (Business Wire), Sept. 4, 2026
(2) Ulrike Schatz und Helmut Schatz: Lipoprotein(a) in der Leitlinie 2026 des American College of Cardiology und der American Heart Association.
DGE-Blogbeitrag vom 24. Mai 2026
(3) Ulrike Schatz: Update 2025 der Lipid-Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) und der Europäischen Atherosklerose-Gesellschaft (EAS)
DGE-Blogbeitrag vom 6. Oktober 2025
(4) Helmut Schatz: Neue Entwicklungen in der Lipidologie
DGE-Blogbeitrag vom 19. Oktober 2023
(5) Tsimikas S et al, NEJM 2020, 382/2 (3)
(6) Cho L et al: Design and Rationale of Lp(a)HOIRZON Trial, Am Herat J 2025, 287:1-9
(7) ClinicalTrials.gov. NCT 04023552
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