Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Jodmangel in Deutschland. Offener Brief der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie


Bochum, 6. August 2014:

Im Anschluss an die Fernsehsendung Terra Xpress im Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) vom 30. März 2014 zum Thema Jodmangel und Jodsupplementation gab die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) am 2. April 2014 eine Stellungnahme ab, die auf der Homepage der DGE publiziert wurde (1). Der Intendant des ZDF wurde in einem eigenen Brief angeschrieben. Im Blog der DGE erschienen ebenfalls mehrere Berichte zum Thema Jod, die stark diskutiert und von Jodgegnern heftig kritisiert wurden.

Jetzt erreicht die DGE ein Offener Brief der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie zum Thema „Jodmangel“ in Deutschland (2). Dieser liegt auf der Linie der DGE und es wird auch unsere Stellungnahme (1) zitiert. Der Brief wurde namentlich an den Bundesminister für Gesundheit, Herrn Hermann Gröhe, und an den Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Herrn Christian Schmidt versandt. Im Folgenden wird dieser „Offene Brief“ in voller Länge bekanntgegeben.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie, Stellungnahme vom 2.4.2014: Fehlinformationen zur Jodversorgung gefährden Gesundheit
www.endokrinologie.net/stellungnahmen_140402.php

(2) Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie: Offener Brief zum Thema „Jodmangel“ in Deutschland vom 17. Juli 2014 (siehe unten).

DGEpi · Geschäftsstelle · Bünteweg 2 · D-30559 Hannover
Prof. Dr. med. Hajo Zeeb
Tel: 0421 / 218-56902
Fax 0421 / 218-56941
E-Mail: zeeb@bips.uni-bremen.de

Bremen, 17. Juli 2014

An den Bundesminister für Gesundheit
Herrn Hermann Gröhe
Friedrichstraße 108
10117 Berlin (Mitte)
und
an den Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft
Herrn Christian Schmidt
Wilhelmstraße 54
10117 Berlin

Offener Brief zum Thema „Jodmangel“ in Deutschland

Sehr geehrter Herr Minister Gröhe,
sehr geehrter Herr Minister Schmidt,

Jodmangel bedingt eine Reihe von Erkrankungen mit erheblicher individueller und volkswirtschaftlicher Relevanz. Bei Erwachsenen besteht ein vergrößertes Risiko für Struma (Schilddrüsenvergrößerung) und Schilddrüsenknoten. Diese gehen oft mit Schilddrüsenfunktionsstörungen einher, die das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bedingen. Tragen Frauen unter Jodmangelbedingungen Schwangerschaften aus, kann dies negative Effekte auf die Hirnentwicklung ihrer Kinder haben.

Deutschland ist nach Kriterien der WHO eine Jodmangelregion. Seit Mitte der 1990er Jahre wird dem Jodmangel mit einer Jodierung von Speisesalz und Tierfuttermittel begegnet. Generell werden diese Präventionsmaßnahmen von Verbrauchern gut angenommen. Allerdings wird in den letzten Jahren durch unwissenschaftliche Argumente Unsicherheit geschürt, die von einigen Medien noch unterstützt wird. Als wissenschaftliche Fachgesellschaft möchte die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie zur derzeitigen Situation der Jodversorgung in Deutschland wie folgt Stellung nehmen:

1. Jodmangelprävention muss überwacht werden, um Abweichungen von den Zielvorgaben frühzeitig entdecken und gegensteuern zu können. Die bundesweiten Studien KIGGS und DEGS des Robert Koch-Institutes dienen diesem Ziel. Hinzu kommen epidemiologische Studien wie KORA und SHIP, die Auskunft über die regionale Jodversorgung der süd- bzw. nordostdeutschen Bevölkerung geben. Wir möchten Sie bitten, insbesondere dafür zu sorgen, dass KIGGS und DEGS auch weiterhin und dauerhaft das qualitativ hochwertige Monitoring der Jodversorgung bei Kindern und Erwachsenen umsetzen.

2. Das bestehende Jodmonitoring in Deutschland ist Beispiel gebend für andere europäische Länder. Ihre Ministerien sollten sich dafür einsetzen, dass Jodmonitoring auch als integraler Bestandteil europäischer Gesundheitsstudien (EHES) aufgenommen wird.

3. Die derzeit verfügbaren Daten der in 1. genannten Studien geben keinen Hinweis darauf, dass relevante Anteile der Bevölkerung mit Jod überversorgt sind oder sich das mittlere Risiko für autoimmun bedingte Schilddrüsenerkrankungen erhöht hat. Im Gegenteil, es besteht eine Tendenz zu einer zunehmenden Ineffizienz der Jodversorgung, die sich unter anderem durch die abnehmende Verwendung von Speisesalz erklären lässt. Wir empfehlen daher, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, die die Effektivität der Präventionsmaßnahmen sicherstellen.

4. Die Verschreibung von L-Thyroxin hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Diese Entwicklung kann mit dem derzeitigen Stand der Jodversorgung nicht unbedingt erklärt werden. Vielmehr ist es wahrscheinlich, dass die Diagnose Schilddrüsenunterfunktion von Ärztinnen und Ärzten oft nur auf Grundlage von Laborwerten gestellt wird, wobei nicht aktuelle, sondern historische TSH-Referenzwerte Verwendung finden. Die historischen Werte sind kurz nach Einführung der effektiven Jodmangelprävention erstellt worden und somit niedriger als aktuell erforderlich. Wir möchten Sie bitten, geeignete Aufklärungsmaßnahmen der Ärzteschaft zu unterstützen.

5. Um ein ausgewogenes Bild des volkswirtschaftlichen Nutzen der Jodmangelprävention zu erhalten, sind auch Informationen zum Trend von Radiojodtherapie und Schilddrüsenoperationen erforderlich. Optimalerweise sollten diese mit Individualdaten von Probanden der unter 1. genannten Bevölkerungsstudien verbunden werden. Leider schränken deutsche Gesetzgebung und die dezentrale Organisation von Gesundheitsdaten (ambulante und stationäre Behandlungsdaten, Verschreibungsdaten) die Möglichkeiten hierzu erheblich ein. Wir möchten Sie daher bitten, bei Diskussionen um Datenschutz und Verfügbarmachung von Gesundheitsdaten zu Forschungszwecken die Interessen der Gesundheitsforschung und damit das gesamtgesellschaftliche Interesse an der Evaluation von Präventionsprogrammen zu vertreten.

Die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie möchte betonen, dass die Diskussion um die Jodsalzprophylaxe auf Grundlage fundierter wissenschaftlicher Erkenntnis erfolgen muss. Wir sind gerne bereit, zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (http://www.endokrinologie.net/stellungnahmen_140402.php) und anderen wissenschaftlichen Fachgesellschaften bei der Erweiterung der Datenbasis mitzuwirken, um die Solidität gesundheitspolitischer Entscheidungen zu gewährleisten.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. med. Hajo Zeeb
für die DGEpi

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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Eine Antwort auf Jodmangel in Deutschland. Offener Brief der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie

  1. Facharzt für Nuklearmedizin sagt:

    Sehr geehrter Herr Prof. Dr. med. Hajo Zeeb,

    Ich bin ganz Ihrer Meinung und möchte noch hierbei hinzufügen, daß ein erhöhter TSH Wert noch nicht Zeichen einer Hypothyreose ist. KInder haben höhere TSH Werte als Erwachsene und es gibt viele Einflußfaktoren, die den TSH Wert verändern können wie z.B. das Volumen der Schilddrüse, die Körpermasse, das Alter oder selbst die Zeit der Blutabnahme. TSH ist ein Hypophysenhormon, das die Schilddrüse zur Hormonproduktion stimuliert und nicht das Gegenteil. Höhere TSH Werte müssen nicht als eine Hypothyreose interpretiert werden.
    Trotz der amerikanischen und europäischen Leitlinien, die eine Substitutionspflicht erst bei einem TSH von > 10 sehen, werden unnötig Schilddrüsenhormone verschrieben. Diese dient auch nicht der Behandlung einer Hypothyreose sondern nur des TSH Korrekturs. Nicht nur wegen den historischen Referenzwerten sondern auch den Aktuellen werden deswegen Schilddrüsenhormone verschrieben

    Die Zunahme der LT4 Medikation hat nichts mit der Jodversorgung zu tun.

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