Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Kindliche Fettsucht assoziiert mit erhöhten Urinspiegeln an Bisphenol A aus Plastikmaterialien


Bisphenol A gehört zusammen mit den Phthalaten (1,2,3) zu den sogenannten endokrinen Disruptoren. Diese Substanzen können schädigend in das menschliche Hormonsystem eingreifen. Bisphenol A findet sich im Urin bei über 90% der amerikanischen Bevölkerung. Eine Studie ergab, dass 99% über die Nahrung aufgenommen werden: Man findet Bisphenol A etwa im Inhalt von Konservendosen, aus deren Innenbeschichtung es sich herauslöst, oder in Flüssigkeiten aus Plastikflaschen, aber auch in Thermopapieren, wie sie zum Beispiel für Kassenbons verwendet werden. Jetzt berichten Leonardo Trasende und Mitarbeiter von den Universitätsdepartments für Kinderheilkunde und für Umweltmedizin in New York im Journal der Amerikanischen Ärztegesellschaft (JAMA) vom 19. September 2012 (4), dass bei 2838 repräsentativ und randomisiert ausgewählen Kindern und Jugendlichen bei hohen Bisphenol A-Spiegeln im Urin etwa doppelt so viel Fettsüchtige gefunden wurden wie bei niedrigen Spiegeln. Die Urinspiegel an Bisphenol A nehmen beim Fasten nicht ab, so dass man davon ausgeht, dass Bisphenol im Fettgewebe lange gespeichert wird. Ähnliches wurde schon zuvor bei Erwachsenen beobachtet, bei denen auch eine Assoziation mit Diabetes, kardiovaskulären Erkrankungen und Leberfunktionseinschränkungen bestand. Bei den Kindern und Jugendlichen wurde keinerlei Verbindung zu anderen Umweltchemikalien wie beispielsweise Phthalaten in Sonnencremes oder Seifen gesehen (2,3).

Kommentar des Referenten:

Bisphenol A war einer der ersten chemischen Stoffe, von dem bekannt wurde, dass er ähnlich wie das natürliche weibliche Hormon wirkt und in den Hormonhaushalt des Menschen eingreifen kann. Dadurch können die Fortpflanzung und auch das Immunsystem gestört werden. Eine zweite, chemisch verschiedene Stoffklasse, die der Phthalate, zählt ebenso wie Bisphenol A zu den „endokrinen Disruptoren“. Phthalate dienen hauptsächlich als Weichmacher für Plastikmaterialien wie etwa Infusionsschläuche in Krankenhäusern, wo sie, da billiger als andere Produkte, immer noch vielfach verwendet werden, wenn jetzt auch in der Europäischen Union eine Kennzeichnungspflicht besteht. In Kinderspielzeugen sind sie verboten (1,2). Für Phthalate wurde in Mexiko und in Schweden eine Assoziation zwischen dem Auftreten eines Typ-2-Diabetes beobachtet (2,3). Besonders gravierend sind die unter Phthalatbelastung der werdenden Mutter beobachteten Fehlbildungen der kindlichen Geschlechtsorgane sowie eine männliche Unfruchtbarkeit. Für den Nachweis einer kausalen Rolle der endokrinen Disruptoren bei Übergewicht, Fettsucht und Diabetes bedarf es freilich noch weiterer, auch longitudinaler Studien. Der Referent fragt sich, ob nicht doch trotz „control of caloric intake“ diejenigen, die mehr aus Konserven gegessen und kalorienreiche Softdrinks aus Plastikflaschen getrunken haben, allein schon dadurch dicker geworden sind und die erhöhten Bisphenol A-Spiegel im Urin auch daher gekommen sein könnten.

Literatur:

(1) H.Koch: Hormonerkrankungen durch Weichmacher.
Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie vom 19. März 2010.

(2) H.Schatz: Phthalate in Kosmetika und Diabetes.
Blog-Beitrag vom 16. April 2012 der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie.

(3) Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie: DGE warnt vor Weichmachern in Plastik: Phthalate begünstigen Diabetes Typ 2 und andere Krankheiten.
Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie vom 25. Mai 2012.

(4) L.Trasande et al.: Obesitry in children linked to higher urinary Bisphenol A.
J. Amer. Med. Ass. 2012. 308:1113-1121

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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