Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Kindliches Übergewicht und Paraben-haltige Kosmetika in der Schwangerschaft


Bochum, 16. Februar 2020:

Vor 5 Tagen erschien in Nature Communications (1) ein Artikel von Beate Leppert et al. mit Tobias Polte als Seniorautor über Befunde aus der LINA Mutter-Kind-Studie (2): Die Verwendung Paraben-haltiger Kosmetika während der Schwangerschaft war mit kindlichem Übergewicht in den ersten acht Lebensjahren assoziiert, mit einem stärkeren Trend bei den Mädchen. Tierexperimentell führte die Butyl-Paraben-Exposition von Mäusen bei deren weiblichen Nachkommen zu stärkerer Nahrungsaufnahme und Gewichtszunahme. In-vitro-Studien über mögliche Mechanismen lassen annehmen, dass die Gewichtszunahme wegen einer zufolge Paraben verminderten Aktivierung des Sättigungszentrums im Gehirn erfolgte, sodass die Mäuse mehr fraßen als die Nachkommen von intrauterin nicht Paraben-exponierten Tieren.

In den vitro-Versuchen zeigte sich, dass im Gehirn der jungen Mäuse durch Butyl-Paraben-Exposition in utero die Gene für den Leptinrezeptor und für das  Proopiomelanocortin (POMC) herunterreguliert waren. POMC ist für das Sättigungsgefühl wichtig. Epigenetische Veränderung durch Gen-Methylierung könnten über ein  „gene silencing“ des neuronalen POMC -Enhancers 1 eine hypothalamische POMC-Verminderung mit der Folge einer Beeinträchtigung des Sättigungszentrum im Gehirn bewirkt haben..

Kommentar

Die aktuelle Publikation über ein Paraben reiht sich ein in die zahlreichen Studien, die seit etwa einem Jahrzehnt  über „Endokrinen Disruptoren“ und deren Auswirkungen auf das  Hormonsystem und den Stoffwechsel erscheinen. Im DGE-Blog wird  immer wieder darüber berichtet. Tobias Polte und seine Mitarbeiter untersuchten jetzt Parabene, Substanzen, die in Kosmetika und vielen anderen Produkten enthalten sind. Parabenhaltige Kosmetika in der Schwangerschaft  führten nach ihrer Beobachtung zu übergewichtigen Kindern, vornehmlich Mädchen. Im Jahre 2012 berichtete der Referent (H.S.) im DGE-Blog, dass ein anderer endogener Disruptor, das Bisphenol A  bei übergewichtigen Kindern und Jugendlichen im Urin höher was als bei Normalgewichtigen (3). Ein weiterer endogener Disruptor, das Phthalat, das man als Weichmacher in Plastikmaterialen wie Infusionsbestecken, aber  auch in Kosmetika findet, war in einer schwedisch- mexikanischen Studie  mit Typ-2-Diabetes assoziiert (4). In den letzten Jahren wurde insbesondere die Störung der männlichen Sexualentwicklung durch Bisphenol A beachtet, das beispielsweise in der Innenbeschichtung von Konservendosen enthalten ist.  Interessante Gen-Expressionsstudien in Plazentaproben von Schwangeren sprechen für mögliche Auswirkungen von endokrinen Disruptoren wie polychlorierten Bisphenylen und anderen Dioxin-ähnlichen industriellen Chemikalien  auf die Schilddrüsenfunktion und die Kognition (5).

Die aktuelle Studie verbindet den Befund einer Assoziation des über Fragebögen erhobenen Kosmetika-Gebrauchs während der Schwangerschaft und den im mütterlichen Urin  gemessenen Butylparabenspiegeln mit dem Gewicht der Kinder. Zur Aufklärung des positiven Befundes stellten die Autoren zahlreiche, elegante und sehr aufwendige Untersuchungen an. (Tier-)Experimentell erhoben sie Befunde zur Erklärung des oben beschriebenen Mechanismus.  Ein über eine POMC-Abnahme vermindertes Sättigungsgefühl könnte die an den Mutter-Kind-Paaren gefundene Assoziation erklären. Insofern stellt die Studie einen wertvollen, originellen Beitrag zu den endokrinen Disruptoren dar.

Der Referent ist sich sicher, dass man, da Untersuchungsmaterial aus der  LINA-Studie gewiss vorliegen dürfte,  weitere endokrine Disruptoren  bezüglich einer Assoziation mit Übergewicht und späterem Typ-2-Diabetes sowie weiteren Veränderungen oder Krankheiten,  auch longitudinal  untersuchen wird.

Über die Möglichkeiten zur Vermeidung eines Kontakts mit endokrinen Disruptoren, (abgesehen über die hier diskutierten Kosmetika, Konservendosen und Weichplastikartikel) soll einer der nächsten Blogbeiträge informieren

Helmut Schatz

Literatur

(1) Beate Leppert et al.: Maternal paraben exposure triggers childhood overweight development.
Nature Communications 11, Article number 561 (2020)

(2) LINA Mutter-Kind-Studie. Studienleiterin: Dr. Gunda Herberth. Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ. Department Umweltimmunologie und Core Facility Studien, Permoserstraße 15, 04318 Leipzig

(3) Helmut Schatz: Kindliche Fettsucht assoziiert mit erhöhten Urinspiegeln an Bisphenol A aus Plastikmaterialien.
DGE-Blogbeitrag vom 21. September 2012

(4) Helmut Schatz: Phthalate in Kosmetika und Diabetes.
DGE-Blogbeitrag vom 16. April 2012

(5) Dagmar Führer: Industrielle Chemikalien verändern die Schilddrüsenhormon-Aktivität in der Plazenta, auch Rauchen erhöht die CYP1A-Aktivität im Mutterkuchen. Auswirkungen für die Entwicklung der Kinder?
DGE-Blogbeitrag vom 27. Oktober 2014

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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Eine Antwort auf Kindliches Übergewicht und Paraben-haltige Kosmetika in der Schwangerschaft

  1. Klaus Ebbinghaus sagt:

    Sehr guter Studienansatz durch Kombination einer klinischen Beobachtungsstudie mit zell- und tierexpeimentellen Befunden. Wenn man beim Menschen eine Kausalität von Parabene für kindliches Übergewicht auf Grund der tierexperimentellen Befunde auch annehmen kann, so verbleibt immer noch das Caveat bei der Übertragung vom Tier auf den Menschen. Ein krasses Beispiel: Vitamin D kann man als Rattengift kaufen, da es als Biocid bei Mäusen, Ratten, Katzen und auch etwas weniger bei Hunden tödlich wirken kann.

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