Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

L-Thyroxin das meistverschriebene Medikament des letzten Jahres in den USA


Bochum, 16. Juni 2014:

Spitzenreiter der am meisten verschriebenen Medikamente in den USA von April 2013 bis März 2014 ist L-Thyroxin (Synthroid, >23 Millionen), gefolgt von Rosuvastatin (Crestor, 22.9 Millionen) und Esomeprazol (Nexium, 19.3 Millionen). Vom Umsatz her führt weiterhin, ebenso wie auch in der Vorjahresperiode, das Neuroleptikum Aripiprazol (Abilify, 6.9 Milliarden US-Dollar). Es folgen das Antidepressivum Duloxetine (Cymbalta) und das Hochdruckmedikament Valsartan (Diovan). An 5. und 6. Stelle stehen Insulin Glargin (Lantus Solostar) und Pregabalin (Lyrica) (1).

Im DGE-Blog vom 4. November 2013 wurde über die Zahlen aus den USA für 2012-2013 berichtet (2). Gegenüber diesen Tabellen hat L-Thyroxin jetzt die Spitzenposition übernommen und Rosuvastatin auf den 2. Platz verdrängt.

Kommentar

Die Gründe für den auch in Deutschland sehr breiten Einsatz von L-Thyroxin wurden von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) mehrfach dargelegt und kritisch betrachtet (siehe Kommentare zum DGE-Blog (2). In den USA und wohl auch in Deutschland wird Thyroxin immer noch zu häufig verordnet. Cymbalta® und Lyrica ® werden auch bei der diabetischen Neuropathie eingesetzt. Insulin Glargin (Lantus®) wird jetzt in der Europäischen Union – seit 1. Mai 2014 auch in Deutschland erhältlich – Konkurrenz von Degludec-Insulin (Tresiba®) bekommen. In den USA ist dieses Langzeitinsulin von der Amerikanischen Arzneibehörde FDA bisher nicht zugelassen. Noch laufende kardiovaskuläre Sicherheitsstudien werden dort abgewartet.

Für uns verschreibende Ärzte sind solche Zahlen sicherlich ganz aufschlussreich und mögen den einen oder anderen zu einer kritischen Betrachtung seines eigenen Verordnungsverhaltens anregen.

Helmut Schatz

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Literatur

(1) Megan Brooks: Top 100 most prescribed, top selling drugs.
http://www.medscape.com/viewarticle/825053?nlid=57023_2702&…

(2) Helmut Schatz: Zwei Medikamente für Hormon- und Stoffwechselerkrankungen Spitzenreiter in der Verschreibungsstatistik – die grosse Bedeutung der Endokrinologie in der Medizin.
DGE-Blogbeitrag vom 4. November 2013

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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5 Antworten auf L-Thyroxin das meistverschriebene Medikament des letzten Jahres in den USA

  1. Dass Thyroxin häufig verschrieben wird, kann schlicht und einfach bedeuten, dass es häufig benötigt wird. Das versteht sich eigentlich von selbst. Dass es oft – wie oft eigentlich – unnötigerweise verschrieben wird, müssten Sie belegen, anstatt ins Blaue vor Thyroxin zu warnen.

    Die Zusammenhänge zwischen Hashimoto mit ansteigendem TSH-Wert und Schilddrüsenkrebs legen übrigens die Empfehlung nahe, Hashimoto frühzeitig zu behandeln, anstatt die Betroffenen (womöglich trotz Beschwerden) darauf zu verweisen, dass eine Unterfunktion angeblich erst ab einem TSH-Wert von 10 behandelt werden muss.

    Siehe http://dx.doi.org/10.1210/jc.2011-2735 (im Volltext online).

  2. Maja5 sagt:

    Sehr geehrter Prof. Schatz,

    In Ihren Beiträgen behaupten Sie immer wieder, daß Thyroxin zu oft verschrieben wird. Daß es oft verschrieben wird bedeutet nicht zwangsläufig, daß es zu oft ist. Erst, wenn man eine umfassende Kontrolle der Behandlungen mit Thyroxin durchgeführt hat, kann man daraus Schlüsse ziehen. Aber erst dann. Bis dahin, ist es nur eine blanke Vermutung, ohne jegliche wissenschaftliche Grundlage.

    Ich würde mir sehr wünschen, Ihre Kollegen eher auf die Notwendigkeit, sich eingehender mit dem Thema „Korrekte Diagnostik der Schilddrüsenfehlfunktionen und deren Behandlung“ zu beschäftigen, zu verweisen.

    Das erbärmliches Quantum an o. g. Fachwissen, das ich immer wieder im Arztzimmer, auch bei Endokrinologen, erleben muß, macht mir einfach Angst. Die schematische Denkweise ( alles kommt vom Streß oder den Wechseljahren) und nicht vorhandene Kenntnisse der sehr umfangreichen Symptomatik bei Fehlfunktionen, geschweige denn, eine korrekte laborchemische Diagnostik, lassen viel zu wünschen übrig.
    Wenn ein Arzt den Unterschied zwischen Eisen i. s. und Ferritin i.S. nicht kennt, oder noch nie etwas über Intrinsicfaktor oder Holotranscobalamin gehört hat, beispielsweise, was kann man von so einer Diagnostik erwarten.
    Ich denke, es ist nicht zu viel verlangt, daß ein Arzt mehr über die Erkrankung weiß, als der Patient. Besonders dann, wenn er den Patienten behandeln will und mit seiner Tätigkeit seinen Lebensunterhalt bestreiten möchte.

    Mit freundlichen Grüßen
    Maja

  3. Michael D'Angelo sagt:

    Es gibt eigentlich immer nur einen Grund, warum SD-Präparate verordnet werden: Den ärztlich begründeten Verdacht auf eine SD-Unterfunktion. Was anderes gibt es nicht als Grund für die Verordnung von Thyroxin .
    I
    ch finde es schon eine massive Überheblichkeiten sondersgleichen, wie eine deutsche Fachorganisation den einzelnen patientenversorgenden Ärzten in den USA und Deutschland unterstellt, sie würden Thyroxin zu häufig verordnen, wenn sie keinerlei Daten und Wissen über die Gründe für diese individuelle Verordnung haben.

    Das permanente Ignorieren der massiven Zunahme von chronischen SD-Autoimmunerkrankungen vom Typ hypertrophierende Hashimoto-Thyreoiditis bzw. atrophierende Ord-Thyreoiditis in den USA und Deutschland – trotz oder sogar wegen der massiven Jodierung von Lebensmitteln in den letzten Jahrzehnten – ist nach meiner Meinung federführend für solche irreführenden Aussagen einer Fachorganisation.

    Man sollte vielleicht auch bedenken, daß es bei Nichtbesserung der Krankheitheitssymptome unter einer Thyroxingabe mit größter Wahrscheinlichkeit wieder zum Absetzen des SD-Präparates kommt.

    Wenn es zu einer Besserung der Krankheitssymptomamtik beim Patienten kommt, dann wird es natürlich wieder beibehalten und spricht für eine richtige Individualtherapie mit Thyroxin.

    Irgendeine Fachorganisation hat keinerlei Rechte, sich in solch eine ärztliche Therapie eines Patienten einzumischen oder dieser Thyroxingabe eine zugrundeliegende Fehldiagnose zu unterstellen.

    Mfg

    Michael D’Angelo

  4. Das ist leider denkbar, dass die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie die Interessen des PR-Arbeitskreises Jodmangel über die Wissenschaft stellt.

  5. Anna sagt:

    wunderbar geschrieben!
    Mir macht es auch Angst mit welcher Haltung Patienten Therapiert werden.

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