Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Zwei neue Medikamente für das fortgeschrittene medulläre Schilddrüsenkarzinom


Bochum, 7. Dezember 2012: Die US-Amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) hat am 29. November 2012 Cabozantinib, Handelsname Cometriq der Firma Exelixis, zur Behandlung fortgeschrittener medullärer Schilddrüsenkarzinome zugelassen (1). Dies erfolgte innerhalb von 6 Monaten unter dem FDA Priority Review Program. Da die medullären Karzinome nur etwa 4% aller Schilddrüsen-Krebsarten ausmachen, galt hier auch die „orphan-product designation“. Auch die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat den Zulassungsantrag bereits angenommen. Cabozantinib ist ein oraler Hemmer der Rezeptoren für multiple Tyrosinkinasen einschliesslich RET, MET und Vascular Endothelial Growth Factor 2 (VEGF2).

Schon im April 2011 war von der FDA ein anderer, oraler Kinase-Hemmer approbiert worden, das Vandetanib, Handelsname Caprelsa der Firma AstraZeneca (2). Für die Europäische Union war er von der EMA im Februar 2012 zugelassen worden. Vandetanib hemmt ebenfalls den VEGF-Rezeptor und die RET-Tyrosinkinase. In den USA wird er schon seit August 2011 für inoperable, metastasierte medulläre Schilddrüsenkarzinome ausgeboten. Es ist bei angeborenem long-QT-Syndrom kontraindiziert und weist zahlreiche unerwünschte Nebenwirkungen auf. Es wurden Torsades de pointes, ventrikuläre Tachykardien und plötzliche Todesfälle unter Caprelsa berichtet.

Für das jetzt zugelassene Cabozantinib ist das Nebenwirkungsspektrum ebenfalls beträchtlich. Die Verlängerung des progressionsfreien Intervalls gegenüber Placebo ist aber mit 11.2 gegenüber 4.0 Monaten deutlich (p<0.0001). Nach 1 Jahr waren unter Cabozantinib noch 47.3%, unter Placebo nur 7.2% der Patienten am Leben. Diese wiesen auch keine Progressionszeichen auf. Unter den vielen Nebenwirkungen wird in der Packungsbeilage insbesondere vor ernsten bis fatalen Fisteln und Perforationen des Colons gewarnt. Der Verzehr von Grapefruits und deren Saft kann die Arzneimittelkonzentration im Blut in unerwünschter Weise erhöhen.

Kommentar:

Tyrosinkinasehemmer sind bei vielen Krebsformen sehr wirksam. Cabozantinib wird gegenwärtig mit gutem Resultat beim metastasierten, fortgeschrittenen Prostatakarzinom getestet. Testreihen laufen auch bei Krebserkrankungen von Eierstöcken, Gehirn, Brust, nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom, Melanom und hepatozellulärem Karzinom. Freilich können viele, ausgeprägte bis tödliche Nebenwirkungen auftreten. Der Einsatz der beiden Tyrosinkinasehemmer Cabozantinib und Vandetanib beim fortgeschrittenen, metastasierten medullären Schilddrüsenkarzinom ist daher bei jedem Patienten gemeinsam mit diesem zu besprechen und sorgfältig zu überlegen.

Literatur:

(1) Roxanne Nelson: FDA Approves Cabozantinib for Medullary Thyroid Cancer. Medscape, November 29, 2012
http://www.medscape.com/viewarticle/775408_print
(2) Drugs Information Online: Caprelsa.
http://www.drugs.com/pro/caprelsa.html?printable=1
(3) onkoserv: EU-Zulassung für Vandetanib (Caprelsa, AstraZeneca)

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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