Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Michael Holick, „The Man Who Sold America On Vitamin D – And Profited in the Process“


Bochum, 1. September 2018:

In “Kaiser Health News“ erschien am 24. August 2018 ein Bericht von Liz Szabo über den Bostoner Endokrinologen Michael Holick mit dem oben zitierten Titel (1). Sein Enthusiasmus für Vitamin D sei, wie sie schreibt, als „extrem“ zu bezeichnen. Seine Fixation auf Vitamin D sei so intensiv, dass er diese auf die Dinosaurier ausdehnt. „What if the real problem with that asteroid 65 million years ago wasn´t a lack of food, but the weak bones that follow lack of sunlight? I sometimes wonder, did the dinosaurs die of rickets or osteomalacia?”

Michael Holick hat bei den Vitamin D –Leitlinien in den USA mitgewirkt. In der Folge ist der Verkauf von Vitamin D-Präparaten in der letzten Dekade auf das Neunfache, auf etwa 1 Milliarde Dollar geklettert. Die Vitamin D-Laborbestimmungen sind seit 2007 auf das über Fünffache gestiegen, auf 365 Millionen Dollar. Von den Erwachsenen über 60 Jahre nimmt heute einer von vier Vitamin D-Supplemente.

Dann geht der Bericht auf die finanziellen Zuwendungen an Holick von den Vitamin D-Präparate herstellenden oder vertreibenden (Pharma-) Firmen und den Laboratorien ein. Im Detail wird geschildert, seit wann, wieviel und von wem Holick jahrzehntelang große Geldsummen erhalten habe und weiterhin erhalte, so auch als monatlich fixen Betrag (nachzulesen in Lit.1). In einem Interview darüber sagte Holick: „Industry funding doesn´t influence me in terms of talking about the health benefits of vitamin D”.

Im Jahre 2011 gab es in den USA eine große Debatte, als die National Academy of Medicine (früher als „Institute of Medicine“ (IOM) bezeichnet), einen 1.132 Seiten langen Bericht über die Vitamin-D-Versorgung in den USA publizierte. Das IOM kam zu dem Schluss, dass die überwiegende Zahl („vast majority“) von Amerikanern genug Vitamin D durch Nahrung und Somnnenlicht bekomme. Es empfahl den Ärzten, Vitamin D nur bei Hochrisikopatienten für mit Vitamin D assoziierte Erkrankungen wie etwa Osteoporose messen zu lassen. Dessen ungeachtet publizierte Holick im Namen der Endocrine Society im Journal Clinical Endocrinology & Metabolism seine Sicht: “Vitamin-D deficiency is very common in all age groups“. Er empfahl – im Gegensatz zum IOM – eine breite Vitamin D-Testung der Bevölkerung. Für die Vitamin D-Industrie sei dies, wie Liz Laszlo es nennt, ein „financial windfall“ gewesen. Heute ist die Vitamin D-Testung die fünfthäufigste Laborbestimmung zu Lasten von Medicare im Gesundheitssystem der USA. Dazu tragen Zahlen in den von Holick beeinflussten Leitlinien der Endocrine Society bei: Sie geben als unterste Grenze für einen „normalen“ Vitamin D-Spiegel 30 ng/ml (75 nmol/l) an, im Unterschied zum IOM, welches Werte ab 20 ng/ml als ausreichend ansieht (ebenso wie das deutsche Robert-Koch-Institut, siehe unten). Viele kommerziellen Labore geben 30 ng/ml als Referenz-Untergrenze an.

„Es gibt keine Evidenz dafür, dass Menschen mit höheren Vitamin D-Spiegeln in irgendeiner Weise gesünder sind als die mit niedrigeren Spiegeln“, sagte Clifford Rosen vom Maine Medical Center Research Institute, Mitautor des oben zitierten Berichts der National Academy of Medicine (IOM). Wenn man den höheren Standard der Endocrine Society (>30 ng/ml) anwende, würde eine „Vitamin D-Mangel-Epidemie entstehen, wovon dann 80% der Amerikaner davon betroffen wären“.

Kommentar

Dieser Artikel (1) entspricht voll und ganz der Sicht des Referenten (vgl. 2; siehe auch 3). In Deutschland herrscht eine ähnliche Situation. Das Robert-Koch-Institut sieht die untere Referenzgrenze nicht wie Holick und die Endocrine Society bei 30 ng/ ml, sondern bei 20 ng/ml, entsprechend dem IOM. Das deutsche Institut bezeichnet auch tiefere Werte von 10 (12.5) ng/ml bis 20 ng/ml nicht als „Vitamin D – Mangel“, sondern als „suboptimale Vitamin D – Versorgung“. Auch das IOM definiert diesen Bereich nicht als „deficiency“, sondern als „insufficiency“, bei dem man kein Vitamin D zuzuführen braucht, es sei denn, es bestehen Symptome für einen Vitamin D-Mangel.

Die zur Zeit noch laufenden großen prospektiven, randomisierten, Plazebo-kontrollierten Langzeit-Studien VITAL in Amerika und D-HEALTH in Australien sollten diese Probleme klären können und zu einer Beendigung der weltweit kontroversen Diskussion führen.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Liz Szabo: The man who sold America on vitamin D – and profited in the process.
Kaiser Health News. https://www.medscape.com/viewarticle/901146?nlid=124728_4561…

(2) Helmut Schatz: Vitamin D ohne muskuloskelettalen Nutzen bei postmenopausalen Frauen.
DGE-Blogbeitrag vom 11. August 2015

(3) Helmut Schatz: Ernüchternde neue Metaanalyse über den Nutzen von Vitamin D.
DGE-Blogbeitrag vom 27. Januar 2014

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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4 Antworten auf Michael Holick, „The Man Who Sold America On Vitamin D – And Profited in the Process“

  1. Wichtig ist vielleicht in dem Zusammenhang, noch darauf hinzuweisen, dass viel nicht viel hilft. Eine übermäßige Versorgung mit Vitamin D führt z. B. zu mehr Stürzen (s. https://blog.endokrinologie.net/vitamin-d-neuromuskulaere-funktion-mehr-stuerze-2418/ , DGE-Blog vom 16. Januar 2016). Darüber hinaus konnte eine Arbeit von Hansen et al. zeigen, dass bei Diabetikern eine hohe Vitamin-D-Konzentration mit einem erhöhten Risiko für eine autonome Neuropathie einhergeht (ebenso wie sehr niedrige Konzentrationen). Dieser U-förmige Zusammenhang wies das niedrigste Risiko bei Vitamin-D-Konzentrationen um 90 nmol/l (36 ng/ml) auf.

    Literatur

    Hansen CS, Fleischer J, Vistisen D, Ridderstråle M, Jensen JS, Jørgensen ME. High and low vitamin D level is associated with cardiovascular autonomic neuropathy in people with Type 1 and Type 2 diabetes. Diabet Med. 2017 Mar;34(3):364-371. doi: 10.1111/dme.13269. PMID 27696502. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27696502

  2. A. Martin Steffe sagt:

    Es ist um der Aufklärung willen gut, dass Sie das darstellen. Aber fehlt da nicht viel mehr eine Konsequenz: keine amerikanischen Studien mehr berücksichtigen! Was wäre daran so schwer?

    Wir sind ja nun glücklicherweise über die perfide Strategie der Zuckerindustrie und deren Nebenkriegsschauplatz Cholesterin aufgeklärt worden. Aktuell wird der Monsanto-Konzern sogar vor amerikanischen Gerichten verhandelt, weil er Ergebnisse zu Glyphosat verfälschte. Die Amis benehmen sich anscheinend auch in der Wissenschaft wie Cowboys oder Trumps, also was soll’s? In einem Buch zur Gicht, das ich kürzlich rezensierte, wurde eine amerikanische Studie erwähnt, die die gute Wirkung von Kirschen bei Gicht herausgefunden habe. Nun, ich esse ja gerne Kirschen, aber Sie können sich wahrscheinlich vorstellen, dass ich „amerikanische Studie“ keines Blickes würdigte. Wir wissen jetzt, wie die es anstellen, also will ich so etwas gar nicht mehr wissen.

    • Helmut Schatz sagt:

      Aus den USA kommen sehr viele ausgezeichnete Studien. Man kann und darf diese daher nicht einfach unberücksichtigt lassen, wie Sie vorschlagen („das Kind nicht mit dem Bade ausgießen“). Sehr wohl sind sie aber genau zu analysieren, und auch, soweit möglich, die Hintergründe, die aus der Deklaration eines Interessenkonfliktes nicht immer klar zu erkennen ist, vor allem nicht ihr Ausmaß.

    • Keine amerikanischen Studien mehr zu berücksichtigen wäre wissenschaftlicher Rassismus. Alles muss kritisch geprüft und hinterfragt werden, aber eine Vorverurteilung aufgrund der Herkunft der Autoren wäre unakzeptabel.

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