Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Neue Diabeteseinteilung: Patienten 5 Jahre lang verfolgt und zwei neue Risikogruppen identifiziert


Graz, 22. August 2019:

Im DGE-Blog wurde am 1. Mai 2018 über die neue Diabeteseinteilung von Leif Groop und Kollegen in 5 Gruppen berichtet. Der Referent hatte darüber mit seinem finnischen Kollegen während des Satellitensymposiums 2018 der Zentraleuropäischen Diabetesgesellschaft (CEDA/FID) im Rahmen des Ungarischen Diabeteskongresses 2018 in in Pècs (Fünfkirchen) nach seinem Vortrag darüber intensiv diskutiert. und Leif Groop hat die Abbildung aus seiner Publikation (2) für unseren Blog (1) zur Verfügung gestellt. Diese soll hier nochmals gebracht werden (Abbildung 1). Im unserem Blogbeitrag kann man die Definitionen der fünf neuen Gruppen finden. Zwei davon tragen ein besonderes Risiko für Diabeteskomplikationen: Die Gruppe 3 (SIRD = severe insulin-resistant diabetes) für Retinopathie und die Gruppe 2 (SIDD = severe insulin-deficient diabetes) für Nephropathie. Patienten dieser zwei Gruppen sollen nach Leif Groop schon von der Manifestation an intensiv mit Kombinationstherapien und nicht erst nach einem Stufenschema behandelt werden.

Abbildung 1 (aus Lit. 2) : Neue Diabetesklassifikation nach Leif Groop (mit Genehmigung)

Jetzt werden von einer Internationalen Autorengruppe (Oana P. Zaharia et al., einschließlich Leif Groop und Michael Roden vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung in Düsseldorf als Seniorautor (3) die 5-Jahresresultate der „German Diabetes Study“ mit 1105 Diabetespatienten publiziert. Diese wurden bei Diabetesbeginn in die 5 Gruppen („cluster“) nach Leif Groop eingeteilt durch Bestimmung von Alter, Body Mass Index, HbA1c, GADA (Glutaminic Acid Decarboxylase Antibodiies) , C-Peptid und Homöostase-Modelle HOMA-B und HOMA-IS (siehe Lit. 1).

Zaharia et al. bestimmten bei ihren Patienten darüber hinaus basal und nach 5 Jahren Diabetesdauer die Insulinsensitivität durch hyperinsulinämisch-euglykämische Clamps, den hepatozellulären Lipidgehalt mit Magnetresonanzspektroskopie, eine Leberfibrose durch nichtinvasive Scores und die periphere sowie autonome Neuropathie durch funktionelle und klinische Kriterien. Die größte Teil der 1105 Patienten (35%) gehörten der Gruppe 5 nach Groop an (MARD = mild age-related diabetes), die anderen mit absteigender Häufigkeit den übrigen 4 Gruppen. Der größte Anteil an Patienten mit dem höchsten hepatozellulären Fettanteil war basal im SIRD-Cluster (severe insulin-resistant diabetes) zu finden. Entsprechend wurde nach 5 Jahren in diesem Cluster (SIRD) der höchste Prozentsatz (27%) von Leberfibrose diagnostiziert. Der größte Anteil von diabetischer sensomotorischer Neuropathie fand sich basal bei SIDD (severe insulin-deficient diabetes, Gruppe 2 nach Groop).

Zusätzlich zu den zwei bereits beschriebenen Diabeteskomplikationen Retinopathie und Nephropathie wurden somit in der German Diabetes Study durch Clusteranalyse eine Fettleber (NAFLD, non-alcoholic fatty liver disease) und eine diabetische Neuropathie erfasst.

Kommentar

Es ist der Autorengruppe, zu der sehr viele DGE-Mitglieder gehören, zu den sorgfältigen Untersuchungen über 5 Jahre zu gratulieren. Im Kommentar des Referenten zum Beitrag vom 1. Mai 2018 (1) wurde die Vermutung geäußert, daß sich die neue Diabetesklassifikation wohl nur langsam, wenn überhaupt ausserhalb von Studien, in der breiten Praxis etablieren dürfte. Immer mehr erfasst man mit der individualisierten Medizin , der precision medicine, die unterschiedlichen Risikogruppen. Es ist zu hoffen, dass diese dann entsprechend differenziert behandelt werden können, wie auch Zaharia et al in ihren Conclusions ausführen.

Eine frühe, intensive (Kombinations-)Therapie der Gruppe 2 (SIDD) wurde von Leif Groop für die Nephropathie-gefährdete Gruppe empfohlen und würde somit auch zur Neuropathie-Verminderung günstig sein. Gleiches gilt für die Gruppe 3 (SIRD), für die ebenfalls wegen erhöhter Retinopathie-Gefährdung eine von Beginn an intensive Therapie vorgeschlagen wurde. Nach den jetzt präsentierten Daten würde damit auch die Entwicklung einer Fettleber vermindert.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Helmut Schatz: Neue Diabeteseinteilung in fünf Gruppen: Risikoabschätzung für Augen- und Nierenkomplikationen schon bei der Diagnose. Individualisierte Therapie?
DGE-Blogbeitrag vom 1. Mai 2018

(2) Emma Ahlquist. Leif Groop: Novel subgroups of adult-onset diabetes and their association with outcomes: a data-driven cluster analysis of six variables.
THE LANCET Diabetes & Endocrinology published online March 1, 2018

(3) Oana P. Zaharia, Michael Roden, for the German Diabetes Study Group: Risk of diabetes-associated diseases in subgroups of patients with recent-onset diabetes: a 5-year follow-up study.
THE LANCET Diabetes & Endocrinology published online July 22, 2019.
DOI: https://doi.org/10.1016/S221-38587(19)30187-1

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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