Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

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Kein nachweisbarer Nutzen von Vitaminen und Mineral-Supplementen zur Verhinderung von Herzkrankheiten, Schlaganfall und Krebs


Das neue Statement 2022 der US Preventive Services Task Force (USPSTF)

Bochum, 1. Juli 2022:

Im JAMA wurde am 21. Juni 2022 das neue Statement der US-Behörde USPSTF publiziert (1). Es weicht im Wesentlichen nicht vom Statement 2014 ab. Insgesamt  wurden 84 Studien herangezogen, einschließlich 32 neuer randomisierter kontrollierter Untersuchungsreihen und zwei Kohortenstudien. Ergebnis: Gleiche Gesamtmortalität wie schon in der Review 2014. Es wurde kein vermindertes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen oder Krebs gefunden. Umgekehrt war das Risiko für Lungenkrebs bei Personen mit schon erhöhtem Risiko wie Rauchern und Asbest-Exposition unter Vitamin E und Beta-Karoten sogar gesteigert.

Eine geringe Reduktion ergab sich zwar für die Krebsinzidenz, dieses Ergebnis beruhte aber auf nur drei Studien, die methodisch nicht generalisierbar sind: Die Beobachtungszeit in der COSMOS-Studie (2) betrug nur 3.6 Jahre, die zweite prüfte nur Antioxidanzien und die dritte untersuchte nur männliche Ärzte in den USA.

In einem begleitenden Editorial (3) betonen die Autoren, dass man anstelle von Geld, Zeit und Gesprächen über Supplemente besser  Empfehlungen für Aktivitäten zur Risikominderung und mit größerem Nutzen geben solle wie körperliche Aktivitäten,  Halten eines gesunden Körpergewichts, Vermeiden von Rauchen und Einhalten einer vernünftigen Diät. Die Leiterin der COSMOS-Studie (2),  JoAnn Manson, meinte auch, dass man Mineralsupplemente nicht als Ersatz einer gesunden Ernährung betrachten solle, wies aber auf eine Verlangsamung des kognitiven Leistungsabfalls bei Älteren hin. Sie räumte jedoch ein, dass diese Befunde der Bestätigung bedürften.

Kommentar

Diese Meinung der USPSTF deckt sich mit der des Referenten H.S. (vergleiche Blogbeitrag vom 6.Juni 2022, Lit. 4).

Bei den Mineralstoffen vermisst H.S. in allen Diskussionen der letzten Jahre das Jodid und er möchte deshalb zu Jodid einiges sagen. Der Referent kommt aus Graz in der Steiermark, dem Alpenland mit den sprichwörtlichen „Steirerkröpfen“ (die „kropferten Steirer“), dort ebenso häufig wie im Emmental in der Schweiz. Schon der römische Satiriker Juvenal, Plinius Secundus und der Baumeister Vitruv berichten von den Kröpfen der Alpenbewohner. Die Jodsalzprophylaxe war hier segensreich. Heute findet man in der Steiermark so wie auch in der gesamten Alpenregion kaum mehr Kropfträger und auch keine Kretins. Die Jodid-Zufuhr, in welcher Form auch immer ist nach wie vor in unseren Regionen wichtig und man sollte diesen Mineralstoff nicht in Vergessenheit geraten lassen. Allerdings ist dieses Thema in Deutschland heftig umstritten (siehe DGE-Blogbeitrag  vom 14. April 2014, Lit. 5). Ein Zuviel von Jodid ist natürlich auch nicht zuträglich, weil es Autoimmunthyreoiditiden induzieren oder sogar die Schilddrüse blockieren kann.  Letzteres wird jedesmal bei Unfällen in Atomkraftwerken aktuell, wenn etwa die Bevölkerung aus Angst vor Strahlenschäden von sich aus hochdosierte Jodtabletten verlangt, so in allerletzter Zeit auch im russisch-ukrainischen Krieg.

Helmut Schatz

Literatur

(1) US Preventive Services Task Force: Recommendation Statement: Vitamin, Mineral, and Multivitamin Supplementation to Prevent Cardiovascular Disease and Cancer.
JAMA.2022;327(23):2326-2333. Doi:10.1001/jama.2022.8970

(2) JoAnn Manson et al. COSMOS Trial.
https://cosmotrial.org

(3) Jenny Jia et al.: Multivitamins and Supplements – Benign Prevention or Potentially Harmful Distraction?
JAMA. 327(23), June 21, 2022.

(4) Helmut Schatz: „Gesunde Nahrungsmittel, die tatsächlich ungesund sind“.
DGE-Blogbeitrag vom 6. Juni 2022

(5) Helmut Schatz: Jod in Salz und Tierfutter – ein „heisses“ Thema. DGE-Blogbeitrag vom 14. April 2014

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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3 Antworten auf Kein nachweisbarer Nutzen von Vitaminen und Mineral-Supplementen zur Verhinderung von Herzkrankheiten, Schlaganfall und Krebs

  1. Helmut Schatz sagt:

    F.Perry Wilson schreibt in US Medscape dazu: It´s Official. Vitamins Don´t Do Much for Health., Kosten der Vitamine oder Supplemente in den USA: >30 Milliarden US $ pro Jahr. Schlussfolgerung einer Meta-Analyse von Kaiser-Permanente: „Basically, they do nothing“. Diese Aussage bezieht sich aber nicht auf Menschen mit nachgewiesenen Mangelzuständen, sondern auf die Allgemeinbevölkerung. Der einzige Hinweis auf einen möglichen Nutzen: Minderung des relativen Krebsrisikos von 7%; absolut um ~0.2 %. Die Limitationen sind oben angeführt, Wilson führt noch an, dass in 9 der Studien unterschiedliche Multivitaminpräparate verwendet wurden, von Antioxidanzien-Cocktails bis zu Centrum Silver. Wilson schließt: „But to be fair, there probably isn´t much harm in taking that daily vitamin. We shouldn´t dismiss the ineffable value of ritual here…. A brief moment of positivity in the morning may not reduce heart attacks or cancer rates, but it may have benefit nontheless“.

  2. Helmut Schatz sagt:

    Aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg berichten Tobias Niedermaier et al. im Eur J Epidemiol 37: 309-320 (2022) über Metaanalysen zu Vitamin D und Rückgang von Krebstodesfällen in unterschiedlichen Ländern auch Europas. Sie fordern eine systematische Vitamin D – Zugabe zu Nahrungsmitteln wie Margarine etc. („fortified food“). Diese Arbeit wurde jedoch kritisiert: Pan Patziarka wies darauf hin, dass potenzielle Einflußfaktoren (Confounders) wie etwa Obesitas nicht berücksichtigt wurden, und John M. Mandrola, dass Menschen mit niedrigen Vitamin D – Spiegeln unter anderen Bedingungen leben oder auch andere Erkrankungen haben könnten, welche zu höheren Kranheitsraten führen könnten.

  3. Sigrun Merger sagt:

    Ich finde es immer wieder interessant, dass die eigentlichen Fragen nicht gestellt oder beantwortet werden. Ich denke, das jedem denkenden Menschen klar ist, dass eine Überversorgung mit Stoffen egal ob Nährstoffen, Spurenelementen oder Vitaminen nachteilig oder zumindest nicht hilfreich ist.
    Daher verstehe ich nicht, dass es möglich ist Studien zu publizieren, die mit einer bestimmten Dosis eines Spurenelements oder Vitamins durchgeführt werden, ohne dass überprüft wird, ob ein Mangel besteht und ob der Mangel ausgeglichen ist.
    Insbesondere bei einem Hormon, wie dem VitD finde ich es besonders unverständlich. Es würde auch hoffentlich niemand eine Studien bei Menschen durchführen, denen man mal 100ug L-Thyroxin gibt und schaut, ob es ihnen danach besser geht. Selbst bei Pat. mit einer Hypothyreose wäre die Dosis für die meisten wahrscheinlich nicht sinnvoll. Daher sollte man für all diese Stoffe nur Veröffentlichungen akzeptieren, die dem Rechnung tragen.

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