Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Orthorexie: Eine Art Essstörung, aber kein etablierter Krankheitbegriff


Bochum, 11. Juli 2014:

Die neue S3-Leitlinie über Prävention und Therapie der Adipositas, über die vor wenigen Tagen im DGE-Blog berichtet wurde, rückt die Nahrungszusammensetzung als „Diät-Mythos“ in den Hintergrund (1) und weist der Gesamtkalorienzahl die entscheidende Rolle zu. Für Menschen mit einer Orthorexie hingegen, auch „Orthorexia nervosa“ genannt, ist die Zusammensetzung der Ernährung das Wichtigste. Es geht Ihnen nicht um die Menge, sondern um die Qualität des Essens.

Der Begriff Orthorexie (griech. orthós = richtig, órexis = Appetit) stammt vom amerikanischen Arzt Steven Bratman aus dem Jahr 1997. Er hatte an sich selbst und an seinen Patienten viele Jahre lang unterschiedliche Diäten ausprobiert und dann – auch bei sich selbst – einen krankhaften Umgang mit dem Essen festgestellt. Er beobachtete, dass es zu Ernährungsphilosophien mit stark ideologischer Komponenten kommen kann (2). Die US-amerikanische klinische Psychologin Wendy Mogel stellte 2001 in ihrem Buch „The Blessings of a Skinned Knee“ (3) fest, dass Kinder Essstörungen entwickelten, wenn die Eltern die Ernährung genauestens überwachten und darauf achteten, dass nur in ihren Augen „gesunde“ Lebensmittel verzehrt würden. Besonders problematisch würde es, wenn moralische Kategorien wie Gut oder Böse auf die Lebensmittel angewendet würden. Damit werde die Ernährung zur „Ersatzreligion“ erhoben.

Menschen mit Orthorexie sind vom gesunden Essen besessen. Sie fühlen sich Pommes- oder Fertigpizza-Essern überlegen. Sie verzehren stattdessen Dinkelstangen aus dem Reformhaus, verachten Zusatzstoffe oder Fleisch ohne Bio-Siegel. Die „richtige“ Ernährung soll in ihren Augen Krankheiten vorbeugen.

In Medizin-Lehrbüchern findet man den Begriff „Orthorexie“ kaum. Von Psychosomatikern oder Chefs von Fachkliniken für Essstörungen wird die Orthorexie nicht als Krankheit angesehen. Sie gehöre auch nicht in eine Reihe mit Essstörungen ähnlich klingenden Namens wie etwa der Anorexia nervosa. Die Betroffenen würden unter der Orthorexie meist nicht leiden, im Unterschied zu anderem zwanghaften Verhalten wie etwa einem Waschzwang. Freilich können sich manche Betroffene in ihrem Leben vom zwanghaften Eßverhalten eingeengt fühlen. Nicht selten kann auch eine zwanghafte Panik vor „schädlichen Lebensmitteln“ auftreten. Dann besteht die Gefahr, in eine therapiebedürftige Angststörung abzugleiten.
Man schätzt, dass etwa 1 % der Bevölkerung von der Orthorexie betroffen sind.

Helmut Schatz

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Literatur

(1) Helmut Schatz: Adipositas-Leitlinie 2014: Gesamtkalorienzahl der Reduktionskost entscheidend, nicht deren Zusammensetzung. Adipositas als Erkrankung definiert.
DGE-Blogbeitrag vom 4. Juli 2014

(2) Steven Bratman: The Health Food Eating Disorder.
http://www.orthorexia.com/original-orthorexia-essay/

(3) Wendy Mogel: The Blessings of a Skinned Knee. Scribner 2008, ISBN 1416593063 (Erstauflage 2001).
http://books.google.com/books?id=bdFCNJeiWsEC

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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8 Antworten auf Orthorexie: Eine Art Essstörung, aber kein etablierter Krankheitbegriff

  1. Max sagt:

    Man kann wohl Veganer, vielleicht auch auch Vegetarier mit fließendem Übergang zu den Orthorektikern zählen. Dann dürfte die Zahl von 1% der Bevölkerung zu niedrig gegriffen sein

    • Elisa sagt:

      Menschen, die sich gesundheitsbewusst ernähren und/oder aus ethischen Gründen auf tierische Produkte verzichten, als „essgestört“ zu bezeichnen, halte ich für äußerst fragwürdig…

  2. strumpfi sagt:

    Auch ich kenne Menschen mit einer Orthorexie. Das bewußte Essen von Lebensmitteln mit wenigen bis keinen Zusatzstoffen stärkt die heimische Landwirtschaft. Das saiosonale Kochen verringert den weltweiten Transport von Lebensmitteln. Es verringern sich die CO 2 Emissionen und das Tierrleid. Durch das bewußte Essen kommt es zu keinem Übergewicht. Solange das bewute Essen das Denken nicht dominiert, spricht nichts dagegen. Sollte allerdings der ganze Alltag vom Essen beherrscht werden, dann ist die Orthorexie alles andere als gesund.

  3. Helmut Schatz sagt:

    Einen Tag nach dem Posten des Orthorexie-Beitrags im DGE-Blog erscheint in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung heute Samstag, den 12.Juli 2014 im Feuilleton ein ganzseitiger Artikel von Jakob Strobel Y Serra zu diesem Thema. Eingangs stellt der Autor fest: „Essen wird nur noch danach definiert, was es alles nicht enthält. Ignoranten, Ideologen und Asketen geben den Ton an……….Immer häufiger wird das Essen als Quelle des Unglücks und Wurzel allen Übels wahrgenommen, als Bedrohung für unsere Gesundheit und Angriff auf unser Wohlbefinden. Allein durch Verzicht und Selektion, so die Suggestion der Heilsversprecher, können wir unsere Haut noch retten“. Und zur Bemerkung des Kommentators Max : „Sieben Millionen Deutsche ernähren sich inzwischen fleischlos, 800 000 verzichten sogar ganz auf tierische Nahrungsmittel“. Es werden zahlreiche Varianten wie der Pescetarismus oder andere Essensformen wie etwa die Paläo-Diät, eine Art Low-Carb angeführt. Die Fructarier seien Totalveganer, die nur das essen, was Pflanzen „freiwillig hergeben“, also keine Knollen oder Wurzeln. Schließlich gibt es auch Anhänger eines „Total-Food-Replacement“ durch Pulver. Der letzte Satz des lesenswerten Artikels ist ein Aufruf, endlich ein Volk von Genießern zu werden: „Essen ist kein Unglück, sondern unsere größte, alltäglichste, wunderbarste Quelle des Glücks“.

  4. Elfriede sagt:

    Es mag sein, dass nicht alles gleich eine Essstörung ist, aber uns stört es. Wir haben inzwischen mehrere Bekannte, mit denen wir nicht mehr essen gehen, nicht zuhause und nicht ins Restaurant. Das sind interessante Leute (alle Frauen), mit denen man sich super für ein Gespräch und ein Glas Tee zusammensetzen kann. Aber sie verderben den Genuss-Essern mit ihrer demonstrativen, persönlichen Essideologie jeden Spass am Essen. Eine Bekannte isst z. B. keine KH und kein Fett und sitzt ewig vor kreativen Speisekarten bis sie dann als Vorspeise einen kleinen Salat und als Hauptgang den Gemüsegrillteller aber ohne Ziegenkäse bestellt. Sie beschäftigt sich selbst und uns und ggf. das Restaurant ständig mit ihren Theorien. Neulich habe ich gelesen, dass sich in einer Umfrage 70% als Laktose-intolerant bezeichneten. Wir kennen mehrere Damen, die haben Laktose- und Fruktose- und Glutenintoleranz. Eine hat gerade dieses Feld verlassen und ist jetzt Histamin-intolerant. Nachbarn haben uns zu trockenen Muffins eingeladen und sagten „WIR backen alles selbst, WIR sind glutenintolerant“. Die Nahrungsmittelindustrie lebt gut von diesen meist durch reine Selbsterkenntnis entstandenen Trends. Diese Art zu essen hat durchaus etwas zwanghaftes und ich habe diesen Beitrag mit Interesse gelesen. Für mich soll Essen nach wie vor Freude bereiten. Es steckt Mühe dahinter, ein kreatives, sinnliches, aromatisches Essen zuzubereiten. Nicht ohne Grund heisst es KochKUNST. Das Resultat ist nicht ungesund, auch wenn es in seiner Vielseitigkeit keiner der neuen Ess-Ideologien entspricht. Wir essen es dankbar und mit Wonne.

    • kolibri sagt:

      Solche Damen kennen wir auch. Nur trinken die schon keinen Tee mehr sondern nur noch heisses Wasser (es wird Tee mit Teebeutel neben dem Glas bestellt), auch zu dem berühmten Gemüse Grillteller, bei dem dann immer noch die Hälfte der Gemüse als nicht essbar (fragliche Herkunft etc.) kommentiert und aussortiert werden. Das nervt. Die ideologische Haltung richtet sich über das Essen auf alle weiteren Lebensbereiche. Überall wird selektiert und lange überlegt was geht und was nicht.

  5. Ousia sagt:

    „Orthorexie nervosa“ ist nur ein Wort für eine Idee von einem Psychologen. Wissenschaftliche Studie fehlt. Der Lärm im Spiegel ist Quacksalberei.

    Viele Menschen sind ständig beschäftigt mit ungesunder Nahrung für sich und andere. Das ist eine soziale Krankheit. Ich nenne es „Hamarexia nervosa“ (griech. hamartia = falsch , órexis = Appetit).

  6. Dothy sagt:

    Jeder darf essen wie er will! Es ist aber schon spannend, wenn der Veganer zum Arzt kommt und einen Eisen-, oder Vitamin B12-Mangel hat. Nicht alle Veganer sind ausführlich geschult wie sie Mangelernährung vermeiden können. Und was ist mit den Verdauungsbeschwerden, die sich als Reizdarmsyndrom manifestieren, aber auf zu viele Ballaststoffe zurückzuführen sind? Weiter zu bedenken gebe ich, dass viele „veganen“ Lebensmittel industriell stark verarbeitet sind und daher als gesundheitlich problematisch bewertet werden müssen.
    Essen ist nicht erst seit heute stark mit Emotionen verknüpft, wir essen schon lange nicht mehr, nur weil wir Hunger haben. Und die Orthorexie ist nur ein weiteres Problem unserer Überflussgesellschaft.

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