Vom gynäkologischen Symptom zur systemischen Stoffwechselerkrankung
Vortrag von Prof. Susanne Reger-Tan auf der 31. Jahrestagung der Nordthein-Westfälischen Gesellschaft für Endokrinologie & Diabetologie, 6.-7.Februar 2026 in Osnabrück
Bad Oeynhausen/Bochum, 14. Februar 2026:
Das Polyzystische Ovarsyndrom (PCOS) ist mit einer Prävalenz von etwa einer unter acht Frauen im reproduktiven Alter die häufigste Endokrinopathie bei Frauen. [1] Lange Zeit wurde das Krankheitsbild primär unter dem Aspekt der Infertilität und Androgenisierungserscheinungen wie Hirsutismus betrachtet. Die aktuelle Evidenz verdeutlicht jedoch, dass das PCOS weit über Zyklusstörungen und Hirsutismus hinausgeht. Heute gilt PCOS als komplexe, heterogene Multisystemerkrankung mit endokrinen, metabolischen und reproduktiven Manifestationen. PCOS ist eine endokrinologische, metabolische Systemerkrankung, die lebenslange Konsequenzen für die kardiometabolische und reproduktive Gesundheit der betroffenen Frauen hat und somit eine fundamentale Neuausrichtung unserer Versorgungskonzepte erfordert.
Diagnostik: Die modifizierten Rotterdam-Kriterien
Die leitliniengerechte Diagnosestellung sollte nach den modifizierten Rotterdam-Kriterien erfolgen. [1,2] Hierfür müssen mindestens zwei der drei folgenden Kriterien erfüllt sein: klinischer oder biochemischer Hyperandrogenismus, ovulatorische Dysfunktion (Oligo-/ Amenorrhoe) und eine polyzystische Ovarmorphologie (PCOM). Die Diagnostik ist dabei immer eine Ausschlussdiagnose. Wesentlich für die klinische Praxis ist der Ausschluss von Differentialdiagnosen. Zur Minimal-Diagnostik gehören hierbei die Bestimmung von Thyrotropin (TSH), Prolaktin, 17-OH-Progesteron sowie Follikelstimulierendem Hormon (FSH). Klinischer Hyperandrogenismus bei PCOS umfasst Hirsutismus, persistierende androgenabhängige Akne und / oder androgenetische Alopezie als Ausdruck einer gesteigerten Androgenwirkung am Haarfolikel. Hirsutismus und wird über den Ferriman-Gallwey-Score (mF/G) erfasst.
Ein entscheidendes Update in der leitliniengerechten Diagnostik des PCOS betrifft die Rolle des Anti-Müller-Hormons (AMH). AMH dient zunehmend als biochemisches Surrogat für den Ultraschallnachweis einer PCOM. Insbesondere bei eingeschränkter Ultraschallqualität oder fehlender transvaginaler Sonografie kann AMH die Diagnostik unterstützen. AMH als Marker für PCOM weist eine Sensitivität sowie Spezifität von 80 % auf. Damit lässt sich die Diagnostik in vielen Fällen deutlich effizienter gestalten, wobei Marker der Insulinresistenz für die Diagnosestellung weiterhin nicht empfohlen werden.

Abbildung 1: PCOS Diagnose
PCOS als geschlechtsspezifisches kardiometabolisches Risiko
Die klinische Relevanz des PCOS wird besonders durch die longitudinalen Daten der „Northern Finland Birth Cohort 1966“ unterstrichen. In dieser Kohorte wurde ein 22-jähriges Follow-up bis zum 53. Lebensjahr durchgeführt. Frauen mit PCOS wiesen ein 2,3- bis 2,5-fach erhöhtes Risiko für schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse (MACE, inkl. Myokardinfarkt und Apoplex) auf, auch nach Adjustierung für den Body-Mass-Index (BMI). Die Risikokurven für Frauen mit PCOS und die Kontrollgruppe begannen sich bereits ab dem 35. Lebensjahr deutlich voneinander zu trennen. [3] Die Prävalenz für Typ 2 Diabetes lag bei Frauen mit PCOS in dieser Kohorte bei 15 % vs. 5 % in der Kontrollgruppe; für Prädiabetes 18 % vs. 10 %. Dieses metabolische Risiko übersetzt sich in den medikamentösen Bedarf: 30 % der betroffenen Frauen benötigten Antihypertensiva vs. 15 % in der Kontrollgruppe und die Notwendigkeit von Lipidsenkern war mit 8 % vs. 2 % vervierfacht. Das Risiko für MACE war mit 8 % vs. 2 % ebenfalls stark erhöht [3] .
Diese Daten verdeutlichen, dass PCOS ein früher Marker für eine lebenslange kardiometabolische Vulnerabilität ist – unabhängig vom Körpergewicht und bereits in früherem Lebensalter.
Prävention durch Screening auf kardiometabolische Risiken
Angesichts dieser Risiken ist ein konsequentes kardiometabolisches Screening bei jeder Frau mit PCOS unverzichtbar. Ein klinisches Beispiel verdeutlicht die Notwendigkeit: Eine Frau mit PCOS mit einem BMI von 30,9 kg/m² und einer viszeralen Adipositas (Taille 124 cm, waist-to-height ratio 0,75) kann bereits einen HbA1c von 6,2 % und einen pathologischen oralen Glukosetoleranztest (OGTT) aufweisen, was sie als Frau mit Prädiabetes klassifiziert. Solche Konstellationen finden sich häufig bereits im jungen Erwachsenenalter. Das Screening sollte daher die Parameter BMI, Taillenumfang, Lipidstatus, Blutdruck sowie den Glukosestoffwechsel mittels HbA1c oder OGTT umfassen.
Zusätzlich rücken assoziierte Erkrankungen wie die metabolische Dysfunktion-assoziierte steatotische Lebererkrankung (MASLD) in den Fokus, für die Frauen mit PCOS ein zweifach erhöhtes Risiko tragen. Auch Schlafapnoe sollte bei entsprechender Klinik aktiv erfragt werden. [2]
Neben den metabolischen Risiken besteht bei chronischer Anovulation ein erhöhtes 7-fach erhöhtes Risiko für ein Endometriumkarzinom. Klinisch relevant sind daher eine sorgfältige Blutungsanamnese, die Abklärung von Oligo- bzw. Amenorrhoe sowie eine niedrige Schwelle zur sonografischen Endometriumbewertung und ggf. histologischen Abklärung bei persistierenden Zyklusstörungen oder atypischen Blutungen. [2]
Ein häufig übersehener, aber klinisch hochrelevanter Aspekt ist die psychische Gesundheit. Frauen mit PCOS haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Depressionen, Angststörungen, Essstörungen und ein vermindertes Selbstwertgefühl. Körperliche Symptome wie Hirsutismus, Akne, Gewichtszunahme und Infertilität wirken hierbei als zusätzliche psychosoziale Stressoren. Die deutsche PCOS-Leitlinie empfiehlt daher ein aktives Screening auf psychische Belastungen, beispielsweise mittels validierter Kurzfragebögen sowie eine frühzeitige Einbindung psychosomatischer oder psychotherapeutischer Unterstützung. [2]
Das Ziel moderner Versorgungskonzepte sollte die Kombination aus frühzeitigem Screening, multimodaler Basistherapie und intensiver Edukation sein, um präventive Maßnahmen rechtzeitig einzuleiten. [2]

Abbildung 2: Wichtige Komponenten des PCOS-Screenings
Pharmakotherapie: Metformin, Inkretinmimetika und die Inositol-Debatte
Die medikamentöse Therapie des PCOS erfolgt weiterhin primär im Off-Label-Use, da noch immer keine spezifisch zugelassene PCOS-Pharmakotherapie existiert. Metformin gilt noch immer „State of the Art“ in der Behandlung metabolischer Aspekte. Es sollte in einer Zieldosis von 2000 mg/Tag einschleichend dosiert werden. Ein entscheidender Vorteil für die Praxis: Ein vorheriger Check des Glukose-Insulin-Stoffwechsels ist vor Beginn einer Metformin-Therapie nicht zwingend notwendig. Metformin reduziert das Insulinlevel um ca. 27 % und die Androgenspiegel um 22 %, bei einer moderaten Gewichtsreduktion von etwa 4 %. Besonders profitieren Frauen mit gestörter Glukosetoleranz, Adipositas oder ausgeprägter Insulinresistenz.
Im Gegensatz zur internationalen schwachen Empfehlung [1] ist die nationale Schlussfolgerung zu Inositol aufgrund der unzureichenden Datenlage und methodisch schwacher Studien eindeutig: Nahrungsergänzungsmittel und komplementäre Therapien sollen Frauen mit PCOS wegen des fehlenden Wirksamkeitsnachweises nicht empfohlen werden. [2]
Ein vielversprechender Ausblick ergibt sich durch Inkretinagonisten (GLP-1 Rezeptoragonisten). Für Liraglutid 3 mg konnte eine Gewichtsreduktion von 5,7 % vs. 1,4 % unter Placebo und eine signifikante Steigerung der Ovulationsrate von 4,5 auf 8,7 pro Jahr nachgewiesen werden. [4] Damit adressieren GLP‑1 Rezeptoragonisten zentrale pathophysiologische Mechanismen des PCOS – Adipositas, Insulinresistenz und Hyperandrogenämie. Bei Kinderwunsch ist ein rechtzeitiges Absetzen (bis zu 2 Monate vor Konzeption) erforderlich. [2]
Allerdings bleibt die Schwangerschaft bei Frauen mit PCOS risikobehaftet. Eine Meta-Analyse über mehr als 100.000 Schwangerschaften zeigte signifikant erhöhte Odds Ratios (OR) für Komplikationen: Gestationsdiabetes (OR 2,4), schwangerschaftsinduzierte Hypertonie (OR 2,2), Präeklampsie (OR 2,3) und Fehlgeburt (OR 1,5) [5]. Metformin kann hier in der Schwangerschaft zur Limitierung der maternalen Gewichtszunahme und möglicherweise zur Reduktion des Risikos einer Frühgeburt erwogen werden und gilt als risikoarm für Mutter und Kind. [6-8]
Fazit: Interdisziplinarität als Schlüssel einer ganzheitlichen PCOS-Versorgung
Das Management des PCOS erfordert eine Abkehr von der rein symptomorientierten Behandlung. PCOS sollte als geschlechtsspezifisches kardiometabolisches Risiko verstanden werden. Die betroffenen Frauen benötigen eine ganzheitliche und interdisziplinäre Versorgung, die das erhöhte Risiko für metabolisches Syndrom, MASLD, Schlafapnoe, psychische Erkrankungen und Endometriumkarzinom adressiert. Eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Gynäkologie, Endokrinologie, Diabetologie und Psychologie sowie weiteren Fachdisziplinen ist essenziell, um durch multimodale Basistherapien, evidenzbasierte Pharmakotherapie und edukative Maßnahmen die langfristige Gesundheit und Lebensqualität dieser Frauen zu gewährleisten.

o.Univ.-Prof. Dr.med. Susanne Reger-Tan Bad Oeynhausen / Ruhr-Universität Bochum (Foto mit dem Referenten H.S.) nach einem Vortrag auf der 31. Jahrestagung der Nordthein-Westfälischen Gesellschaft für Endokrinologie & Diabetologie, 6.-7.Februar 2026 in Osnabrück
Literatur
- Teede HJ et al., International PCOS Network. Recommendations from the 2023 international evidence-based guideline for the assessment and management of polycystic ovary syndrome.
Eur J Endocrinol 2023 Aug 2; 189(2):G43-G64. doi: 10.1093/ejendo/lvad096. PMID: 37580861. - S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) mit Unterstützung des Berufsverbands Deutscher Internistinnen und Internisten/ Sektion Endokrinologie/ Diabetologie (BDI) Diagnostik und Therapie des polyzystischen Ovarsyndroms (PCOS) AWMF-Registriernummer: 089-004.
https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/089-004 [zuletzt abgerufen 09.02.2026] - Ollila MM et al.: Women with PCOS have an increased risk for cardiovascular disease regardless of diagnostic criteria-a prospective population-based cohort study.
Eur J Endocrinol. 2023 Jul 20;189(1):96-105. doi: 10.1093/ejendo/lvad077. PMID: 37436934. - Elkind-Hirsch KE et al.: Liraglutide 3 mg on weight, body composition, and hormonal and metabolic parameters in women with obesity and polycystic ovary syndrome: a randomized placebo-controlled-phase 3 study.
Fertil Steril. 2022 Aug;118(2):371-381. doi: 10.1016/j.fertnstert.2022.04.027. Epub 2022 Jun 13. PMID: 35710599. - Bahri Khomami M et al.: Systematic review and meta-analysis of pregnancy outcomes in women with polycystic ovary syndrome.
Nat Commun. 2024 Jul 4;15(1):5591. doi: 10.1038/s41467-024-49749-1. PMID: 38965226. - Chiu YH et al.; Metformin Use in the First Trimester of Pregnancy and Risk for Nonlive Birth and Congenital Malformations: Emulating a Target Trial Using Real-World Data.
Ann Intern Med. 2024 Jul;177(7):862-870. doi: 10.7326/M23-2038. Epub 2024 Jun 18. PMID: 38885505; PMCID: PMC12617958. - Dunne F et al.: Metformin and small for gestational age babies: findings of a randomised placebo-controlled clinical trial of metformin in gestational diabetes (EMERGE).
Diabetologia. 2024 Dec;67(12):2660-2666. doi: 10.1007/s00125-024-06252-y. Epub 2024 Aug 31. PMID: 39215812. - Yland JJ et al.: Perinatal Outcomes Associated With Metformin Use During Pregnancy in Women With Pregestational Type 2 Diabetes Mellitus.
Diabetes Care. 2024 Sep 1;47(9):1688-1695. doi: 10.2337/dc23-2056. PMID: 39042587.
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