Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Pharmavertreter informieren zu wenig über schädliche Nebenwirkungen von Medikamenten


Bochum, 3. Mai 2013:

Pharmavertreter informieren beim Arztbesuch nur minimal über schädliche Nebenwirkungen von Medikamenten. Dies ergab die erste Untersuchung zu diesem Thema bei 255 Allgemeinärzten in Toulouse, Montreal, Vancouver und Sacramento (1). Zufolge der strengeren Standards war das Resultat in Frankreich etwas besser als in den USA und Kanada.

Im Mittel wurden beim Arztgespräch weniger als 60 sec für Nebenwirkungen verwendet. Ernste und weniger ernste Nebenwirkungen wurden nur bei 29% der Besuche erwähnt, Kontraindikationen nur bei 20% und Arzneimittel-Wechselwirkungen bei 3%. Die Autoren hatten erwartet, dass Sicherheitsinformationen bei neuen oder weniger verwendeten Medikamenten häufiger als bei solchen gegeben würden, die den Ärzten vertraut waren. Dies war aber nicht der Fall. Im Unterschied zu den schädlichen Nebenwirkungen (in 41%) wurden bei den Besuchen die Vorteile der Medikamente viel häufiger besprochen (in 80%).

Kommentar

Die Untersuchung aus Frankreich, Kanada und den USA bestätigt den Eindruck vieler Ärzte auch in Deutschland. Niedergelassene Kolleginnen und Kollegen haben meist für Pharmavertreter nicht sehr viel Zeit, und da ist es verständlich, dass diese in den meist wenigen Minuten primär ihre „gute Nachricht“ bringen wollen. Sie sollen und müssen aber objektiverweise auch über die Nebenwirkungen informieren. Der Erfolgsdruck für die Firmenrepräsentanten ist hoch. Dem Kommentator wurde von regelmäßigen Treffen der Gebietsleiter mit den Mitarbeitern „vor Ort“ berichtet, wobei die Verkaufszahlen in deren Region beurteilt und gegebenenfalls auch kritisiert wurden. Die Motivation ist somit meist nicht groß, auch über schädliche Nebenwirkungen zu sprechen. Eine Neuregelung des Pharmaberatungswesens, etwa durch strengeren Vorgaben und eine Dokumentationspflicht würde wohl nur den bürokratischen Aufwand vergrößern. Also: Stellen Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, den Firmenvertretern immer auch Fragen zu Nebenwirkungen, und melden Sie diese, wenn Sie solche beobachten (vgl. 2). Und schauen Sie bei neuen Medikamenten die Blog-Beiträge auf der Homepage der der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie an (www.endokrinologie.net), wo Sie in der Regel auch die kritischen Diskussionen innerhalb der Beratergremien von EMA und FDA nachlesen und sich dadurch über „Schwachpunkte“ bei neuen Medikamenten informieren können.

Nach wie vor gilt für uns Ärzte der alte Grundsatz: „Primum nil nocere!“

Helmut Schatz

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Literatur

(1) B. Mintzes et al.: Journal of General Internal Medicine online April 10, 2013

(2) H.Schatz: Testosteron alle 3 Monate (Nebido®, in USA Aveed™): Gespaltene Meinung des Beraterkomitees der FDA für US-Zulassungsempfehlung wegen Nebenwirkungen nach Injektion.
Kommentar von Medizyniker zum Blog-Beitrag vom 25. April 2013

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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