Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Empfehlungen zur Prävention und Behandlung von Alzheimer-Demenz, II.Teil


Graz, 2. September 2020

Gestern wurde über die chinesische Metaanalyse mit Einstufung in Evidenzklassen der Faktoren für die Prävention von Morbus Alzheimer berichtet. Heute sollen weitere Publikationen aus diesem Jahr zu diesem Thema  ohne Evidenzeinstufungen, dafür aber mit zum Teil sehr detaillierten Anweisungen besprochen werden.

Statistik für Deutschland: Am 13. 8. 2020 wurde von STATISTA (1) die Prävalenzrate von Demenzerkrankungen unter den >65-Jährigen in Deutschland für das Jahr 2016 bekanntgegeben. Diese liegt bei rund 10 Prozent. Etwa zwei Drittel der Betroffenen 1.63 Millionen waren weiblich. Frauen haben schon aufgrund einer höheren Lebenserwartung eine größere Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken. In der Publikation wird den weiblichen Sexualhormonen, insbesondere den Östrogenen eine zentrale Rolle zugeschrieben (1).

Hochdruck: Hughes et al. (2) publizierten eine Metaanalyse von den 12 randomisierten kontrollierten Studien (RCT´s ) in PubMed, EMBASE und CENTRAL, die mehr als 90.000 Teilnehmer hatten. Es wurde der Einfluss einer medikamentösen Blutdrucksenkung an ~10.000 Patienten studiert. Der Ausgangsblutdruck lag im Mittel bei 154/83 mm Hg. Die Inzidenz von Demenz oder Kognition nach 4.1 Jahren betrug bei den aktiv Behandelten 7.0 %, bei den Kontrollgruppen 7.5%. In den Studien, welche  Patienten mit milderen Formen einer Kognitionsabnahme untersuchten, lagen die Zahlen bei 20.2% bzw. 21.1%. Es errechnete sich eine zwar eine statistische Signifikanz, aber die Verminderung der Demenz oder der Kognition war doch sehr gering.

In dem Bericht der Lancet Commission über Demenz-Prävention, Intervention und Betreuung aus dem Jahre 2017 wurden neun potenziell beeinflussbare Faktoren genannt: geringere Erziehung schon ab der Kindheit, Hypertonus, Hörverminderung, Rauchen, Adipositas, Depression, körperliche Inaktivität und wenig soziale Kontakte. Im Jahre 2020 wurden drei weitere neue Risikofaktoren von „überzeugender Evidenz“ hinzugefügt: Exzessiver Alkoholgenuss, Schädeltrauma und Luftverschmutzung. Diese jetzt 12 beeinflussbaren Faktoren wurden in einem neuen Modell für die Demenzprävention berücksichtigt. Sie tragen weltweit zu etwa 40 % der Demenzentstehung bei. Sie besitzen ein hohes Präventionspotenzial, insbesondere in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen; in diesen tritt die Demenz häufiger als bei uns auf. „It is never too early and never too late in life course for dementia prevention” wird betont (early life: <45 J.  midlife: 45-65 J. und later life: >65 J).

Schlüsselbotschaften zur Prävention:

Öffentliche Gesundheitsprogramme und zusätzliche individuelle Massnahmen sollen in Risikogruppen soziale, kognitive und körperliche Aktivität sowie Gefäßgesundheit fördern

Der systolische Blutdruck soll 130 mm Hg oder weniger im mittleren Lebensabschnitt (40 -65 J.) betragen. Antihypertensive Therapie ist die einzige bekannte Medikation zur Demenzprävention. (siehe aber Kommentar des Referenten zu den ACE-Hemmern)

Hörgeräte sollen frühzeitig verwendet, somit propagiert und gefördert werden. Hörverlust durch exzessiven Lärm soll durch Ohrschutz verhindert werden.

Luftverschmutzung und passives Rauchen sind zu reduzieren.

Schädeltraumen sind zu vermeiden (Sturzhelme, Air bags)

Alkoholkonsum ist zu reduzieren. Mehr als 21 Drinks (= 1 Glas Bier, Wein, Cocktail etc.) pro Woche (das wären pro Tag drei) erhöhen das spätere Demenzrisiko.

Allen Kindern soll primäre und sekundäre Erziehung zukommen

Adipositas und damit verbundener Diabetes sind zu verhindern oder zumindest zu reduzieren.

Körperliche Aktivität soll im mittleren, und wohl auch im höheren Lebensabschnitt beibehalten werden.

Guter Schlaf und generell die Gesundheit sind durch Lebensstilinterventionen zu fördern.

Empfehlungen bei schon bestehender Demenz:

Ganzheitliche Betreuung:
Körperliche und geistige Gesundheit, soziale Fürsorge und Unterstützung fördern
Die meisten Dementen haben auch andere Erkrankungen. Solche sind möglichst zu verhindern oder frühzeitig zu behandeln, um eine Hospitalisation zu vermeiden.

Neuropsychiatrische Symptome behandeln:
Kombinierte Maßnahmen können neuropsychiatrische Symptome vermindern, Psychotrope Substanzen sind oft ineffektiv und können negative Nebenwirkungen aufweisen.

Maßnahmen für die betreuenden Familienmitglieder:
Diese haben langanhaltende Wirkung auf Angstsymptome Depressionen und erhöhen deren Lebensqualität; sie können auch Geld sparen.

Kommentar

Der 33 Seiten lange Bericht der Lancet Commission 2020 geht sehr detailliert und praxisbezogen auf die eingangs in der Schlüsselbotschaft gebrachten Punkte ein, einschließlich der Empfehlungen.  Er stellt ein Gegenstück zu der Publikation der chinesischen Autoren über die Evidenzklassen und Levels dar, die gestern, am 1. 9. 2020 in unserem DGE-Blog besprochen wurde.  In diesem wurde darauf hingewiesen, dass für ACE-Hemmer eine zu geringe Evidenz für einen präventiven Effekt auf Demenz bestünde. Das zeigt sich auch in Abbildung 4 aus dem Bericht der Lancet Commission 2020, in dem zwar nicht signifikant, aber doch ein sogar höheres Risiko für Demenz unter ACE -Hemmern gefunden wurde ( siehe Abbildung).

Abbildung (Fig. 4 in Lit. 3):

Für die praktizierenden Ärzte, die Pflegekräfte, die öffentlichen Gesundheitsbehörden sowie überhaupt die Bevölkerung gibt der Bericht der Lancet Commission 2020 äussert wertvolle Hinweise zur Verhinderung einer Demenz und zum Umgang mit schon betroffenen Menschen.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Rainer Radtke: Prävalenzrate von Demenzerkrankungen in Deutschland nach Alter und Geschlecht. 2016.
STATISTA, Aktuelle Studien 13.8.2020

(2) D. Hughes et al.: Association of blood pressure lowering with incident dementia or cognitive impairment: A systematic review and meta-analysis.
JAMA 2020 May 19; 323:1934, https://doi.org/10.1001/jama.2020.4249

(3) Gill Livingston et al.: Dementia prevention, intervention, and care: 2020 report of the Lancet Commission.
The Lancet, August 8, 2020. 396:413-446

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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